Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^ 2âN Samstag den SO» Dezember ISO»
Zweite Ausgabe.
u e b e r s i ch t.
Zeitungsschau.
Berechnungen über Einkommensteuer.
Deutschland. Darmstadt (Mystifikation). — München (Ministerkrisis). — Wien (Die Minister. Siebenbürgen in Kriegszustand erklärt). Frankreich. Paris (Nationalversammlung. Programm des neuen Ministeriums. Sieg desselben in der ersten Sitzung. Tagesbericht). Großbritannien. London (Die Rindslende auf der königlichen Weihnachtstafel).
Italien. Bonder italienischen Gränze (Englisches Schiff zum Schutze des Großherzogs von Toskana). — Rom (Die Lage des Pabstes in Gaeta).
Rußland. Aus den russischen O st se e p r o v i n; e n (Neue Lehrt anstalten).
Sprechsaal für Stadt und Land.
Z e i t u n g s s ch a u.
Der „Schw. Merk." enthält folgende düstere Charakteristik unserer Zustände, die aber manches Wahre in sich schließt: Während wir hier in Frankfurt uns über die Frage wegen des Reichsoberhauptes in zwei feindliche Lager theilen, ist an den fürstlichen Höfen rühriges Leben, die alten Sonderbündlereien und Intriguen kommen wieder hervor; man hat Ursache, von dem einen und andern Hof zu glauben, daß er hinter dem Rücken seines Ministeriums Unterhandlungen anspinnt. Nächstens wird man daran denken, die Sache in einem Diplomaten- kongreß mit den auswärtigen Mächten zu verhandeln. Die süddeutsche Presse spricht von einem Rheinbünde; das Volk hat, wie ein thörichter Knabe, sein Bischen Pulver zu kindischen Feuerteufeln verbraucht; es fehlt allenthalben an einer gesunden, vernünftigen öffentlichen Meinung; die Menge ist abgehetzt und hat das Treiben der Wühler satt. So stehen die Dinge zum Scl-lusse des Jahres 1848, und ein Theil schiebt dem andern die Schuld davon zu. Vielleicht wird cs im kommenden Jahr heißen: Quod medicamenta non sanant ferrum sanat. Das größte Uebel aber ist der Mangel eines intelligenten patriotischen Mittelstandes.
Die „Bremer Zeitung, Organ der Demokratie und immer mit der Linken in Berlin wie in Frankfurt sym- pathistrend, spricht sich in folgender Weise über die Emhelts- frage aus: , „ u _
„Wir wollen," sagt sie, „d a ß d l e F o r m d e r D e m o- kratie vertagt werde, um das Wesen des Blind esst aates zu retten; wir wollen die staatliche Einheit aller deutschredenden Stimmen aufgeben oder vertagen, weil ein einiges Oesterreich uns eine politische Nothwendigkeit erscheint, und weil der Eintritt der deutschen Länder Oesterreichs den Bundesstaat unmöglich machen, den Staatenbund herbeiführen
würde, in welchem weder Freiheit noch Einheit solid und definitiv gesichert wäre. Wir wollen darum das preußische Kaiserthum und seine Konsequenz: das einstweilige Ausscheiden Oesterreichs auS dem deutschen Bundesstaate, der uns die souveräne Nothwendigkeit und das einzig zunächst an ustrebende Ziel ist.
Nach den Reden und den langsamen Entwickelungen der Dinge ist die Zeit der Thaten und der Entscheidungen gekommen, ivo man nicht mehr aufs unbestimmteste Hand in Hand mit Gleichgesinnten gehen, sondern zu vollkommen präzisen Zwecken sich vereinigen und trennen muß. Wir sind der Ueberzeugung, daß Gageru und das Reichsministerium gegenwärtig in der österreichischen Frage das Nothwendig wollen, und treten darum aus ihre Seite, weil diese Ueberzeugung stärker als alle Neigungen und Abneigungen ist, wie auch das Vaterland höher steht, als alle Parteien der Gegenwart und alle letzten Prinzipien der Zukunft. Mit Schmerzen sahen wir, wie die Reichsversammlung, damals als ministerielle Mehrheit uno in Ueoecelnsummung mit Gagern, Die letzte -Gelegenyell vorübergehen ließ, mit Einem Schlage unter den Fahnen der Demokratie die Einheit zu gewinnen, sich mit der preußischen Nationalversammlung zu verbinden, als das Land ihr zujubelte, Freischaren sich bildeten, die Gesinnung der Landwehr und des Heeres noch nicht wieder in der alten Form erdrückt war. Das ist verscherzt, und Gagern steht in der letzten Position, mit der Monarchie die Einheit zu bringen. Das ist es, um was es sich handelt! Nicht um die Linke oder die Rechte, nicht um Kaiserthum oder Demokratie, sondern um den ersten und letzten Gedanken unserer Revolution, um den Bundesstaat und die Einheit des Vaterlandes, die in ihrem Kern und ihrer Zukunft demokratisch bis zur letzten Stufe ist, und die darum, wie alle höchsten Güter, Ernst, Opfer und Entsagung fordert."
Der Londoner „Economist" stellt über die Lage Frankreichs folgende Betrachtungen an:
„Der Präsident der französischen Republik geht an die Lösung seiner Aufgabe ohne jene Stütze starker Köpfe und großer Herzen, welche allen Fürsten so noth thut und Niemanden mehr als einem Präsidenten. Er ist neu in den Geschäften. Er hat immer außerhalb Frankreichs gelebt, und fast alle Klassen von Staatsmännern stellen sich ihm entgegen. Er ist ihnen allen ein Fremder. Die Republikaner hassen ihn, weil er ihren Platz eingenommen. Die Monarchisten beneiden ihn und suchen ihn zu ihren eigenen Zwecken zu gebrauchen. In der Nationalversammlung, welche unter verschiedenen Einflüssen gewählt wurde, zählt er wenige oder gar keine Anhänger. Er tritt die Regierung an in Konflikt mit diesem Körper und verschmäht oder gefürchtet von den bedeutendsten Staatsmännern Frankreichs. Die Notabeln, welche sich von ihm so wie vom Volke gleich fern halten, befürchten, daß die neue Gewalt sich nicht halten werde, und ziehen ihr eigenes Interesse eher, als das Interesse des Landes zu Rathe. Sie theilen die öffentliche Begeisterung nicht, sie haben Mißtrauen in deren Dauer; sie sind Männer der Monarchie, und sie vermeiden es,
