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Deutschland.

0 Weilburg, 5. April. Es kommt nun bald die Zeit, wo ein Theil unseres Amts mit Sack und Pack nach Hada­mar wandert; und dabei wirft sich dem Praktiker die Frage auf, ob es nothwendig war, diese Trennung der Verwaltung von der Rechtspflege so eilig in's Werk zu setzen, bevor diese ebenwohl gründlich reorganisirt werden konnte. Werden unsere Justizbeamten jetzt nicht noch mehr Zeit gewinnen, in dem Netz ihrer Formenquälereien sich zu verwickeln, neue Verbrechen zu erfinden, um monatlange Untersuchungen daran zu knüpfen, Zeugen zu verhören von Morgens bis Abends über die uner­heblichsten Thatsachen, Spazierfahrten auf's Land zu machen, um überflüssige Augenscheine zu halten, stunden- oder tagelang um Vergleiche zu mäkeln, die unerfüllt bleiben und neue Pro­zesse gebühren u. dgl. ? Wir gehören nicht zu jenen Pessimisten, die Alles von der Schattenseite betrachten; aber vorerst und bevor unsre Justizeinrichtungen von Grund aus geändert und das Personal von einem anderen Geiste durchdrungen ist, hal­ten wir jene Trennung für eine Aeußerlichkeit, mit welcher sich zu übereilen man nicht nöthig gehabt hätte. Sprechen auch die Grundrechte nur von jener äußeren Trennung, so muß das Wesen derselben zugleich in die Seele des Richters übergehen; er muß von Grund aus Justizmann werden, und darf nicht mehr die Rechtspflege als eine Nebensache, ein noth­wendiges Uebel, betrachten, womit man vor höhern Behörden nicht glänzend sich produziren könne, um Beförderung und Besoldungszulage zuerbuhlen, weil der größere Theil Thätig­keit so lange in der Registratur begraben ist, bis nach zwan­zig Jahren der Visitationskommiffarius einen flüchtigen Blick darüber wirft. Er darf ferner nicht glauben, daß es genüge, wenn die Entscheidung, sey es auch die absurdeste, eingezwängt sey in die hergebrachte ober vorgeschriebene Form, und daß allgemeine Formeln und Rechtssprüche jede bessere Ueberzeu­gung verdrängen dürften. Er muß als selbstständiger Richter sich betrachten und nicht als willenloses Werkzeug einer ober- richterlichen Diktatur; diese Selbstständigkeit aber auch nicht so weit ausdehnen, daß er für unfehlbar sich haltend seinen Willen über das Gesetz stellt, eigene Vorurtheile an die Stelle wissenschaftlicher Prüfung und Ueberzeugung treten läßt unv in Folge dessen die Rolle eines rabulistischen Advokaten für die eine oder andere Partei übernimmt. Wir hatten vielfache Gelegenheit, die zahllosen Gebrechen unserer Justizpflege, haupt­sächlich in erster Instanz, durch unmittelbare Anschauung ken­nen zu lernen, und sind in langjähriger Erfahrung zu der Ueberzeugung gelangt, daß selbige dem wahren Rechte nicht näher sey, als ein gebeteplapperndes Ritual dem Gottesglau­ben und der Religion. Welt entfernt aber, den Grund dieser Gebrechen ausschließlich in der Verbindung der Rechtspflege mit der Administration zu suchen, erwarten wir auch nicht, daß sie mit der Trennung ohne Weiteres schwinden, und sehen daher hierin an und für sich nur ein schwaches Präservativ oder Palliativ, nicht aber eine Radikalkur.

& Holzappel, 7. April. Der Morgen des gestrigen stil­len Charfreitags wurde für die hiesige Stadtgemeinde durch die Schrecken einer Feuersbrunst leidvoll gestört. Die Glieder der hiesigen evangelischen Kirchspielsgemeinbe waren erst kaum zur heiligen Bußtagsfeier in ihrem Gotteshause versammelt, als in den oberen Räumen des nahe an der Kirche gelegenen Hauses eines jüdischen Händlers das Feuer ausbrach. Und zwar geschah dieser Ausbruch durch die vielen, unter dem Dache gehäuften brennbaren Stoffe mit solcher Heftigkeit, daß, als die zahlreich Versammelten auS der Kirche eilten, bereits die Flammen lichterloh emporschlugen. Der thätigen Hülfe und insbesondere der gewandten Umsicht unsrer in gefährlichem Steigen erprobten Bergleute gelang cs, bald Herr über das entfesselte Feuer zu werden und namentlich das dicht anstoßende Erzherzogliche Gebäude hiesiger Gewerkschaft völlig zu sichern. So blieb der Brand, welcher bei der engen Bauart hiesiger Stadt leicht sehr gefährlich werden und eine große Ausdeh­nung erlangen konnte, nur auf das eine Haus beschränkt, dessen obere Hälfte rasch in Trümmer stürzte. Da die israe­litischen Bewohner desselben wegen der bevorstehenden Passah­feier in der vorangegangcnen Nacht mit Lichtern im Hause umhergehend waren bemerkt worden, so liegt es nahe, daß bei dem unter den Juden alsdann üblichen Ausglühen der gußer- nen Gefäße entweder brennende Asche an eine gefährliche Stelle gebracht, oder die Entzündung durch Unvorsichtigkeit im Gebrauche der Lichter war irgendwohin getragen worden. Möge

