Nassauische
Allgemeine Zeitung.
$ J£ 283 Donnerstag den 29. November 18419.
Zweite Ausgabe.
Uebersicht.
Zeitungsschau.
Der Idsteiner Landeskongreß.
Ueber Geld, namentlich Papiergeld.
Deutschland. Von der Bergstraße (Preußische Erekution). — Stuttgart (Seeger). — Göppingen (Schwäbischer Sängerbund).
— Berlin (Die Volksvereine). — Breslau (Venedey). — Wien
(Die Ueberstedelung der kaiserlichen Familie nach der Hofburg. Reformen im Artilleriewesen. Die Juden in Krakau.
Schweiz. Bern (Badische Note. Auflehnende Ausrufe. Die Festungswerke von Genf).
Sprechsaai für Stadt und Land.
Zeitungsschau
ES ist jetzt ein Jahr verflossen, schreibt der Lloyd, seitdem Kaiser Ferdinand das StaatSruder in die Hände deS Ministeriums Schwarzenberg legte. Große historilche Ereignisse haben die meisten Tage jenes Zeitabschnittes bezeichnet, deren volle Kraft und Tragweite erst künftige Jahre und Jahrzehnde er# ' proben werden. Wir können nur einen Theil derselben würdigen. Zum ersten Male seit vielen schrecklichen Monaten fühlte Oesterreich im November 1848 die sichere Hand, welche daS StaatSschiff steuerte. DaS war ein historischer Moment, als daS Fahrzeug zuerst nach seinem festen Willen sich richtete. Welche Richtung es auch einschlug, schon Das war ein Gewinn, ein Gewinn deS Lebens, daß eS überhaupt Eine Richtung verfolgen konnte. Man hatte sich des Glaubens daran schon entwöhnt. Oesterreich trieb vor dem Winde. Wir wurden plötzlich auS großer Gefahr gerettet. Es war wahrlich kein heiteres Wetter an dem Tag, als Fürst Schwarzenberg Premierminister Oesterreichs wurde. Krieg bestand mit dem Auslande, Krieg wüthete im Jnlande. Die StaatSmaschine, auS den gewohnten Gleisen gerissen, rollte halb zerbrochen auf einem holperigen Boden. Der Reichstag war derselbe, der in Wien Partei für die Empörung genommen hatte. Geld war nicht da, und Vertrauen fehlte.
DaS Ministerium Brandenburg war kurz vorher und auch » in einer kritischen Epoche zur Regierung deS Nachbarstaats berufen worden, und die Hindernisse, welche eS zu bekämpfen hatte, waren groß, aber doch winzig, wenn mit den Gefahren verglichen, welche das österreichische Ministerium zu überwinden hatte. ES hat manchen Muthigen unter unS gegeben, der zu jener Zeit zagte, manchen Patrioten, der unverdrossen und getreu seine Pflicht hat, aber selbst an den Erfolg nicht glaubte. Aber der Erfolg ist nicht auSgeblieben. Er war groß, aber nicht größer als der Muth und die Kraft, die ihn errungen. Es ist ein Jahr deS Kampfes und deS Krieges, welches hinter uns liegt. ES wehte noch vor wenigen Wochen eine feindliche Flagge in der Mitte Oesterreichs und von der gewaltigsten Festung dieses Landes.
Aber während deS Krieges ist das Werk des Friedens gethan worden ; während die Zerstörung wüthete, sind die Grund
festen deS gewaltigsten Baues tief gelegt worden. Eben dies nennen wir daS Charakteristische deS verflossenen JahreS, daß inmitten deS Krieges, der um die Selbsterhaltung deS StaatS geführt wurde, derselbe Staat mehr für die Zukunft und den Frieden gepflanzt, gezogen und gearbeitet hat als während der verflossenen dreißig FriedenSjahre. Oesterreich wird die Geschichte seiner innern Entwickelung von demselben,Jahre datiren, in welchem es den größten Theil seiner Kräfte im rauen Kriege zu verwenden hatte. Wir fällen dieses Urtheil als Freunde deS Ministeriums Schwarzenberg, als welche wir und bei dem Beginne feiner Laufbahn bekannten, als welche wir uns auch heute stolz bekennen. Aber auch dessen Feinde urtheilen nicht weniger günstig, alS wir es thun. Die Furcht deS Gegners ist eben so viel werth wie die Anhänglichkeit veS Freundes. Und man fürchtet Oesterreich heute, wo man eS vor etwas mehr als einem Jahre nur verspottete.
i Der Idsteiner Landeskâgrest.
Wiesbaden, 28. Novbr. Am 24. d. MtS. kam in der Sitzung deS Kassationshofes dahier die Nichtigkeitsbeschwerde der wegen HochverratHS von dem Anklagesenate vor die Assisen verwiesenen Karl Schapp er von Weinbach unv Landober, schultheißen Wenkcnbach von Wehen zur Verhandlung. Von sämmtlichen Angeklagten (außer den Genannten noch Präsident Raht, Pfarrer Snell, Prokurator Lang, AmtS- sekretär Hehner, vormaliger AmtSakzessist Müller, Fabrikant Justi, Redakteur Oppermann, Dr. Gerau und Meyer) hatten nur Schapp er und Wenkenbach um Kassation deS Urtheils nachgesucht, weil die Thatsachen, welche dem VerweisungSerkenntniffe zu Grund lägen, kein Verbrechen bildeten. Die von dem Vertheidiger OberappellationSgerichtS- Prokurakor Geiger von hier unternommene Ausführung seiner Behauptung ist bereits in Rro. 282 dieser Blätter beleuchtet worden. , ES wird aber nicht ohne Interesse seyn, die Entschei- dungSgründe des KassationshofeS, welcher die RichtigkeitSbe- schwerde verworfen hat, zu hören, weil diese nicht allein nachweisen, daß daS Urtheil veS Anklagesenats die Wahrheit der Thatsachen, welche ihm zu Grunde liegen, vorausgesetzt, dem Gesetze entspricht, sondern, weil der Kassationshof auch sich über Fragen von allgemeiner Bedeutung ausgesprochen hat.
Nach dem VerweisungSerkenntnisse soll nämlich auf der am 10. Juni d. Js. in Jvftein staitgefundenen Versammlung (dem s. g. LanveSkongresse) die Ausführung eines Angriffes gegen die Verfassung deS HerzogthumS beschlossen worden seyn, der dorten gebilvete Landesausschuß soll die Ausführung der Beschlüsse übernommen haben, welche selbst gewaltsam durch- gesührt werden sollten. Die einzelnen Beschlüsse sind noch im frischen Andenken, eben so auch der von dem LanvesauSschusse am 13. Juni d. J. erlassene Aufruf an daS Nassauische Volk.
Der Kassationshof sagte nun, daß man, wenn bei dem gedachten Landeskongresse und LandeSauSschuffe in ihrer Stellung als solchen, für deren rechtliche Entstehung, somit Zusammen-
