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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

M 1L8 Freitag den 22. Juni 18LN

Zweite Ausgabe.

Uebe r s i ch t.

Amtlicher Theil.

Dienstnachrichteu.

Nichtamtlicher Theil.

Die sogenannten Volksverräther.

Deutschland. Wiesbaden (Der Toast des Bischofs von Limburg). — Lan geii sch w a > ba ch (Erzeß). — Limburg (Geistliche Stellen). — Mainz (Bayerische Truppen in Ludwigshafen). — Frankfurt (Die Kriegsgefangenen). — Aus der Pfalz (Die Nachricht von dem Ein­rücken der Preußen wird in Bayern ungünstig ausgenommen). — Aus Baden (Auflehnungen gegen die provisorische Regierung). — Karls­ruch e (Die konstituirende Landesversammlung). — Koblenz (Schlägerei).

— Stuttgart (Das Rumpfparlament). — Riedlingen und Ulm (Erzeffe). — Halle (Schicksale eines demokratischen Blattes). — Berlin (Wähler oder Nichtwähler? Die BerfaffungSangelegenheit). — Wien (Lügenbericht. Vom ungarischen Kriegsschauplätze).

Frankreich. Paris (Tagesbericht).

Amerika. Neu-Uork (Dampfschiff für die deutsche Flotte).

Nachschrift.

Amtlicher Theil.

Dem Professor Bellinger in Idstein ist die Schulinspek« tion in der Stadt Idstein übertragen worden.

Am 24. April 1849 ist der pensioniere Lehrer Köpper in Stein und Neukirch mit Tod'abgegangen.

Nichtamtlicher Theil.

Die sogenannten Volksvorräther. *)

Das wimmelt jetzt von „Berräthery" im Vaterlande vom Belt bis zu den Alpen; beinahe kein Landstrich ist ohne einen solchen Kapitalverbrecher. Da haben wir zunächst in Darm­stadt und Frankfurt Gagern und Jaup. Zwar hatte jener volle zwanzig Jahre lang in den vordersten Reihen der Kämpfer für die Freiheit gestanden, und nie auch nur einen Augenblick in seiner Ueberzeugungstreue gewankt. Aber da er nicht durch Dick und Dünn mit den Rothen geht, da ihm das Vaterland mehr am Herzen liegt, als die Gunst einer, wie die Erfahrung lehrt, in ihren Meinungen wandelbaren Masse, bei welcher die heftigste Erregtheit mit der trägsten Gleich­gültigkeit abwechselt, so wird er billig ein Verräth er ge­nannt.

Nicht minder der alte Jaup. Er gilt bei kundigen Leuten für einen ausgezeichneten Rechtskundigen, Darmstadt verdankte

*) Wir entnehmen diesen Artikel, den wir der Aufmerksamkeit unserer Leser besonders empfehlen, der in Braunschweig erscheinenden ReichS- zeitung. Uiilâugbar rührt derselbe aus der Feder Andree's. D. Red.

ihm eine nach Zeit und Umständen vortreffliche und sehr frei­sinnige Gemeindeverfassung, er wurde, weil er in der Kammer mit unbeugsamem Muthe die Rechte des Volkes vertrat und ein freies Staatsleben wollte, durch absolutistischen Einfluß aus dem Ministerium gedrängt; er blieb aber bis heute sich selber unbedingt treu. Doch er will das Mögliche, und mag sich nicht den Launen der äußersten Linken fügen, — also er ist ein Verrät her. Ein junger Mann, der noch kaum in der Wiege lag, als Jaup schon auf ein langes und thaten- reicheS Leben zurückblicken konnte, und zu den besten Männern Deutschlands gehörte, kann in Offenbach erklären, Jaup besitze das Vertrauen des „Volks" nicht mehr und „müsse ab!"

Da ist Welcker. Er hat ein Vierteljahrhundert lang an der Spitze der zweiten Kammer in Baden gestanden und allen Verfolgungen der Machthaber Trotz geboten, die ihm seinen Lehrstuhl nahmen, um feinen Einfluß auf die akademische Jugend zu lahmen. Er wirkte anfeuernd und belehrend ins­besondere auch durch sein Staatslerikon, aber dieses ist von der „Mannheimer Abendzeitung" für ein „reaktionäres Mach­werk" erklärt worden, und der souveräne Jarnhagel von Heidel, berg, welcher sich durch Verleihung des Ehrcnbürgerrechts an Htn. Welcker selbst geehrt, schändet die Stadt durch Angriffe auf desselben Mannes Person und Eigenthum. Natürlich, er ist ein Verräther, weil der im Dienste des Vaterlandes Er­graute eS wagt, andere Ansichten zu hegen, als die souveränen Freischärler und Turner. Also „werft das Scheusal in die Wolfsschlucht!"

Da ist Sylvester Jordan aus Marburg. Er hat länger als ein Jahrzehnt wie ein Held die Qualen einer politischen Haft und einer zum Himmel aufschreienden Willkür erduldet, aber er ist kein Demokrat vom reinsten Wasser und wird deß­halb mit vollem Rechte für einen Verräther erklärt.

Und dieser Dahlmann, — ein Erzverräther, denn er hat einen Kaiser gewollt, und beharrt steifnackig bei seiner An- sicht, welcher der große Fehler zu Grunde liegt, daß sie aus edelm, patriotischem Gemüthe hervorquillt und das Ergebniß der allergründlichsten, geschichtlichen und politischen Studien ist.

Von Gervinus muß man gar nicht mehr reden, er ist ein „Todter" und der alte Arndt, zwar auch ein Spießgesell jener Verräther, aber ihn läßt man „laufen."

Dagegen Hergenhahn ist würdig, auf das „Kärrchen" gebracht zu werden. Er hat in Nassau so lang fast allein muthig das freiheitliche Prinzip verfochten, dann das große Opfer' gebracht, die undankbarste Stelle zu bekleiden, welche es geben kann, die eines leitenden Ministers, er hat seine Ge- sundheit in die Schanze geschlagen, eine Reihe der wichtigsten Verbesserungen in der Staatsverwaltung und der Rechtspflege eingeführt, gleich sehr angefeindet von den Reaktionären wie von den Rothen, — also ist er ein Verräther, und die Ver­blendeten freuen sich und jubeln, baß solch' ein „Halber" ab­treten muß, weil er die „Hoffnungen," welche man in ihn gesetzt, nicht verwirklicht habe.

Wer aber hat, wenn er Maß einhielt und den Verstand über die Leivenschaft gebieten ließ, die Hoffnung der äußersten Parteien verwirklichen können? Und welcher einsichtsvolle Mann möchte das? Die Todten reiten schnell in einer Zeit,