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Nassauische

Allgemeine Zeitung

M 286

Sonntag den 2. Dezember

18419

Zweite Ausgabe

Uebersicht.

Deutschland. Weilburg (Neue Skandalszenen im Gemeinderath). —

: Frankfurt (Die Bevollmächtigten zum Interim). — Schwerin (Die (Cholera).—. Lübeck (General v. Bonin.— Wien (Vermischtes),

Frankreich. Paris (Die Legimisten-Verschwvrung). Großbritannien. London (Ueberraschende Nachricht). kürkei. Konstantinopel (Die Angelegenheit der Flüchtlinge).

Ostindien. (Die Cholera).

Sprechfaul für Stadt und Land.

D e u t s G l a n d.

□ Weilburg, 29. Novbr. Am 24. d. M. sollte für den »uS dem Gemeinderath ausgetretenen Vogt ein neues Mit­glied erwählt werden. Schon waren die Bürger in der gesetz­lich erforderlichen Zahl erschienen, Vorsitzender, Stimmzettel­sammler und Schriftführer ernannt, und es sollte zum Ein­sammeln der Stimmzettel geschritten werden, da stellte das Mitglied des GemeinderatHS Künstler an den Hrn. Bürger­meister das Begehren, vorerst die Anwesenden zu befragen, ob ße Vogt entlassen wollten!

Da Vogt, wie schon berichtet, freiwillig ausgetrüen war und mithin von einer Entlassung keine Rede mehr seyn konnte, so lehnte der Herr Bürgermeister dieses Ansinnen mit Recht ab und bemerkte dabei, diese Angelegenheit sey ja auch durch daS Amt und herzogl. Landesregierung schon entschieden.

Darob ergrimmte Künstler so sehr, daß er vor allen Anwesenden erklärte, die Regierung habe ihnen in diesen Sachen nichts zu befehlen, sie habe hier in die Rechte deö Volkes ge­pfuscht, und wiederholte diese Aeußerung, nachdem sie ihm von dem Bürgermeister verwiesen worden war.

Hiernach trat das Mitglied des Gemeinderathes Wimpf uf und sagte, er wolle die Anwesenden belehren: statt Vogt slle nur deßhalb ein neues Mitglied erwählt werden, weil sener, als ältestes Mitglied, die Leumundsberichte mitunter« eichnet habe; in der Untersuchung wegen des Konfliktes mit en Preußen wäre gegen ihn von dem Bürgermeister und zwei äderen Mitgliedern mit einer unerhörten Schändlichkeit be­ichtet worden, und er werde diesen Bericht zu Jedermann's Einsicht in seinem Hause offen legen.

Dadurch geschah es, daß sich die wahlberechtigten Bürger ium größten Theile entfernten und die beabsichtigte Wahl ver­eitelt wurde.

; ES ist die höchste Zeit, daß einem solchen Unwesen mit ^nllem Ernst entgegengetreten und daß die Schuldigen gerichtlich Mr Rechenschaft gezogen werden.

' Im Falle der Klage, welche im Interesse der Dicnstehre erhoben werden muß, glauben wir dem Schuldigen kein gün- ^igeö Prognostikon stellen zu können, weil schon die einfachste Chrenkränkung mit 14tägigem Arrest, nach Art. 306, gestraft werden soll, hier aber alle Erschwerungsgründe des Akt. 302 Zugleich konkurriren, und in diesem Falle die Strafe bis zu P Monaten Korrektionshaus steigt.

Mainz, 29. November. (O.-P.-A.-Z.) DaS MckineiS hat sich oberhalb Kostheim festgestellt, so daß bei uns der Rhein nun frei von Treibeis ist. Letzterer ist rasch um einige Fuß gestiegen, so daß die Schifffahrt im besten Gange ist, obschon wir in letzter Nacht 10 Gr. R. Kälte hatten.

Frankfurt, 30.Nov. (D. Z.) Die für das Interim er­nannten Kommissarien der beiden Großmächte werden, glaub­hafter Versicherung zufolge, im Laufe der nächsten Tage hier eintreffèn und ihre Funktion antreten. Eine Verzögerung ergab sich nur noch aus dem zufälligen Grunde, daß Fürst Schwarzen­berg noch nicht auf alle einschlägigen Fragen in ausreichender Weise vorbereitet war und deßhalb einer speziellen Auskunft von hier bedurfte, die, wie wir hören, bereits ertheilt seyn soll.

Schwerin, 24. November. Seit dem 13. d. M. sind hier viele leichtere Brechruhrfalle und einzelne schwerere Erkran- kungs- und Todesfalls unter Symptomen der Cholera vorge- koMMen, ohne daß hinsichtlich der letzteren unter den behandeln­den Aerzten bisher Uebereinstimmung darüber erreicht ist, ob in der Krankheit die asiatische Cholera oder eine klimatisch modifizirte Abart derselben (deutsche Cholera) zu erkennen sey.

Lübeck, 26. Nov. (K. Z.) Unsere alterthümliche, in tief­stem Frieden dahin lebende Stadt ward gestern Nachmittags durch den unerwarteten Besuch des Generals v. Bonin an­genehm überrascht. Für den Oberbefehlshaber der schleswig- Holsteinischen Armee, den Sieger bei Kolding und GudSö ist Lübeck ein merkwürdiger Ort. Hier pflückte sich der tapfere Heerführer im Jahre 1806 seine ersten militärischen Lorbeern. Damals kämpfte Bonin als achtzehnjähriger Offizier gegen die Feinde und Unterdrücker Deutschlands, und trug am Burg­thore eine nicht unbedeutende Wunde davon. Der General erinnerte sich jener längst vergangenen Zeit und besuchte bald nach seiner Ankunft ^en Ort des damaligen Gefechtes. AbendS wohnte er an der Seite des regierenden BürgermeisteS einer Vorstellung im hiesigen Theater bei, und reis'te heute früh über Oldesloe, wo er gestern schleswig-holsteinische Truppen inspi- zirte, nach Altona zurück. Fast zu gleicher Zeit mit dem Ge­neral kam auch Jenny Lind hier an. Sie ist auf der Rück­reise in ihr. Vaterland begriffen.

Wien, 25. Novbr. (A. Z.) In der Physiognomie Wiens hat sich in der letzten Zeit wenig geändert. Der Zudrang von Fremden nimmt fortwährend zu, und die Aristokratie findet sich, zum Troste für den hiesigen Bürger, immer zahlreicher ein. Frei­lich fehlen noch immer die funkelnden Livreen und die glänzen­den Equipagen der reichen Magnaten, aber auch die nicht ge­ringen Reste derselben werden wohl ihre traurigen Landsitze ver. lassen und ins gastfreundliche Wien zurückkehren. Die Allge­meine Zeitung von und für Ungarn bringt folgende Notiz über Gorgey: Gestern sind fünf dem Görgey gehörende Kisten mit Gold und Silber, welche in der Sparkasse von Komorn be­findlich waren, nach Wien befördert worden. Der Gesammt« werth derselben beträgt 32,000 fl. (?) Eine besondere Plage bilden gegenwärtig die unendlich vielen oft kühn ausgeführten Diebstähle. Die Thätigkeit der Polizei ist nicht im Stande, das abzustellen.