wir uns unter den Mauern Mailands begraben. AbendSlspät wollte derselbe Herzog ausgehen, sobald er aber auf der Straße erschien, fielen zwei Schüsse auf ihn und drei Kugeln flogen in's Zimmer des Königs. Dieser verließ zu Fuß seine Wohnung, begab sich zu seinen Truppen und machte sich nach Mitternacht davon.
Der Geist im russischen Heer.
(Fortsetzung.)
Militärische Uebungen bilden darum den Hauptbestandtheil : ber Heranbildung; dazu kommen die Elementarwiffenschaften. Fremd bleibt dem uniformirten Kinde alles, was mit Familie und Häuslichkeit zusammenhängt, fremd bleiben ihm auch alle Eigenschaften, welche sich damit von selbst entwickeln. Sein Vater ist der hohe strenge Mann in Generalsuniform, dem unbedingte Macht gegeben ist, über Leib, Leben und Gedanken, welcher ihm selbst als unbedingter Herrscher des Gottesglaubens, : als Gottes Stellvertreter gelehrt wird. Sein Vater ist der I Mann, dessen Erscheinen in der Anstalt alle möglichen Vor- Ibereitungen, Strafen, Ermahnungen verkünden., in dessen Gegenwart die enge Uniform noch weniger als sonst gelüftet werden, kein Glied des Körpers zucken, keine Miene des Antlitzes sich verziehen, kein Wort mehr, als das gefragte fallen darf. Weiter hat das Kind keinen Halt auf der ganzen weiten Welt. Von einem Stirnrunzeln jenes fremden glänzenden Mannes hängt sein Lebensloos ab. Er ist sein Erdengott. Das ist der Grundgedanke, worin das Leben des Soldaten- skindeö erwächst, militärische Subordination ist seine höchste -Tugend, der Dienst zu jenes Mannes Zwecken seine einzige i Möglichkeit. Waffengeklirr, Kommandoworte, Trommelwirbel kund Trompetenstöße, worein in bestimmten Zeiten das wilde s Geklingel der russischen Kirchenglocken geht — das sind die I tinzigen Töne, denen sich sein Ohr gewöhnt. Und damit nicht I nur der Leib soldatisch geübt, sondern auch das Gefühl bei Zeiten verhärtet werde, geschieht es nicht selten, daß eben diese I halberwachsenen Knaben die Reihen bilden müssen, deren Ru- f thenstreiche den nackten Rücken des hindurchschreitenden Soldatensträflings zerfleischen. Dann treten sie in die Armee, aind * und sind nach solcher Vorschule allerdings meistens von vornherein das, was die Offiziere „tüchtige Soldaten" nennen. I Nach dem Menschen in der Uniform fragt niemand. Der tüchtige Soldat wird sehr rasch Unteroffizier, besonders da er auch schreiben und lesen kann. In dem Sinne, welcher ihn erzog wirkt er auf die Untergebenen ein; so wird er der beste Vermittler einer unbedingten Anheimgqbe des Menschen an des Kaisers Heerdienst, und er selber hat kein selbstständiges Leben, ' sondern nur ein solches in die Schanze zu schlagen, dessen Werth mit jeder Wunde wächst. Darum kämpft er tapfer, fest, beharrlich. Die Soldatenkinder sind vortreffliche Soldaten.
Wir haben ihnen keinen Vorwurf darüber zu machen, daß der Mensch in ihnen erstickte.
So stehen wir denn vor den Reihen jener, deren grauer Mantel in andern Ländern von der Züchtlingstracht ersetzt würde. Man hat in Rußland einen weichen Namen für sie erfunden; man nennt sie die „Unglücklichen." Viele verdienen denselben in vollem Maße; sie sind die Opfer der russischen Politik, welche weder den freien Aufschwung des Gedankens noch den ungescheuten Austausch des Wortes duldet. Aber diese vielen, so gern es auch mitunter eine Sentimentalität des Hasses gegen Rußland läugnet, diese vielen bilden doch nur die kleine Minderzahl. Auch wird man sie schwerlich den Regimentern einverleiben, welche den Kampf des Absolutismus gegen den Geist des Jahrhunderts, den der Barbarei gegen die Gesittung blutig austragen sollen. Man sendet sie hinab nach den kaukasischen Lagern, wo die Seuche den vom Jammer der Seele zermarterten Leib hinterrücks anfällt, wenn ihn die tscherkessischen Kugeln verschonten, in deren dichtesten Regen jene Unglücklichen meistens vorgeschoben werden. Freilich, sagt die russische Entschuldigung, sie sollen damit Gelegenheit gewinnen, sich zu Offizieren aufzufechten. Manchem gelingt's auch, wenn er gerade Gönner unter den berichterstattenden Oberoffizieren zählt. Aber wie viel Tausende verrichten Wunder der Tapferkeit, öhne daß jemals ihr Name in einem Kampf- bericht erscheint? Gerade die Namen der Edelsten und Feurigsten sind „in Petersburg" am verpöntesten. Wer möchte da wagen, an sie zu erinnern, ohne sich der Theilnahme an mißliebiger Gesinnung zu verdächtigen? Doch genug vow ihnen. Die „Unglücklichen," welche uns entgegenstehen werden, verdienen sicher nur in einer kleinen Zahl ein besseres Loos. Meistens sind es Vagabunden, Säufer, Spieler, Hausdiebe u. s. w., kurz Mitglieder jener unglücklichen Menschenklasse, über welche man im übrigen Europa Strafarbeit und' Besserungshaft verhängen würde, ohne damit eine Besserung, zu erzielen. Sie bleiben auch hier ungebessert; sie pflanzen, so lange sie in den Linien stehen, alle möglichen Laster und Ausschweifungen fort, sammeln sich auch meistens wieder iir den sogenannten Strafkompagnien, und werden dadurch dem eigentlichen Kampf entzogen.*) Die kleine übrig bleibende
*) Die Existenz dieser Strafkompagnie scheint der Behauptung zu widersprechen, als ob eine wahllose Zusammenwürfelung der moralisch verderbten und bessern Soldaten stattfinde. Es scheint jedoch auch nur. Der Soldat, welcher zur Strafe in die Armee gesteckt wurde, muß erst militärische Vergehen begangen haben, damit er in den Strafkompagnien abgesondert werde. Erst im ^ahr 1845 erging ein Ukas, welcher auf diese Uebelstände Rücksicht nahm und, „um dem vielfachen Uebel, das sich durch die der Armee jährlich in Menge zukommenden verbrecherischen oder desertionssüchtigen Individuen ergibt, zu steuern", einige hieher bezügliche Maßregeln anordnete. Doch sind diese Bestimmungen in der Art, wie sie getroffen wurden, fast unausführbar. (Das Nähere siehe in A. BuddeuS' Petersburg im kranken Leben. 2 S. 16 ff.)
D. Eins.
