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Beiblätter

zur Nassauischen Allgemeinen Leitung

für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.

M 183.

Samstag den I zu Oktober

1848»

Die Todten an die Lebenden ^)

(Juli 1848.)

Die Kugel mitten in der Brust, die Stirn breit gespalten, " So holt ihr uns auf blutigem Brett hoch in die Luft gehalten! Hoch in die Lust mit wildem Schrei, daß unsre Schmerzgebärde Dem, der zu todten uns befahl, ein Fluch auf ewig werde! ' N er sie sehe Tag und Nacht, im Wachen und im Traume — Sm Oeffnen seines Bibelbuchs wie im Champagnerschaume!

U tote ein Brandmal sie sich tief in seine Seele brenne, los nirgendwo und nimmermehr er vor ihr fliehen könne! Doß jeder gualverzogene Mund, daß jede rothe Wunde ^schrecke noch, ihn ängste noch in seiner letzten Stunde ! i-r jedes Schluchzen um uns her dem Sterbenden noch schalle, iii jebe todte Faust sich noch nach seinem Haupte balle — Uz' er das Haupt nun auf ein Bett, wie andre Leute pflegen, Uz' er es auf ein Blutgerüst zum letzten Athem legen!

So war's! Die Kugel in der Brust, die Stirne breit gespalten ko habt ihr uns auf schwankem Brett auf zum Altan gehalten! -Herunter!" — und er kam gewankt — gewankt an unser Bette; „N ab!" — er zog — er neigte sich! (so sank zur Marionette, Str erst ein Komödiante war!) — bleich stand er und beklommen! D-r Heer indeß verließ die Stadt, die sterbend wir genommen! Sinn „Jesus meine Zuversicht!" wie ihr's im Buch könnt lesen; Bin „Bifen, meine Zuversicht!" wäre Häßlicher gewesen!

Das war der Morgen auf die Nacht, in der man uns erschlagen; kohabt ihr triumphirend uns in unsere Gruft getragen!

N leit — wohl war der Schädel uns zerschossen und zerhauen, &i lag des Sieges froher Stolz auf unsern grimmen Brauen. Kr dachten: Hoch zwar ist der Preis, doch ächt auch ist die Waare! èd legten uns in Frieden drum zurecht auf unsrer Bahre.

Weh' euch, wir haben uns getäuscht! Bier Monden erst vergangen, Hub alles feig durch euch verscherzt, was trotzig wir errangen! ®«8 unser Tod euch zngewandt, verlottert und verloren — Alles, Alles hörten wir mit leisen Geisterohren!

*) Wir theilen dieses durch die neuesten Schicksale seines Verfassers so berühmt gewordene Gedicht unsern Lesern mit, wegen dessen bekannt­lich Freiligrath zuerst von der Polizei verfolgt und gefangen ge­setzt, dieser Tage indessen von den Düsseldorfer Geschwornen freige­sprochen wurde.

Wie Wellen braust' an uns heran, was sich begab im Lande:

Der Aberwitz des DänenkriegS, die letzte Polenschaude;

Das rüde Toben der Vendëe in stockigen Provinzen;

Der Soldateska Wiederkehr, die Wiederkehr des Prinzen; Die Schmach zu Mainz, die Schmach zu Trier; das Hänseln, das Entwaffne» Allüberall der Bürgerwehr, der eben erst geschaffnen;

Die Tücke, die den Zeughaussturm zu einem Diebszug machte, Die selber uns, die selbst das Grab noch zu begeifern dachte; Soweit es Barrikaden gab, der Druck auf Schrift und Rede; Mit der Versammlung freiem Recht die täglich frechre Fehde!

Der Kerkerthore dumpf Geknarr im Norden und im Süden;

Für Jeden, der zum Volke steht, das alte Kettenschmieden;

Der Bund mit dem Kosackenthum; das Brechen jedes Stabes, Ach, über euch, die werth ihr seid des lorbeerreichsten Grabes: Ihr von des Zukunftdranges Sturm am weitesten Getragnen! Ihr — Juni-Kämpfer von Paris! Ihr siegenden Geschlagnen! Dann der Verrath — hier und am Main im Taglohn unterhalten — O Volk, und immer Frieden nur in deines Schür;sells Falten? Sag' an, birgt es nicht auch den Krieg? den Krieg herausgeschüttelt! Den zweiten Krieg, den letzten Krieg mit Allem, was dich büttelt! Laß deinen Ruf: „die Republik!" die Glocken überdröhnen, Die diesem allerneuesten Johannesschwindel tönen!

Umsonst! Es thäte Noth , daß ihr uns aus der Erde grübet, Uns wiederum ans blut'gem Brett hoch in die Luft erhübet!

Nicht, jenem abgethanen Mann, wie damals, uns zu zeigen — Nein, zu den Zelten, auf den Markt, in's Land mit uns zu steigen! Hinaus in's Land, so weit es reicht! Und dann die Insurgenten Auf ihren Bahren hingestellt in beiden Parlamenten!

O ernste Schau! Da lägen wir, im Haupthaar Erd' und Gräser, Das Antlitz fleckig, halbverwest! — die rechten Reichsverweser!

Da lägen wir und sagten aus: Eh' wir verfaulen konnten, Ist eure Freiheit schon verfault, ihr trefflichen Archonten! Schon fiel das Korn, das keimend stand, als wir im Märze starben: Der Freiheit Mârzsaat ward gemäht noch vor den andern Garben! Ein Mohn im Felde hier und dort entging der Sense Hieben — O, wâr' der Grimm, der rothe Grimm im Lande doch geblieben!

41nb doch, er blieb! Es ist ein Trost im Schelten uns gekommen: Zu viel schon hattet ihr erreicht, zu viel ward euch genommen! Zu viel des Hohns, zu viel der Schmach wird täglich euch geboten: Euch muß der Grimm geblieben sein — o glaubt es uns, den Todten! Er blieb euch! ja, und er erwacht! er wird und muß erwachen! Die halbe Revolution zur ganzen wird er machen!

Er wartet nur des Augenblicks: dann springt er auf allmächtig;