Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M LSI. Donnerstag den 28. Juni L8LN
Zweite Ausgabe.
Uebersicht.
Amtlicher Theil.
Dienstnachrichten.
Nichtamtlicher Theil.
Zeitungsschau.
Deutschland. Mannheim (Trützschler). — Aus der Pfalz (Angebliche Territorialveränderungen). — Karlsruhe (Bekanntmachung des Präffdenten des Rumpfparlaments. Das Einrücken der Preußen). — Knie lin gen (Kanonade). — Sinsheim (Dom Kriegsschauplätze).— Heilbronn (Flüchtende Freischaaren). — Marburg (Volksversammlung). — Köln (Das Bankett). — Berlin (Die Wahlen). — Breslau (Die Cholera). — Wie» (Unterhandlungen mit Venedig). — Altona (Vom nördlich.« Kriegsschauplätze).
Frankreich. Paris (Telegraphische Depesche aus Rom. Tagesbericht).
Ungarn. Pesth (Koffuth und Görgey).
Italien. Rom (Die Beschießung). — Turin (Die Kriegssteuer an
" Oesterreich).
Nachschrift.
Amtlicher Theil.
Dem Hülfslehrer am landwirthschaftlichen Institute Herrn Dr. Schirm in Wiesbaden ist eine Lehrerstellc an der Realschule in Langenschwalbach übertragen worden.
Der Elementarlehrer Becker in Herborn und der Elementarlehrer Krau s in Allenhain sind des Dienstes entlassen und der mit Versetzung der zweiten Lehrstelle an der Realschule zu Langenschwalbach beauftragte Privatlehrer Peiser, sowie der bei der Realschule zu Diez beschäftigte Kandidat Henninger von ihren seitherigen Dienstfunktionen entbunden worden.
Nichtamtlicher Theil.
3 e i t u n g s s ch a u
■ Die „Speyerer Zeitung" äußert sich: „Der Aufstand in der, Pfalz hat schon seit Anfang der verflossenen Woche sein Ende erreicht; er hat geendigt, wie jeder Unbefangene der Hauptsache nach vorhersah,— ohne allen und jeden Wi, derstand von Seiten des Volkes. Jene Leute, denen es vorübergehend gelungen war, sich in den Besitz der Gewalt zu setzen, erklärten das Verlangen: daß sie die Stimme des Volkes vernehmen, daß sie eine' Volksvertretung berufen sollten,— für Verrath! Sie waren sich also bewußt, daß ihr Schalten und Walten dem Willen der (unendlichen) Mehrheit des Volkes nicht entsprach. Ihre Gewalt reichte nun zwar allerdings aus, den Widerstand der einzelnen Orte niederzu
schmettern, — daß aber die ganze Bevölkerung sich für eine solche Gewaltherrschaft in einen Kampf stürzen werde, konnten nur völlig Verblendete glauben. Die Enttäuschten mögen die Bitterkeit der Enttäuschung ihrer völligen Nichtachtung der Volksstimme beimessen! — Schwer und gerecht sind viele Vor, würfe, welche gegen jene Träger einer vorübergehenden Gewalt allenthalben in unserem Lande erhoben werden. Wir, von unserem Standpunkte aus, haben am allerwenigsten Grund, die deßfallsigen Beschuldigungen in Abrede zu stellen. Jene Leute haben der Sache der Freiheit selbst eine tiefe Wunde geschla- gen. Die Geschichte aller Zeiten beweißt, und wir werden es neuerdings zu erfahren haben, daß ein Ueberstürzen, wie es hier versucht war, nicht der Freiheit dient, sondern daß eS nur allzuoft von der Reaktion als erwünschter Vorwand benützt wird, die Freiheit auf alle Art zu bekämpfen und niederzudrücken. Aber eben im Hinblicke darauf ist es die Pflicht eines Jeden, sich nicht fortreißen zu lassen von der Strömung des Augenblicks. Es ist heute nichts leichter, als mit einzustimmen in den (an sich gewiß gerechten) Tadel und die Verdammung der Anarchie und der Gewaltherrschaft von unten; möge man aber auch allerwärts gleich wachsam seyn, daß nicht unter dieser Bezeichnung die Freiheit selbst angegrif, fen oder gar vernichtet werde. Man wird es, nochmals sey es gesagt, vollkommen gerechtfertigt finden, daß der Anarchie entgegen getreten werde: wer wahrhaft die Freiheit will, ist kein Freund der Anarchie, gerade weil neben dieser keine Frei, heit besteben kann, — möge aber darum Niemand gleichgültig werden hinsichtlich der politischen Fragen, der bürgerlichen Rechte und Freiheiten.
Die „Mannheimer Abendzeitung" bespricht die letzten Vor, gänge wie folgt: „Die Revolution en Baden, die so drohend in ihrem Anwachsen erschien, ging gestern beinahe überraschender, als sie begonnen, auch wieder zu Ende. Die Schuld die, ses raschen Wechsels ist hauptsächlich in der schon seit längerer Zeit bestehenden Uneinigkeit der Führer zu suchen, und ihr ist auch die Niederlage der badischen Streitkräfte in der Umgegend von Knielingen und Waghäusel, die mittelbare Ursache des raschen Umschlagens von Mannheim zuzuschrciben, denn nichts lähmt ein großes Unternehmen mehr, als Uneinigkeit von oben herab. Während Brentano, mit kluger Berechnung der Verhältnisse nach Außen, jedes Streben nach Republik zu verbergen wußte, trug Struve durch eine übereilte Revolution in der Revolution seine Absicht nach sozialistisch, demokratischer Repu, blik offen zur Schau, und untergrub dadurch die Grundpfeiler des im Ganzen übereilten Baues; auch Mördes fand, einer Aeußerung in den letzten Kammersttzungen zufolge, die anfangs beibehaltene Mäßigung nicht mehr nöthig, und machte dadurch die Uneinigkeit im Innern vollständig. Das Militär sah sich plötzlich weiter geführt, als von Anfang an dessen Absicht gewesen, und gab sein Mißbehagen darüber durch Wort und That zu wiederholten Malen kund. Dieß, so wie die täglich sich vergrößernde Last der Einquartierungen und sonstiger theils freiwilliger, theils gezwungener Opfer, verschaffte der insge-
