Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 140. Freitag den LS Juni 1849.
Zweite Ausgabe.
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Uebersicht.
Zuschrift an die Wähler des Wahlbezirkes Hadamar, Montabaur, Selters und Wallmerod von M. v. Gagern. Deutschland. Mainz (Preußische Dragoner nach Niederingelheim). — Frankfurt (Der Ausfall der Landauer Garnison). — Darmstadt (Die ersten preußischen Truppen). — Bensheim (Badische Ueberlâufer. Gefecht mit den Freischaaren). — Heidelberg (Verhaftungen). — Kreuznach (Der Prinz von Preußen). — Stuttgart (Das Rumpfparlament. Amnestirung). — Vom Bodensee (Das Trnppenkorps in Vorarlberg). — Berlin (Freilassung). — Altona (Oberst Gerau).
An meine Wähler in den nassauischen Aemtern Hadamar, Montabaur, Selters und Wallmerod.
Liebe Mitbürger! Außer der Erklärung, welche ich am 20. v. Mts. Über meinen Rücktritt aus der Nationalversammlung mit 70 Genossen gemeinschaftlich abgegeben habe, fühle ich mich verpflichtet über die Erfüllung Eures Auftrags heute noch persönlich Euch Rechenschaft zu geben und meinen letzten Dank für Euer freundliches Vertrauen hier niederzulegen.
Ueber den Inhalt der am 28. März d. I. von der Nationalversammlung beschlossenen ReichSverfassung habe ich nicht nöthig viele Worte zu machen: denn das Gerüste dieser Verfassung ist dasselbe, welches ich am 6. Mai v. I. in Hadamar vor einer zahlreichen Versammlung meiner Wähler, als den Entwurf der 17 Vertrauensmänner öffentlich vertheidigt habe.
Ihr oberster Grundsatz ist der, daß die deutsche Nation, — nach Sicherstellung gleichartiger bürgerlicher Freiheiten in den Emzelstaaten, — für die nothwendig gemeinsamen Angelegenheiten aller ihrer Stämme und verschiedenartigen Staatenbildungen eine starke einheitliche Centralregierung mit allgemeiner Volksvertretung bedarf. Die Nationalversammlung, in deren Hände die Regierungen sowohl als die Völker das Verfassungswerk gelegt hatten, hielt sich für berufen, über diejenigen Opfer schiedsrichterlich zu entscheiden, welche die einzelnen Staaten und deren Regierungen zu Gunsten der Gesammtheit nothwendig bringen müßten. Die Nationalsouveränetät, welche die Versammlung ansprach und ausübte, konnte nicht bedeuten, daß die Versammlung im Namen des Volks, im Gegensatz zu den bestehenden Regierungen, an deren Stelle sich' selbst setzen wollte, sondern daß die Gesammtheit, in deren , Namen die Versammlung eine Verfassung für Deutschland zu errichten hatte, das zulässige Maaß der Sonbcrinteressen innerhalb eines Bundesstaats und die zulässige Verschiedenheit in den Regierungsformen der Einzelstaaten zu bestimmen hatte. Ein Mandat, jede beliebige Verfassung für Haupt und Glieder zu dekretiren, hat die Versammlung weder erhalten noch in ihrer Mehrheit je angesprochen. Die Partei, zu welcher ich gehörte, ging davon aus, daß die republikanische Regierungs
form, abgesehen von den ihr entgegenstehenden Rechten und Neigungen, in Deutschland nicht einmal für eine einzelne größere Landschaft anwendbar, geschweige denn als Form der Centralregierung im Stande seyn könnte, die jetzt noch so ungleichartigen Stämme und Staaten unter einer milden gesetzlichen Autorität zusammenzuhalten und dieselben zugleich gegen die uns umgebenden mächtigen Centralstaaten Frankreich und Rußland zu vertheidigen. Dieselbe Partei war jedoch der Ueberzeugung, daß das Ansehen des monarchischen Prinzips in Deutschland nur dann zu erhalten und in den Einzelstaaten wiederhcrzustellen sey, wenn der Begriff der Monarchie auch über die Gesammtheit ausgebreitet und auf ein großes Deutsches Vaterland übertragen würde. Gestützt auf die ruhmvollen Erinnerungen früherer Jahrhunderte, wie auf die trockene Berechnung des gegenwärtigen, war das Begehren der Nation, nach größerer Einheit und Macht, meinem Gefühl nach der gesundeste und belebendste Gedanke, welchen die Bewegung deö JahreS 1848 für Deutschland hervorgebracht hat; ohne gemeinsame Gewähr haben die neuerrungenen politischen und religiösen Freiheiten, ohne mächtigen Schutz die Entwickelung der materiellen Interessen keine Zukunft. Die Bewegung des vorigen Jahres hat aber nicht allein eine Reife der Völker für den Genuß bestimmter Rechte und Einrichtungen geltend gemacht, sondern auch eine theilweise Fäulniß in der gesell, schaftlichen Ordnung aufgedeckt, gegen welche veränderte Regierungsformen und neue Gesetze keine ausreichende Hülfe bieten. Die wahren oder eingebildeten Bedürfnisse, die krankhaften geistigen Zustände ganzer Schichten der Bevölkerung, stellen an die Gesellschaft neue stets wachsende Anforderungen, welche der Kommunismus oder die neue Demokratie durch Anweisung auf fremdes Eigenthum, durch Freilassung aller wilden und gemeinen Begierden und durch Abläugnung jeder gött, liefen Weltlenkung und Wiedervergeltung, statt zu befriedigen, gewaltsam steigert; Anforderungen, denen die StaatSkunst mit allen Hülfsmitteln der Wissenschaft zu genügen fast verzweifelt, denen aber die christliche Kirche ihre ewig neuen Lehren und Beispiele der Selbstverläugnung, der Barmherzigkeit, der Zucht und des täglichen MârtyrcrthumS entgegen zu tragen nicht müde werden darf.
Die Aufgabe der Nationalversammlung war also eine höchst verwickelte, und sie mußte eine unlösbare werden, sobald die mächtigeren deutschen Fürsten sich rücksichtslos auf das Alter ihrer Kronen, auf ihre seit 1806 souveränen Rechte und auf materielle Sonderinteressen einzelner Länder steiften, statt, wie ihre Vorfahren vor den deutschen Kaisern stets gethan und wie ihre minder mächtigen Mitfürsten, deren Gewalt doch derselben Rechtsquelle entstammt, eS wiederum thun vor der nationalen Größe des Reiches zu der Aufopferung oder Beschränkung einiger ihrer Vorrechte sich willig zu zeigen. Die meisten Regierungen erkannten auch während der ersten Monate der Bewegung, während sie im Innern der größten Schwäche verfallen waren, in der konservativen Mehrheit der Nationalversammlung dankbar einen Halt und eine Ableitung; und als die einheitliche, konstitutionell -monarchische Partei, nach Beseitigung des verhaßten und verachteten Instituts des Bundestags, am 28. und 29. Juni v. I. eine provisorische
