Die deutsche Flotte.
(Aus der Kölner Zeitung.)
ganz unkundigen Kapitän. und erhält dadurch daS Schiff in völlig zerstörtem Zustande. Die „Acadia" ist also gänzlich von der Liste unserer Kriegsschiffe zu streichen. Ferner: ist es praktisch, das Gesetz, welches die Matrosen, die See-KriegS- dienste nehmen wollen, von dem Landdienste befreit, nicht An, fangS April in den Häfen bekannt zu machen, nachdem schon viele Seeleute, aus Unlust für den Landdienst, landesflüchtig geworden sind? Die großen Kanonen für die Dampfschiffe werden in Bremen gegossen — sie können gut werden; ist es aber praktisch, diese ersten Versuche jener Gießerei mit solch großem Geschütz auf unserer Marine zu erproben? Ist es ferner politisch, die Gagen der Seeleute erst am Vorabend des Kampfes zu bestimmen und dabei Reduktionen vorzunehmen? Ist es zu verantworten, daß erst gestern die Offiziere komple- tirt werden, daß man den ganzen Herbst und Winter hat ungenutzt verstreichen lassen, ohne die Mannschaft einzuüben? Viele der Kanonenboote sind erst Anfang Februar bestellt worden. Kann eine so übereilte Arbeit gut werden? Hamburg hat voriges Jahr allein etwas in der Nordsee geleistet, Bremen nichts; und doch wird nach und nach die ganze Marine an die Weser gezogen. Ist es klug und gerecht, Deutschlands ersten Handelsplatz so bloßzustellen? Ist es zu verantworten, daß noch kein Seegesetz eristirt? Wie sieht eS mit der Küsten- Vertheidigung aus? Stehen z. B. die Strandbatterien an den Mündungen der Elbe bis jetzt nicht nur auf dem Papiere? Und dann: wie steht es mit der plötzlichen entschiedenen Weigerung deS amerikanischen Commodore Parker, sich in irgend einer Weise bei der deutschen Flotte zu betheiligen?
Frankfurt, 18. April. Die Deutsche Flotte ist eine eigentliche Volkssache, bei welcher wir in allen Kreisen und Ständen durch die mehr oder minder geleisteten Beiträge zu unmittelbarer Nachfrage und Aufsicht über die Verwendung derselben berechtigt sind. Wie bedeutend diese Beiträge sind, mag man aus der Summe ermessen, deren Betrag, einbegriffen die Hamburger Sammlung, bis zu Ende vorigen Monats auf nicht weniger als 2% Millionen Gulden angelaufen war. Auf Grund dieser Berechtigung habe ich vor längerer Zeit in Ihrer Zeitung die Verwaltung deS Marinedepartements einer schar- ) fen Kritik unterworfen. Der kurze Aufsatz fand ein lautes Echo in verschiedenen anderen Blättern, und es erhoben sich nun so zahlreiche und heftige Anklagen gegen die Unfähigkeit und Nachlässigkeit der Marineverwaltung, daß auf Grund derselben der Hanbelsminister, als Chef des Marinedepartements, von mehreren Seiten interpellirt wurde. Die Interpellationen erhielten eine doppelte Antwort: von Seiten des Finanzministers, sowie des HandelsministerS. In so fern ersterer den traurigen Zustand der Kasse und die Saumseligkeit, ja, Renitenz einzelner Bundesstaaten bei Leistung ihrer Matrikularbei- träge zur Kenntniß brachte, lag darin allerdings eine Rechtfertigung für das Marinedepartement, in so weit, als eS in Ermangelung von Mitteln nicht so ausgedehnte Rüstungen hatte vornehmen können, wie man Anfangs erwarten durfte. Allein die Pflicht der Rechenschaft lag ihm noch immer darüber ob, wie und wozu eS die Gelder, die wirklich eingegangen waren — doch immer 3 bis 4 Millionen im Betrage — verwendet habe. Und hierüber nun war die Antwort des Herrn Duckwitz eine im höchsten Grade oberflächliche, allgemeine und ungenügende, man kann sogar sagen: anmaßende, da sie mit dem Wunsche schloß, es möge das schwarz-roth-goldne Banner bald so mächtig auf dem Lande herrschen, als eS bereits zur See gebiete. Wenn die Versammlung sich dennoch im Augenblick mit der Antwort begnügte, so geschah eS nicht, weil sie von der Wahrheit derselben überzeugt war, sondern weil die großen Fragen über das Zustandekommen der Verfassung und die Kaiserwahl alle anderen Gegenstände in den Hintergrund stellten.
