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r Beiblätter

;ur Naffauischen Allgemeinen Leitung

für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.

M 245. Montag den 23. Dezember 1848.

△ Die beiden Amazonen

(Fortsetzung.)

Am andern Tage nach der Prozession fiel der Regen in Strömen herab und verursachte große Verwüstungen an den Werken des Belagerers. Jedermann in der Stadt glaubte fest an ein Wunder der Jungfrau der Abtei und verehrte den heiligen Bischof, den Schutzpatron der Abtei.

Ein anderes Wunder noch, das von Tausenden von Zeu­gen bestätigt ward, bewies den frommen Vertheidigern Mar- seille's, daß die Vorsehung über sie wache und sie nicht im Stiche lassen werde.

Vor dem Glockenthurme von Accoules stand noch ein alter Thurm, auf dessen Spitze man die Statue des Erinas hingestellt hatte.

Erinas lebte in den ersten Zeiten der christlichen Zeitrech­nung; er war ein berühmter Arzt, der von Marseille, seiner Geburtsstadt, sich nach Rom begab, um dort seine Kunst aus- zuüben. Durch seinen Ruf und seine Kunst erwarb er sich kin unermeßliches Vermögen, was er edelmütig dazu be­stimmte , um Marseille herum einen großartigen Gürtel von Bastionen und Wallen zu ziehen. Nach seinem Tode errichte­ten ihm die dankbaren Marseiller ein Denkmal. Dieses Denk- imal ist ebenso wie der Name des Erinas aus einer Stadt verschwunden, welche die beständigen Einfälle Fremder alles ihren alten Ruhmes, aller ihrer berühmten Erinnerungen be­raubt haben.

Am 31. August 1524, als die erwähnte Prozession in die Nähe des Thurmes des Erinas kam, sahen die Frauen und Kinder, die in Menge die Terrassen der umliegenden Häuser besetzt hatten, oder glaubten es wenigstens zu sehen (was bei den Völkern des Süvens einerlei ist), daß die Statue des Crinas sich vor dem triumphirenden Bildnisse des ersten Bischofs von Marseille neige. Dieses Wunder lief von Mund ju Mund und wurde von Niemand in Zweifel gezogen.

IX.

Der Konnetable von Bourbon war nicht der Mann da- i«, vor einer Stadt zu schlafen, die nicht kapitulirte, und die

er also früher oder später mit aller Macht angreifen mußte. In diesem Zeitraume der Belagerung vergingen die Tage^ ohne daß eine von den beiden Parteien sich irgend eines be# merkenswerthen Vortheiles rühmen konnte. Die Batterien feu­erten nachlässig auf die Stadt, welche bereits anfing, sich an dieses monotone Geräusch der Kanonen zu gewöhnen, deren Kugeln kaum die äußere Seite der Mauer erreichten. Da faßte der Konnetable einen energischen Entschluß und schwor vor Pescaire und seinen Hauptleuten, daß am 28. Septbr. um Mittag die Stadt in seiner Gewalt seyn sollte.

Der Konnetable hatte sein Wort nicht so leichtsinnig ver­pfändet, als Pescaire glaubte. Es war ein Artilleriekapitän, Namens Giustiniani Breggs von Venedig, im Lager angekom­men ; er hatte sich durch die Dienste, die er dem Kaiser jen­seits der Berge erwiesen, sehr berühmt gemacht. Man sagte, daß Breggs seines Gleichen nicht habe in der Beschießung der Mauern, und daß unter seiner Hand eine Batterie wie eine von einem Schnitter geführte Sichel wirke. Breggs war auch der berühmteste Schachspieler der Staaten Venedigs und als der SyrâfaE^Söy^r^ese Stadt kam und alle Meister des Schachspiels herausforderte, so nahm Breggs die Parthie mit dem Syrakusaner auf und schlug ihn, was Boy nicht be­griff, indem er sagte, daß eine Bosheit des Teufels dabei im Spiele und Breggs ein Zauberer sey, der Talismann besitze. Boy verlangte Revanche, doch bevor er das Spiel begann, that er ein Gelübde in der Kirche von Saint-Marc und legte einige kräftige Reliquien in den linken Aermel seines Rockes. Dieß­mal blieb Boy Sieger, und als er seinem Gegner eine neue Parthie offerirte, weigerte dieser sich, indem er sagte: „Die Deinigen sind stärker als die Meinen."

Breggs bot mehreren italienischen Fürsten seine Dienste als Geschützmeister an, er ward jedoch nicht angenommen, weil seine Geschicklichkeit, wie man sagte, nicht aus reiner Quelle stammte und nach Zauberei schmeckte. Der Konnetable von Bourbon, weniger skrupulös, obgleich ein christlicher Fürst, nahm die Anerbietungen Breggs gern an.

Die Marseiller wurden bald inne, daß die Arbeiten des