Beiblätter
wr Nassauischen Allgemeinen Jeitung
für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.
M 250» Sonntag den 31» Dezember 1848.
Cimarosa
(Schluß.)
Und wer ist der Mann, fragte Cimarosa bescheinen, der mir so viel Anerkennung und Liebe zollt, dem ich als meinem Erretter danken und ihn preisen will?
Ich bin Katanyvetern, russischer Minister und Kommandant der russischen Flotte im Königreiche Neapel. Ich habe Sie zuerst am Hofe der Kaiserin gesehen, und seit jenem Tage gehörte ich zu Ihren wärmsten Verehrern. Aber Sie müssen zuvörderst einige Erfrischungen nehmen. Folgen Sie mir in ein anderes Zimmer, wir werden es dort bequemer haben.
Der General reichte ihm gütig die Hand und führte ihn in einen kleinen Salon, wo eiligst ein splendides Mahl aufgetragen wurde. Cimarosa glaubte zu träumen. Er legte die Hand auf sein Herz, um durch diese ihm eigenthümliche Geberde seine Dankbarkeit auszudrücken, und antwortete mit Thränen in den Augen: Ich werde niemals so viel Gutes vergelten können, aber es ist mir wahrhaft unmöglich, Ihrer gütigen Einladung Folge zu leisten. Die Aufregungen dieses schrecklichen Tages haben meine Kräfte gebrochen, und ich komme soeben von einer Zahl unschuldiger Männer und Frauen, deren Leben bedroht ist und flehentlich bitte ich Sie, Ihren Schutz auch auf diese ausdehnen zu wollen.
Davon werden wir nachher sprechen; unterdeß kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß in Bezug auf Sie bis morgen kein Beschluß gefaßt werden wird; aber ich bitte Sie, setzen Sie sich doch, lieber Maestro, und versuchen Sie es, mindestens einige Tropfen Lacrymä zu trinken, die Ihnen gewiß gut thun werden. — Während dieser Worte hatte der General schon zwei Stühle näher gerückt und zwei Gläser voll perlenden Weines eingeschenkt. Maestro Cimarosa widerstand nicht länger, weil er befürchtete, durch ein längeres Weigern seinem Wohlthäter zu mißfallen. Er ließ sich auf einen Stuhl nieder, ergriff das Glas mit fester Hand und versuchte zutrinken.
Wissen Sie, Maestro, fuhr der Russe mit tnumphlrender
Miene fort, daß es wenig Dilettanten in Europa gibt, die im Stande wären, irgend eine beliebige Melodie aus irgend einer Ihrer Opern von Anfang bis zu Ende zu singen. Nun, ich, ich weiß alle Ihre Opern auswendig. Soll ich sie Ihnen genau anführen nach der Ordnung ihrer ersten Aufführungen? Sie werden sehen, ob ich mich irre: „la Baronessa Stramba“, „ritaliana in Londra“, „la Finta Frascatano“, „la Finta Parigina“, „II Fanatico per gli antichi R.omani“, „la Contessina“, ,11 Giorno felice“, „il Pittorre parigino“, „I due Baroni‘“ „Amor constanle“, „ II Matrimonio per Industria“, „I Pirati nobili“, „l’Armida imaginaria“, „gli Amunti comici“, „il Duello per Complimento“, „il Matrimonio per Raggira“, „la Circe“, „il Ritorno di Catandrino.“
In Wahrheit, Erzellenz, Sie haben ein besseres Gedächtniß als ich, fiel ihm Cimarosa in die Rede. Der General aber fuhr fort: Und „Cajo Mario“, ein herrliches Werk, „l’Assalonne“, „la Ginditta l'infedetta fedele“, „il Falig- name“, l'Amante combattado“, l’Aviso ai Maritati“, „Alles- sandro nell In die6“ „Artaserse“ u. s. w. Es gibt kein zweites Beispiel von solcher außerordentlichen Produktivität und von solcher erstaunenswerthen Leichtigkeit in jedem Genre und Styl.
Sie sind sehr nachsichtig, gnädiger Herr!
PH, wir sind noch nicht am-Ende Ihrer Triumphe! Ja Rom wurde Ihr „Alexandre“ in die Wolken erhoben, und in Turin hatte Ihr „Artaserse“ mindestens eine gleich günstige Aufnahme; von da gingen Sir wM-Venedig, wo der „Con- vitato di Pietra“ solchen Enthusiasmus erregte, daß man Sie mit Fackeln und Musik nach Ihrem Hause begleitete. Sie kamen nach Neapel zurück, und gaben hier Schlag auf Schlag „la Batterina,“ „Amanie,“ „Nina,“ „Mastuffo,“ und so viele andere, daß Italien nicht Zeit hatte, Ihre Meisterwerke genugsam zu bewundern. Endlich gaben Sie in Wien Ihr größtes Meisterwerk „il matrimonio segreto,“ das die späteste Nachwelt noch bewundern wird. Oh, mein Freund, ich war bei der ersten Aufführung gegenwärtig, als sie der Kaiser nach zwei Mal von Anfang bis zu Ende wiederholen ließ, und