In der Presse dagegen wurden sofort heftige Reklamationen laut; mehrere sachkundige Schiffsleute veröffentlichten in den Hamburger und Stettiner Blättern ein langes Register der Mängel und Fehler, woran die deutschen Kriegsschiffe und die Marine-Anstalten leiden, und in der Paulskirche begründete Hr. v. Reden darauf eine neue energische Interpellation an den Handelsminister. In der gestrigen Sitzung gab die 1 Berathung mehrerer in Bezug auf den dänischen Krieg einge- ] gangener Petitionen Hrn. Merck Anlaß zu einem entschiedenen ' Angriff auf die ganze Leitung und Verwaltung des Marineraths, - der nach viermonatlicher Arbeit so gut wie nichts geschaffen , habe. Er erwähnte auch der Strandung deS in England er- - kauften Kriegs-Dampfschiffes „Acadia," welche an der hollän- i dischen Küste vor Kurzem stattfand. Der Kapitän desselben, , statt, wie es in allen Ländern Gebrauch, ihn vor ein Kriegsgericht zu stellen und zur Rechenschaft zu ziehen, sey, gleichsam zur Belohnung seines Miß- oder Ungeschicks, von dem Reich - ' Ministerium sofort zum Kommandirenben eines neuen Schiffes 1 ernannt worden ! Auch wurde in diesen Tagen unter die Ab- 1 geordneten ein Flugblatt auSgetheilt, welches die Ueberschrift ; führt: „Vier Artikel über die Leistungen deS Reichs-Marine- 1 Ministers Duckwitz." In demselben sind alle die Ausstellungen f und Vorwürfe zusammengestellt und mit praktischen Nachwei- ’ fen belegt. Die Hamburger Flotille sah im Monat August, biS zu welcher Zeit sie unter selbstständiger Leitung des vor- ‘ tigen Komite's stand, ganz kampfgerüstet auS; sie bietet jetzt 1 ein trauriges Bild dar. Auf keinem Schiffe ist die Mann- i schaft vollzählig, auf einigen fehlt sie gänzlich; die Fregatte i „Deutschland" liegt diesen Augenblick noch entmastet da, und daS Dampfboot „Bremen" in Bremerhaven ist ohne Kessel! <
Im Allgemeinen steht der Grundsatz fest, daß Kauffahrtei- ! schiffe zu Kriegsschiffen ersten RangeS nicht umgeändert wer- < den können, und dennoch kauft unsere Marineverwaltung die ( beiden wahrlich nicht jungen Dampfboote „Acadia" und „Bri- l tannia" für enorme Summen, macht Veränderungen in Liverpool, die auf der Weser wieder weggerissen werden, überträgt die Führung der „Acadia" einem des Fahrwassers der Nordsee ,
Deutschland.
O Weilburg, 19. April. Wohl nirgends ist im politischen Leben eine stärkere Ebbe eingetreten, als hier, wo vor Jahresfrist die Fluth am wildesten tobte. Selbst Vereine eri, stiren nur noch dem Namen nach, unv Gerau, der es wohl aufgegeben die Runkel'schen Bauern zu republikanistren, liegt jetzt fleißig der medizinischen Praxis ob. Einige Männer vom souveränen Volke, einsehend, daß durch Kravallen und Revol« tiren nichts zu machen sey, sind zu ihrem alten Gewerbe, dem Diebstahl, zurückgekehrt. Mehrere Einbrüche, welche kurz nach einander verübt wurden, geben die Lehre, daß in unbewohnten Gebäuden nichts mehr mit Sicherheit aufzubewahren sey. Die Verhältnisse unsrer Wehrmannschaft liegen auch etwas im Argen, nachdem die (frühere) Stadtbehörde sich weigerte, die nach dem Gesetz vom 11. März v. J. und den darauf gegründeten Statuten eingesetzten Disziplinar-Geldstrafen zu vollziehen, d. h. dem Stadtrechner zur Erhebung zu überweisen. Die Sache selbst soll höheren Orts zur Entscheidung kommen. Man spricht indessen davon, daß die alte Kirmesgarde sich wieder organisiren wolle. Mißgönnen wir auch dies den Leuten nicht, so dürfte doch ein solcher Staat im Staate der ernsten Bedeutung der Wehrmannschaft zur Persiflage gereichen, und zu argen Mißverhältnissen in den Reihen selbst Anlaß geben.
Was wir kürzlich aus dem Amte Herborn über die Unfähigkeit gewisser Bürgermeister und die daraus entspringende Unzuträglichkeit vernahmen, findet auch in hiesigen Amtsort, schäften volle Anwendung. Wir hatten kürzlich Gelegenheit, das Protokoll einer Gemeindeversammlung von Weilmünster zu sehen, und entnehmen daraus, daß dieser ansehnliche Ort, der neben blühendem Ackerbau eine nicht unbedeutende Industrie, acht Jahrmärkte und sonstigen Handel hat, rücksichtlich des Bürgermeisters leider sehr übel berathen ist.
Die sinnvolle Proklamation des Herzogs wurde mit großer Befriedigung hingenommen, und man ist der Ueberzeugung, daß kein deutscher Fürst sammt seinem Ministerium der Sache deS Volks sich offener hingibt, als Adolf. Unsere Segenswünsche begleiten ihn und seine Schaar.
Hannover, 17. April. (Auszug aus den Berichten des Generalmajors Wyneken.) Ulderup, 15. April, Abends 8 Uhr. Die Dänen sind diesen Morgen und dann wieder ge, gen Abend mit zwei Bataillonen gus dem Brückenköpfe vor Sonderburg debouchirt, sind aber nach einem unbedeutenden Tirailleurgefechte wieder zurückgekehrt.
Der „Deutschen Zeitung" wird von Berlin aus berichtet: „Ueber die jüngste österreichische Note ist, wie ich mit Bestiozmt-
