„Die Armeebulletins sind oft ungenau; das heutige beeilt sich etwas zu sehr, den Tod Ihres Gatten zu melden."
Auf dem Schlachtfelde bei Astorga von einer Kugel getroffen, wäre der Herzog beinahe unter den Rädern eines Artillerie-Trains zermalmt worden, als eine Bewegung, die er noch zu rechter Zeit machte, die Pferde erschreckte; sie sprangen zur Seite, und der Marschall entging dem schrecklichen Tode, der ihn bedrohte.
Alle diese Details sind mir so eben durch einen Bolen mitgetheilt, den mir der Kriegsminister sandte, indem er mich bitten ließ, Ihnen den Irrthum des Bulletins anzuzeigen.
Der Minister fügt hinzu, daß der Marschall mit großer Mühe in eine elende Hütte bei Astorga gebracht, in diesem Augenblicke in der größten Gefahr schwebt; seine Wunde sey so gefährlich, daß er jeden Augenblick sterben könne.
Und nun, meine liebe Herzogin, ist Ihnen Ihr Handeln vorgezeichnet; Sie sind es Ihrem Gatten, der Welt, sich selbst schuldig, noch heute ohne Verzug abzureisen zu dem Marschall, ihm Ihre Sorgfalt zu weihen, ihn dem Leben zu erhalten oder seinen letzten Seufzer zu empfangen.
„Ich werde gehen, Madame, sagte Stephanie mit muthi- ger Resignation, ich werde Ew. Majestät gehorchen."
„Ich befehle nicht, meine Freundin, erwiederte die Königin gütig, — ich rathe blos, und wenn nöthig bitte ich . . : denn ich will, daß Sie die Achtung der Welt behalten und mir allein das Vertrauen Ihres Kummers bewahren."
Zwei Stunden nach dieser Unterhaltung fuhr eine Postkutsche die Marschallin auf dem Wege nach Spanien dahin, und als am Abend Odoart sich in ihrem Hause einstellte, gab man ihm ein Billet, das nur die Worte enthielt:
„Ich reise ab ... . Gedenken Sie Ihres Schwures!"
Vierzehn Tage waren seit dem erwähnten nächtigen Treffen verflossen.
Der Herzog d'A . . . wurde von den Sciuigen erkannt und an den dem Schlachtfelde zunächst gelegenen Ort gebracht, in eine armselige Hütte spanischer Bauern, die von ihren Bewohnern verlassen war, und wo das größte Elend herrschte. Der berühmte Larrey war so eben in die Hütte getreten.
„Unmöglich, sagte er zu dem Kammerdiener des Verwundeten, noch heute diese verdammte Kugel herauszuziehen . . . Die Entzündung ist zu groß', der Kranke zu schwach. Man kann jetzt an die Operation nicht denken, der Marschall würde sie nicht aushalten, und ich fürchte sogar sehr für diese Nacht. Behalten Sie wohl, was ich Ihnen sage. Ich sehe, daß ein Gehirn'fieber im Anzuge ist. Erstaunen Sie nicht über die schrecklichen Wirkungen, die es hervorbringen wird; über das Delirium, die heftigen Krämpfe, die Schmerzenslaute, die solche Zufälle verursachen."
Ich wollte, es wäre mir vergönnt, unsern braven Marschall nicht zu verlassen, aber Sie hören hier die Kanonen von
Astorga, die neue Opfer fordern und mich in ihre Reihe, rufen. —
Der Kanonendonner ward immer lauter, in der Richtum nach Astorga hin. Larrey schwang sich auf sein Pferd, uni galoppirte nach der belagerten Stadt hin.
Der Tag neigte sich, und die verlassene Gegend nahm ü jedem Augenblicke einen traurigeren Anblick an, je mehr di Dunkelheit sich auf die mit Trümmern besäete Erde herab senkte. —
Der Donner rollte in der Ferne. Blitze erhellten vo, Zeit zu Zeit das schauerliche Dunkel. Große Regentropft fingen an zu fallen. (Forts. folgt.)
Heinrich von Gagern. Präsident des deutschen Reichstags. (Fortsetzung).
Nicht lange nach Gagerns Wahl in Worms verbreitet sich dort das Gerücht, die Stadt werde zur Strafe ihre Gar nison und ihr Gymnasium verlieren. Da erfaßte Furcht di Seelen einiger feigen Philister. Eine Adresse an den Gros Herzog war abgefaßt, um die drohende Gefahr abzuwender Sie zählte, nach der Angabe der Oberpostamtszeitung, „ungi fähr dritthalbhundert Unterschriften." Die Adresse bemüht sich, darzuthun, daß „die letzte Landstandswahl" keinesweg dem Sinne der Mehrheit der Wormser Bürger enffprech Eine Deputation überreichte sie dem Großherzog. Als dieß i Worms bekannt wurde, traten sofort die dortigen Wahlmänne zusammen und entwarfen eine Gegenadresse, worin sie sic nachdrücklich gegen jene Verdächtigung verwahrten, Herrn vo Gagern „einen Mann von großen Talenten und tiefen Kennt Nissen, von unbescholtenem Rufe und der edelsten Uneigenm tzigkeit" nannten und schließlich die Notiz beifügten, je« „Dritthalbhundert" seyen kaum ein Sechstel der bei der Watz betheiligt gewesenen Einwohnerschaft, da Worms 1600 stimm fähige Individuen habe, wovon 11 — 1200 bei den Urwahle abgestimmt hätten. So sielen die Angriffe der Gegner Ge gerns in nichts zurück!
Bei dieser Gelegenheit kam übrigens eine eigene Wah! frage zur Sprache. Gagern war, wie erwähnt, von Wor« und später von Hungen gewählt. Nun besagte das hessisch Wahlgesetz, daß in einem solchen Falle dem Gewählten „binnd drei Tagen nach erhaltener Bekanntmachung" die Auswahl zu stehe; habe er in drei Tagen nicht gewählt, so entscheide bi Regierung der Provinz, in welcher er wohne, durchs Loos Gagern erwartete aber nach der bisher in verschiedenen Fälle« i gleichmäßig beobachteten Geschäftsweise vorerst noch eine bi sondere Bekanntmachung der Aufforderung, binnen drei Tage« seine Auswahl zu treffen. Diese besondere Aufforderung er folgte jedoch nicht; vielmehr bedeutete der Provinzialkommisi« Herrn v. Gagern (nachdem über drei Tage seit der ihm gt
