Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^L LâL Samstag den 16* Juni
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Uebe r [ i $ t.
Zeitungsschau.
Konservative Wünsche.
Herr Ledrn-RoUin und seine badischen Freunde.
Deutschland. Riedering el he im (Entwaffnung). — Frankfurt (Die Preußen M3 Kaiserslautern vergedrnngen). — Darmstadt (Badische Ueberläufer). — Worms (Scharmützel). — Aus Rheinhessen (Der Marsch der Preußen nach Zweibrücken). — Alzey (Alerander- Câsar-Rapoleon-Zitz). — Mannheim (Verschanzungen). — Aus Baden (Miroslawski und Napoleon-Siegel). — Karlsruhe (Die Finanzverlegenheilen der provisorischen Regierung). — Kassel (Das Ministerium Eberhard und die deutsche Sache). — Heilbronn (Entwaffnung der Bürgerwehr). — Stuttgart (Kammersitzung Truppen. Geldunterstützung des Rumpsparlaments). — München (Die Reise von der Pfordtens). — H o r se n S. (Gefangennahme einer hessischen H»- sarenabtheilung). — Wien (Vom ungarischen Kriegsschauplätze).
Italien. Eivitavecchia (Rom erobert), Sprechsaal für Stadt und Land.
Z e i t u n g s s ch a u
Der Allgemeinen Zeitung wird aus Karlsruhe geschrieben: Welch' eine Eintagsfliege die Gunst des großen Haufens ist! Noch vor wenigen Monden war Karl Vogt der „ächte Mann" der demokratischen Partei, wurde bei den Volksoersammlungen fetirt, von den Gallerie-Fâusten applaudirt. Jetzt wird gerade sein Name unter den Fünfen der Regentschaft von unsern Ultrademokraten mit Hohn und Schimpf aufgenommen. Ich wohnte einer Versammlung von Mitgliiedern des Struve'schen Klubs in einem hiesigen Gasthose bei, als vor drei Tagen Briefe aus Stuttgart uns die Wahl der Regentschaft meldeten. Als darunter auch Vogts Name verlesen wurde, erschallte allgemeines Hohngelächter. „Dieser Possenreißer — äußerte ein anwesender Blouseumann — sollte sein Sitz im Bierhause, nicht unter der deutschen Regentschaft aufschlagen. Der Regententitel paßt für ihn wie für — — das goldene Halsband." So lautete wortgetreu das mit Applaus aufgenommene Urtheil eines Mitglieds deö Struve'schen Klubs über Karl Vogt! In ähnlichem Sinne, wenn nicht mit gleichen Worten, äußert sich über ihn sogar das Organ unsrer provisorischen Regierung, die Karlsruher Zeitung, welche Vogt den „Rettungsanker der Heuler" nennt, ihm allen Muth abspricht, und behauptet, daß der Kongreß der Märzvereine durch ihn zum „Abwässcrungs- kongreß" geworden.*)
*) Bekanntlich war in den letzten Monaten des Frankfurter Parlaments in der Linken selbst eine Spaltung cingetreteu, die zur äußersten Erbitterung der zwei Fraktionen führte und bewirkte, daß Vogt, Wefeu- donck, Simons selbst Fröbel w. zu den Unentschiedenen gerechnet wurden. Man erinnert sich der Szene in welcher einer jener Nltrademo- kraten über UhlandS Entwurf der Ansprache an das deutsche Volk herfiel, und darauf von Vogt zurechtgewiesen wurde. Außerhalb der Paulskirche kamen noch heftigere Szenen vor.
Das Darmstädter Jourual schreibt: Ein paar Curiosa aus der Karlsruher Zeitung. Der Heidelberger Korrespondent deS provisorischen Moniteurs meldet mit reicher Ausschmückung folgende „Thatsachen". „Die Mecklenburger, berichtet er, haben sich in Frankfurt geweigert, zu marschiren, unsere Truppen werden im hessisen Odenwald mit offenen Armen empfangen, den Hessen dagegen wird Thür und Thor verschlossen. Die ganze Wcterau wartet auf einen Angriff unsererseits." Bei Erzählungen deö „Ucbersalls von Weinheim" heißt es denn: „die braven Offenburger Schützen haben wieder eine gehörige Zahl Chevaurlegers geliefert. In Offenbach sind sechs Wagen hessischer Todten angekommen; um den Transport geheim zu halten, hat man sic in Munitionswagen gepfropft." Gut gebrüllt, Löwe! Jetzt aber ziehen die todesmuthigen Wehrmänuer von Heidelberg aus, am 6. Juni. Der Korrespondent labt sich an ihrem Anblick. „Ein befreundeter Soldat ruft mir zum Fenster herauf: wir essen heute Abend in Darmstadt zu Nacht. Guten Appetit, erwiederte ich ihm." Wenn er nicht eher zu Nacht ißt, als hier in Darmstadt, dürfte es am Appetit nicht fehlen! Nun aber kommt die eigentliche Effektstelle, der Schluß mit bengalischem Feuer. „Zusetzen aber, so meldet der Edle mit der ernsthaftesten Miene, zusetzen muß ich als Beispiel kroatischer Grausamkeit der Hessen, daß sie den Todten nicht nur allen ihrer Habseligkeiten beraubt, sondern ihnen auch die Finger abgeschnitten haben, um in den Besitz der Ringe zu gelangen. In Weinheim haben sie geplündert und den Demokraten die Bärte a u s g e r i sse n." Sind das nicht recht gutgesinnte demokratische Lügen?
X Konservative Wünsche
Vom Rhein, 13. Juni. Seit einigen Tagen sind die politischen Verhältnisse unseres Landes in ein neues Stadium getreten, ein neues Ministerium ist ernannt und seine ersten Schritte geben Hoffnung, daß es ihm um die Herstellung der Ruhe und Ordnung Ernst sey. Wir sehen aber die Reinigung des Landes von den anarchischen Elementen nur als ganz temporäre Herstellung der Ordnung an, denn der Krebsschaden liegt viel tiefer und kann nur durch eine langsame und geschickte Kur vertilgt werden. Worin diese bestehen müsse, darüber sino freilich die Ansichten nicht so einig, als darin, daß sie überhaupt nöthig sey. Ein Theil unserer Bevölkerung meint, durch die Entfernung von wühlerischen Beamten wäre das Meiste gut gemacht, denn die lähmten alle guten Absichten der Regierung durch ihren Widerstand und hetzten zudem das Volk gegen sic auf. Auch wir wünschen, daß unser Beamten# stand nur aus guten ©erneuten bestehen möge, und daß man, wo entschiedene Vergehen vorliegen, aber auch nur da, strenge verfahre. Wir wünschen aber nicht weniger, daß man so manche unbrauchbare, mechanische, alle Reformen durch ihren passiven Widerstand hemmende Beamten deS alten Schlendrians, deren Blick nicht über ihre Schreibstube hinausreicht und welche durch ihre, oft dem Lande sehr kostspieligen Mißgriffe das Volk mehr erbittern, als Hunderte von politischen Wüh-
