seit drei Tagen bekämpfen und welcher mit dem Komplott des 15. Mai in Verbindung zu stehen scheint, das direkt gegen die Versammlung gerichtet war. Dieser letzte Entwurf lautet wörtlich: Artikel 1: Eine Kommission von 15 Gliedern der Nationalversammlung ist niedergesetzt, um den Ursprung und die Gründe der Insurrektion zu untersuchen, welche seit drei Tagen die Hauptstadt in Trauer versetzt. Art. 2: Dieselbe Kommission hat sich mit der Staatsanwaltschaft in Verbindung zu setzen, welche den Prozeß des 15. Mai leitet. Die fünfte Maßregel endlich ist das bereits gestern mitgetheilte Verbannungsdekret aller mit den Waffen in der Hand gefangenen Insurgenten. Die Redaktion ist etwas geändert worden. Art. 1: Jedes mit den Waffen in der Hand ergriffene Individuum wird sofort in eine der französischen überseeischen Besitzungen deportirt. Art. 2: Die Vollziehungsgewalt ist mit den nöthigen Maßregeln zur Ausführung des Dekrets beauftragt. Art. 3: Dasselbe findet jedoch auf Diejenigen keine Anwendung, welche eine die Menschheit verletzende Handlung verübten.
Die Versammlung zog sich zur Prüfung in ihre Bureaus zurück.
Um halb 12 Uhr wurde die Sitzung wieder ausgenommen. Viele Glieder waren noch in den Abtheilungen. Aber eine große Lebendigkeit zeigte sich im Saale In einem der äußeren Seitengänge hört man den Präsidenten den Huissiers zurufen: „3a, ja, Alles ist gewonnen! Eilen Sie in die Büreausäle, um die Glieder in die Sitzung zu holen." Daraus erscheint er im Saale, steigt hastig die Treppe hinauf zu seinem Sitze, und ruft enthusiastisch vor etwa 30 Gliedern: „Bürger Repräsentanten, das Faubourg St. Antoine hat sich ergeben! (Bravo's von den Zuschauerbühnen.) Ich beeile mich, Ihnen das Ende der Krisis anzuzeigen. Ein Adjutant des Kriegsministers Ca- vaignac hat so eben gestreckten Galopps die Nachricht gebracht, daß das Faubourg St. Antoine gefallen sey und sich auf Gnade oder Ungnade übergeben habe. Zur festgesetzten Stunde hätten nämlich die Generäle Lamoricière und Perrot ihre Operationen begonnen; da sei ein Parlamentär erschienen und habe unterhandelt. Drei Bataillone nahmen Besitz vom Faubourg, als der erwähnte Adjutant hierher eilte." Fallour: Haben Sie Nachrichten vom Erzbischof? Präs.: Derselbe scheint am Schienbein schwer verwundet worden zu seyn. Bischof von Langres: Jm Augenblick, wo er nach einer Unterredung mit Cavaignac und Cenard auf den Barrikaden mit den Insurgenten als Friedensbote unterhandelte, machte sich in der Entfernung ein Trommelwirbel hörbar, welchem zwei starke Gewehrsalven unmittelbarfolgten. Der Erzbischofwurde von einer Kugel durchbohrt (sie fuhr in die Eingeweide). Die Verletzung ist lebensgefährlich. Der Prälat hat das Abendmahl verlangt. Sobald die Insurgenten ihn fallen sahen, verlangten sie sofort ein Zeugniß , das ihnen bescheinige, daß die tödtende Kugel nicht aus ihren Barri- kadenhäusern, sondern aus den Reihen der heranrückenden Bürgerwehren und Linientruppen Lamoriciöre's und Pcrrot's geschossen worden sey (Murren)..... General Subervic: Was weiß man von unsern Kollegen Larabit und Cazalat? Bcslay: Als ich hörte, daß mein Freund Larabit sich hinter die Barrikaden begeben, eilte ich ihm nach. Ich sprach mit den Arbeitern, die ich als Fabrikant kenne und erkundigte mich nach dem Schicksale meiner Kollegen. Sie erklärten mir, daß sie uns alle drei als Unterpfänder zurückbehielten und uns auf die Barrikaden stellen würden, wenn Lamoriciöre und Perrot mit ihren Soldaten und Bürgerwehren heranrücken würden. Zn diesem Falle, sagte ich, werdet Ihr uns wenigstens eine Pistole nicht versagen, mit der wir uns selbst todtschießen können. Die Umstehenden betrachteten mich in der That als ihren Gefangenen und nur der energischen Dazwischenkunft eines Arbeiters, der mich kannte, verdankte ich meine Befreiung. Larabit ist verletzt. -Doch ist seine Wunde ungefährlich. — Die Sitzung wird aufgehoben.
Mittags. Ein Glied stürzt in den Saal: Verrath! Verrath! Sie haben ein ganzes Bataillon niedergeschossen! hört man rufen. Dieses Glied scheint zu erzählen, daß die Insurgenten drei Bataillone hinter die Barrikaden gelockt hätten, unter der Angabe, sich zu ergeben, daß sie aber dann alle ihre Feuerschlünde gegen sie gerichtet. Lebhafte Gespräche in der Mitte des Saales. Nichts Zusammenhängendes.
