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BeibIütter

zur Nassauischen Allgemeinen Leitung

für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.

M 2VL. Mittwoch den 8. November ISZtS

Fleurette.

Novcllette aus den Junitagen 1848 zu Paris, (Schluß.)

Ein Tag vergeht im tiefsten Schmerz, der Kampf wird immer entsetzlicher, Verwundete, Leichen werden durch die Stra­ßen unten geschleppt, Pfüzzen von Blut bleiben zurück, Men­schen sind bleich vor Entsetzen über alle geschehenen Gräuel, und roch von Zorn und Wuth. Die deutsche Malerei konnte gute Studien machen, aber sie ist ein deutsches Mädchen, und klagt mit einer Mutter um ihr einziges Kind, sucht einer Gat­tin Muth und Hoffnung zuzusprechen, die zwei Tage ihren Gatten.nicht gesehen, ihn im Gefecht weiß, aber nicht, ob le­bend oder todt —

Fleurette hat die theuere Kinderleiche selbst gewaschen und angekleidet, die Leichenfrau ist nicht gekommen, aber auch kein Sarg ist zu haben, kein Handwerker arbeitet, und zwischen Fleurettens Wohnung und dem nächsten Sargmagazine sind viele Barrikaden.

Der dritte Tag kommt heran, und der Hauswirth erklärt, die Leiche müsse aus dem Hause, sie werden es sonst verpesten, er wolle sie auf einen Leichenwagen werfen lassen, es führen genug vorüber. Fleurette gibt ihr Kind nicht aus den Hän- !den. Sie, wickelt es dicht in weißes Leinen, und geht damit hinab auf die Straße an die Hausthür. Da steht sie und wartet, bis ein Leichenwagen kommt. Die rohe vorbeitrabende Menge kümmert sie nicht, sie hat ihr theuerstes Kleinod auf ihrem Arme — und das muß sie hingeben.

Cäcilia hat sich ihr nachgeschlichen, um die Freundin nicht allein zu lassen.

Jetzt kommt ein Leichenwagen an dem Straßenecke, die Pferde ziehen schwer, es sind viele Todte darauf, kein Tuch verhüllt sie, sie starren mit den Augen, die keine treue Hand ^ugebrücft hat, zum Himmel auf, liegen übereinander geschich­tet, Jünglinge, Männer, Greise, blutend, entstellt, ver­stümmelt. —

„Nehmt dies auch mit!" ruft Fleurette dem Kutscher zu. Der Wagen steht.

Sie tritt zitternd heran und drückt das Kind noch ein­mal an ihr Herz.

„Macht schnell!" ruft der Kutscher.

- Da hebt sie das Kind zum Wagen auf, will es sicher le­gen, daß es nicht herunterfalle und blickt auf die Leichen, sie schaut näher hin, das sind gräßliche, stiere Blicke, ach, sie hat ja noch nie so viel Leichen, so viel verstümmelte, so viel Ent­setzliches gesehen, aber nein das ist es nicht, sie reißt die eine Leiche mit starker Hand plötzlich herunter, stumm, lautlos — cs ist fürchterlich anzusehen, reißt die Leiche eines schönen Mannes herunter, dessen Stirn von einer breiten Wunde klafft, es ist die Leiche ihres Gatten, in welche sie die Leiche ihres, seines Kindes gelegt hatte.--

Cäcilie ruft das den Männern zu, denn auch sie hatten den todten Cravin erkannt — ein Augenblick fliegt das Ent­setzen und das Mitleid auch über einige Gesichter der Umste­henden, aber wer hat in diesen Tagen des Schreckens noch Raum und Zeit, das Unglück zu ehren und den Schmerz zu schonen? Die Leichen werden wieder auf den Wagen gewor­fen, und er fährt davon, indeß man Fleurette auf ihr Zim­mer, in ihr Bett trägt.

Am andern Tage ist in Paris wieder Alles ruhig, und Jeder geht an sein Geschäft. —Fleurette ist nicht todt, auch nicht wahnsinnig, nicht einmal krank, . sie lebt, um zu wissen, was sie erlebte und watz sie verlor. Cäcilia hat den Knaben noch aus der Erinnerung für sie gemalt. „In der Revolution ward er geboren, in der Revolution starb er" schrieb sie unter das Bild. — ______________

Wiener Eindrücke (Fortsetzung).

Der Kampf in den Straßen dauerte fort; überall siegte das Volk, mit Zauberschnelle erwuchsen an den wichtigsten Punkten kunstgerechte Barrikaden. Von den Tuchlauben durch hartnäckiges Gewehrfeuer vertrieben, wagte ich es mit einem Freunde, ein zitterndes Mädchen nqch ihrer ziemlich fernen Wohnung zu geleiten. Wir kamen über den Hof. Auch hier