es der Untersuchung gelingen, den rechten Thatbestand zu er­mitteln und etwaigen Leichtsinn der verdienten Strafe zu unter­werfen. Erfreulich war es, nicht blos den hülfreichen Eifer hiesiger Bevölkerung wahrzunehmen, sondern auch zu sehen, wie die rüstigen Männer der benachbarten Orte trotz leidvoller Störung ihrer Festandacht aus den Gotteshäusern herbeige­eilt kamen, um unserer Stadt Hülfe zu bringen. Auch der freundliche Standesherr, der auf dem benachbarten, freilich durch Berg und Lahnthal getrennten Schlosse Schaumburg weilende Erzherzog Stephan fehlte nicht auf der Brandstätte. Doch war nunmehr das Feuer schon gelöscht , und konnte die unterbrochene Festandacht in der nachmittägigen Stunde von der durch solchen glücklichen Ausgang dankbar bewegten Ge­meinde in Ruhe gefeiert werden. — Es mag wohl eine be­merkenswertste und freudige Erinnerung für hiesiges Leben bleiben, daß gerade an dem TodeSgedâchtnißtage des von Is­rael einst so schmachvoll Hingeopferten die helfende Liebe be­wegter Christenschaaren sich mit so reicher Beschämung gerade in der Noth und dem Unglücke eines jüdischen Händlers er­wies, der bei seinem aufgehäuftem Reichthume noch wenig gethan hatte, um die Liebe der hiesigen, vielfach in gedrückten Verhältnissen lebenden Bevölkerung irgendwie durch Milde und Schonung sich zu erwerben.

-J-^ Hachenburg, 5. April. Als die in der Paulskirche erfolgten Abstimmungen hier bekannt wurden, so schien neue Hoffnung auf eine erfreuliche Wendung der Dinge im deut« slen Vaterlande die Anhänger aller Parteien zu beleben und einander zu nähern. Und in der That , eS konnte auch kein Beschluß der Nationalversammlung geeigneter seyn, ihr die verlorne Sympathie des Volkes in allen seinen Parteien wie­der zu gewinnen, als die Wahl des Königs von Preußen zum deutschen Kaiser, verbunden mit dem Abschlusse einer Reichs­verfassung, wie sie bis jetzt kein Volk aufweisen kann. Daß die daraus folgende Lostrennung Oesterreichs vom deutschen Bundesstaate einigen Wermuth in den Becher der Freude mischt, ist freilich wahr, aber nickt zu ändern. Der Weg zum Eintritte ist ihm ja nicht verschlossen; und wie auch die deutsche Einheitsfrage hätte gelöst werden mögen, nicht leichr würden alle Stämme gleich befriedigt worden seyn.

An jenem Tage, an welchem die erste Kunde von dem Ergebnisse jener Abstimmungen hierher gelangt war, begaben sich einige hiesige Angestellte und Bürger in unsere preußische Nachbarstadt Altenkirchen. Dort fanden sie die Bevölke­rung im größten Jubel, welcher durch die Ankunft der Nassauer, wie es schien, noch erhöht wurde. Wenigstens wurden diesel­ben, als die deutschen Brüder aus Nassau auf das Freund­lichste mit Musik und Gesang, sowie von der Bürgerwehr be­grüßt und bis zu ihrer Wiederabreise auf das Ausgezeichnetste geehrt. Bei dem stattfindenden Bankette wechselten Reden und Toaste, und man versprach, sobald die Annahme der deutschen Kaiserkrone von Seiten des Königs erfolgt sey, in Masse hier­her zu kommen und ein preußisch-nassauisches Verbrüderungs- fest zu feiern. An eine Ablehnung dachte damals Niemand. Man war von dem großen Gedanken der deutschen Einigung so sehr durchdrungen, daß man ganz vergaß, welche Schwie­rigkeiten die Diplomatie der Sache entgcgcnstellen würde, von welcher sich gänzlich loszusagen, jedenfalls der König sich nur schwer entschließen wird. Bald tauchten indessen diese Beden­ken in der Presse auf und wurden namentlich durch die preußi­schen der Kaiseridee meist abholden Zeitungen gesteigert. Dies erhielt die Gemüther in einer eigenthümlichen Spannung, und zahlreiche Wetten über die Frage der Annahme überhaupt, so wie über bedingte oder unbedingte Annahme wurden geschlos­sen. Da bringen uns heute die Blätter die auf telegraphi­schem Wege eingetroffene Antwort des Königs. Daß durch dieselbe die Begeisterung für die Sache sehr herabgcstimmt ist, können Sie sich denken. Wenn auch damit noch keine Ableh­nung ausgesprochen und die Hoffnung vorhanden ist, daß sich die Sache doch noch günstig gestalten werde, so geht doch das Großartige, welches in einem Ergreifen des kritischen Momentes von Seiten des Königs gelegen hätte, jedenfalls durch die in Aussicht gestellten Verhandlungen verloren. Hoffen wir in­dessen, daß wir in einigen Tagen freudigere Nachrichten erhal­ten werden, und daß wir am Osterfeste auch die Auferstehung eines mächtigen deutschen Kaiserreiches feiern können. (?!)

Frankfurt, 8. April. Dem kgl. dänischen Geschäftsträger bei der prov. Zentralgewalt Deutschlands, Baron v. Dirckinck- Holmfeld, sind, wie wir auS guter Quelle hören, vom Reichs-