1 7i Uhr. Präsident S enard, der das Ende der Insurrektion schon fünfzig Male angezeigt hat, besteigt von Neuem den Vorsitz und ruft aus: Bürger-Repräsentanten! Alles ist beendigt! Die Widersprüche in den Nachrichten, die sich so eben kreuzten , rühren von der Bedeutendheit und topogra
phischen Beschaffenheit des Faubourgs her. Natürlich konnte die Uebergabe noch nicht in allen Straßen bekannt seyn. Aber sie ist sicher. Ein Unteroffizier hat mir so eben gemeldet, daß er das Faubourg in allen Richtungen durchritten. Neberall zirkuliren Patrouillen.
Antony Thouret: Es brennen mehrere Häuser! Woher diese Flammen nach einer Uebergabe? Adels ward; Um 1 Vi Uhr habe ich den General Lamoriciere gesprochen. Er hat mir gesagt, daß sich das Faubourg noch nicht ergeben habe. Mehrere Abtheilungen der Mobilgarde sind zu den Insurgenten übergegangem Auch sprach er von geheimem Einverständnisse zwischen gewissen Repräsentanten und den Insurgenten.
Um 2 Uhr läuft eine Depesche ein, welche die Uebergabe des Faubourgs wirklich offiziell meldet.
E. Girardin ist verhaftet. (4 Uhr.)
Deutschland.
Frankfurt, 28. Juni. (Reichstags-Sitzung.) Art. 9: „Der Reichsverweser übt seine Gewalt durch von ihm ernannte, der Nationalversammlung verantwortliche Minister aus. Alle Anordnungen desselben bedürfen zu ihrer Gültigkeit der Gegenzeichnung wenigstens eines verantwortlichen Ministers", wurde fast einstimmig angenommen. Art. 10. fällt weg. Art. 11: „Der Reichsverweser ist unverantwortlich" mit 373 gegen 175 Stimmen durch Namensaufruf angenommen. Art. 12 fällt weg. Art. 13: „Ueber die Verantwortlichkeit der Minister wird die Nationalversammlung ein besonderes Gesetz erlassen. 14) Die Minister haben das Recht, den Berathungen der Nationalversammlung beizuwohnen und von derselben gehört zu werden. 15) Die Minister haben die Verpflichtung, auf Verlangen der Nationalversammlung in derselben zu erscheinen und Auskunft zu ertheilen. 16) Die Minister haben das Stimmrecht in der Nationalversammlung nur dann, wenn sie als deren Mitglieder gewählt sind. 17) Die Stellung des Neichsverwesers ist mit der eines Abgeordneten der Nationalversammlung unvereinbar" werden angenommen. Art. 18: „Mit dem Eintritt der Wirksamkeit der provisorischen Zentralgewalt hört das Bestehen des Bundestages auf" wurde mit 510 Stimmen gegen 35 angenommen?
Art. 19: „Die Zentralgewalt hat sich in Beziehung auf die Vollziehungsmaßregeln, so weit thunlich, mit den Bevoll- .mächtigten der Landesregierungen in's Einvernehmen zu setzen," und 20: „Sobald das Verfassungswerk für Deutschland vollendet und in Ausführung gebracht ist, hört die Thätigkeit der provisorischen Zenrralgewalt auf" wurden angenommen, zuletzt das ganze Gesetz mit 450 gegen 100 Stimmen. Nach Verkündigung des Resultats übergab v. Radowitz im Namen einer Anzahl Mitglieder der Majorität die Erklärung zu Protokoll, daß sie dem Beschluß nur unter Voraussetzung der Zustimmungen der deutschen Regierungen beigetreten seyen, andererseits ließ der größere Theil der Minorität ebenfalls dem Protokoll eine Erklärung einverleiben, welche durch Jordan verlesen wurde, und dahin lautet: sie hätten gegen das Ganze gestimmt, in der festen Ueberzeugung, daß die Ausstellung eines unverantwortlichen Reichsverwefers mit dem Grundsätze der Volkssouveränität durchaus unvereinbar und nur geeignet sey, den Zustand der Revolution zu verlängern.
Frankreich.
Paris, 27. Juni, 87» Uhr Morgens. Telegraphische Depesche. — Heute genießt Paris der vollkommensten Ruhe; Alles ist zur Ordnung zurückgekehrt.
1591 Gemeindegesetz.
Fortsetzung der Berathung darüber; Donnerstag den 29. Juni, Abends 8 Uhr, auf dem neuen Geisberg.
Wiesbaden den 28. Juni 1848.
Fr. Bertram. Fresenius.
In der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung in Wiesbaden ist zu haben:
Pharmacopoea borussica.
Sechste Auflage. Preis 3 fl. 18 kr.
deren Einführung vom 1. Juli an im Herzogthum Nassau verordnet ist.
Verantwortlicher Redakteur: W. H. Riehl.— Druck und Verlag der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung in Wiesbaden.
