Segen das bisherige Jneinanderseyn beiden gewährt; er führt in Beziehung auf das Erstere S ch l e i e r m a ch e r'S Worte an: „Es ist meine volle Ueberzeugung, daß es eine der wesentlich» sten Tendenzen des Christenthums ist, Staat und Kirche zu trennen. Weder soll die Kirche in den Staat, noch diestr in jene aufgehen; aber wenn mit der Trennung ein reines Auseinanderfallen beider, ohne alle g eg enseitige Bezieh un g und Verbindung in einer höher» Einheit gemeint ist, so muß ich entschieden widersprechen."
In diesem Sinne verbietet das Christenthum die völlige Trennung nicht blos für den gegenwärtigen unvollkommnen Zustand des Staates, sondern auch für immer und selbst des vollkommensten Zustand des bürgerlichen Lebens; in Beziehung auf den Segen, den die Verbindung mit dem Staate der Kirche gebracht, äußert er sich dahin, daß durch die Ausnahme der Theologie in die Reihe der Universitätswissenschaften die Unabhängigkeit derselben gewehrt worden sey, und es stehe nur zu sehr zu befürchten, daß unsere deutsche freie evangelische Theologie, der Stolz unseres Vaterlandes, bei gänzlicher Trennung von Staat und Kirche in eine schmähliche Abhängigkeit von der Kirche, in ein ähnliches Verhältniß wie die katholische Theologie zu ihrer Kirche, gerathe.
Er schließt mit der Aufforderung an die Wittenberger Versammlung, sie möge mit dem Ergebniß enden, daß jetzt für die Kirche in dieser Angelegenheit die Zeit des StillseynS, Wartens und Anhaltend sey, daß cs, um nicht größern Schaden anzurichten, gerathen sey, die gelegenere bessere Stunde abzuwarten, wo es gelingen werde, aus dem Zwiespalt Einigkeit, aus der Verwirrung, dem Gewühle Ordnung, Klarheit und edle Ruhe zu schaffen und das wunde Leben im Staat und in der Kirche zu heilen.
Das klare und ruhige Wort des um Theologie und Kirche verdienten Lücke, der nicht wie ein Blinder von der Farbe spricht, hat uns wohlgethan, und wir sprechen nochmals den Wunsch aus, daß es Alle, die sich für den Gegenstand interessiren, namentlich aber Diejenigen, die berufen sind, in der für Staat und Kirche so wichtigen Angelegenheit mit zu reden, lesen und, was das wichtigste ist, beherzigen mögen.
Französische Politik.
Unter der Julimonarchie war die französische Politik so konzise, so regelrecht und leicht faßlich, wie die französische Grammatik; daS Spiel der parlamentarischen Institution ging mit derselben Korrektheit von Statten, wie die Bewegung eines guten Uhrwerkes, und man konnte nach dem Zeiger der Kammermajorität immer ziemlich genau bestimmen, was die Glocke der Politik geschlagen hatte. Die Februarrevolution hat in dieses saubere Räderwerk arge Störungen hineingebracht, und eS ist heutzutage ungleich schwieriger alS vor zwei Jahren dem Gange der innern Geschichte Frankreichs zu folgen. Alles ist in derselben Dunkelheit, Widerspruch, Verschrobenheit; man sieht nichts vor sich, als schiefe Stellungen, unwahre Lebens- Aeußerungen, versteckte Bestrebungen. AuS der Republik ohne Republikaner ist eine Monarchie ohne Monarch geworden; statt des unverantwortlichen Königs, welcher nach dem Willen der Kammer herrschen mußte, haben die Franzosen nun 600 unverantwortliche Senatoren, welche regieren wollen, und einen verantwortlichen Wahlmonarchen, der regieren sollte, aber nicht regieren kann, weil er in Geld- und Gesetzesfragen von jenen 600 Unverantwortlichen abhängig ist. Eine wahrhafte Regie, rung, deren das Land so dringend bevarf, ist durch diese falsche Stellung der beiden obersten Staatsgewalten rein unmöglich gemacht; der Präsident hat nur die Wahl, entweder die Hände in den Schooß zu legen, und sich unbedingt den Beschlüssen der Kammermajorität zu unterwerfen, — und dann ist er eine pure Null im StaatSorganismuS, der willenlose KommiS eines regierenden Konventes, daS Ideal der rothrepublikanischen Doktrinärs, — oder er muß seinen eigenen Willen trotz der Kam- mcrbeschlüffe durchsetzen, d. h. eine diktatorische Gewalt in Anspruch nehmen.
LouiS Bonaparte hat am 31. Oktober den Versuch gemacht, seine Selbständigkeit und Willensfreiheit zu behaupten, ohne offen mit der Kammermajorität zu brechen, aber die Geschichte der vier Wochen, welche dem 31. Oktober folgten, hat genugsam bewiesen, daß dieser Versuch ihn am Ende doch
wieder zu der Alternative treiben muß, sich entweder rücksichtslos ganz über die Nationalversammlung hinwegzusetzen , oder sich ihr zu unterwerfen, wie er eS bis zum 31. Okt. that, als der Klubb der Rechten auf dem Quai d'Orsay der wahre Beherrscher Frankreichs war, und das Kleeblatt ThierS, Mols, Berryer die Geschicke des Landes in der Hand hielt.
In diesem Augenblicke stehen Nationalversammlung und Präsident sich gegenüber wie zwei Gegner, von denen keiner sich getraut, den ersten Streich zu thun, ,,wi)ling to wound, but yet afraid to strike“. In untergeordneten Angelegenheiten bricht die verhaltene Feindseligkeit der konservativen Kammermajorität gegen den Inhaber der Vollziehungsgewalt manchmal hervor; die Verwerfung der 20,000 Frs. für daö Logis des Vizepräsidenten, die erste Lesung des Antrages auf Feststellung der Zahl der Ministerposten, die erste Lesung des Antrages wegen Fernhaltung der Nationalversammlung von öffentlichen Festlichkeiten und mehrere andere Beschlüsse der Art waren nichts Anderes als Ausflüsse der Gereiztheit, in welche die bekannte Präsidentenbotschaft die Rechte in der gesetzgebenden Versammlung versetzt hatte. Aber diese Gereiztheit ist zu schwächlich und muth- los, um in offenen Zorn auSzubrechen; die Majorität fühlt zu sehr, wie tief sie in sich selbst zerspalten, wie locker sie auS eifersüchtigen Fraktionen zusammengebunden ist, um zu einem entscheidenden Kampfe gegen die vollziehende Gewalt sehr aufgelegt seyn zu können.
Wenn der Präsident seinerseits zögert, die Konsequenzen seiner Botschaft zu verwirklichen, seine Verantwortlichkeit ernsthaft aufzufassen, zu regieren, wie es ihm und nicht wie es der gesetzgebenden Gewalt gut dünkt, so ist das in der That erklärlich genug. Seyn Programm ist praktisch, aber nur unter der Voraussetzung, daß es das Programm eines wirklichen Napoleon ist. Es führt unverkennbar zu nichts Anderem als zu einer absoluten Herrschergewalt, welche geschickt und stark seyn muß, um sich gegen die parlamentarischen «Ueberlieferungen eines Menschenalters, gegen die Opposition aller namhaften Politiker, gegen eine freie Presse und einen unabhängigen Richterstand behaupten zu können. Und um dieS zu können, müßte sie namentlich durch eine hinreißende, blendende Politik die außerparlamentarischen Klaffen der Bevölkerung, müßte sie entweder durch Waffenruhm das Heer ober durch kühne .Reformen die bürgerliche Welt an ihren Triumphwagen fesseln.
Eine solche Herrschergewalt hat der Kaiser Napoleon auf den Trümmern und aus den Bausteinen einer Revolution aufzurichten verstanden, und die Aufgabe, welche der Neffe vor sich hat, ist nicht geringer als diejenige war, zu deren Verwirklichung der Oheim alle Spannkraft seines gewaltigen Genies aufbieten mußte. Gleich dem ersten Konsul hat er die Aufgabe, nicht eine bestehende, fertige Autorität zu übernehmen, sondern eine Autorität selbst zu schaffen und diese Autorität selber zu seyn. Aber eS ist sehr zu bezweifeln, ob eS dem ersten Konsul gelungen wäre, seinen Gedanken durchzuführen: der einzige rechtmäßige Representant der französischen Nation zu seyn, wenn er gezwungen gewesen wäre, diesen Gedanken der täglichen Kritik einer ungefesselten Presse und einer unabhängigen Versammlung preiszugeben. Und bann ist der gegen, wärtige Prästvent der französischen Republik, obwohl ohne Frage ein mehr als gewöhnlicher Mensch, doch nicht entfernt ein Mann von so genialem und hochfahrendem Geiste, wie Napoleon es war. Mit weit geringerer persönlicher Bedeutung ist er ganz anderen Schwierigkeiten gegenüber gestellt. BiS jetzt hat er nur Anläufe genommen, diese Schwierigkeiten zu be« meistern, aber in den eilf Monaten seines Regiments ist von irgenv einem Gelingen nicht die Rede. Die Finanzen, die Forderungen der arbeitenden Klassen, die Schul- und Kirchenfrage, die Stellung Frankreichs zum Auslande, das allein sind vier Angelenheiten von kardinaler Bedeutung, deren Lösung heute noch eben so fern zu liegen scheint, wie am 10, Dezbr. 1848. Louis Bonaparte hat daS Ministerium Dufaure-Barrot, welches das StaatSschiff leidlich flott und von den schlimmsten Klippen fern zu halten verstand, gerade deßwegen entlassen, weil es jenen brennenden Fragen gegenüber sich ohnmächtig und gedankenarm zeigte, weil cs nur administrirte, nur für das tägliche Salz und Brot der Verwaltung sorgte, weil eS mit einem Worte nicht regierte, wie z. B. Sir Robert Peel in England regiert hat. Allein was hat er an die Stelle jenes entlassenen Kabinets gesetzt? Einen Zustand, welcher sich nach den hergebrachten staatsrechtlichen Begriffen gar nicht definiren läßt, welcher schwankt zwischen einem absoluten Regiment ohne Macht und einem parlamentarischen Regiment, ohne parlamentarische Minister. Eine „Lähmung der vorhandenen
