Beiblätter
zur Nassauischen Allgemeinen Leitung
für Literatur, Kunst nud gemeinnützige Interessen.
J!£ (>(i.
Mittwoch den 7. Juni
1848.
es
ii Späte Sühnung.
(Novelle v. S. V. S.)
(Fortsetzung.)
„Ich habe kein Mittel unversucht gelassen, mich von der lächerlichen Krankheit zu heilen" — fuhr der Legationsrath fort. „In meinem Hause bewohne ich nur Zimmer, welche nach der Seite gehen, von wo kein Mondschein einfallen kann, und alle anderen Fenster werden $ur Zeit sorglich verhängt, daß kein Strahl einfällt. Doch wozu hilft das Alles? Es haben schon Aerzte geglaubt, ich sey in umgekehrter Weise mondsüchtig. Das ist eine Lächerlichkeit. Haben Sie nicht von Leuten gehört, die sich in ähnlicher Weise vor einem schwarzen Pudel, einem Schimmel, einem grauen Kater fürchteten? Lesen sie in den alten Herenprozeß-Geschichten, — man hat hundert alte Weiber verbrannt, blos weil sie in einer ganz ähnlichen Monomanie befangen waren, wie ich. That man darum so ganz Unrecht--? "
Die letzte Frage klang mir schauerlich; ich konnte nicht / begreifen, was er damit sagen wollte.
„Ich habe mir," sprach er weiter, „eine ganze Literatur angesammelt, die über solche Furcht handelt, wie sie mich quält. Zeitungsblätter, ärztliche Bücher, Herengeschichten, Prozesse, alte Scharteken aller Art; ein Kunositätenkrämer würde mir die Sammlung mit schwerem Gelde aufwiegen, wie sie mich schweres Geld gekostet hat. Und doch war es nicht in den Wind geworfen. Glauben Sie mir, cs ist mir immer der beste Trost gewesen, zu lesen, daß es anderen Leuten in ähnlicher Art eben so schlimm ergangen ist, wie mir. Ein schottischer Lord fürchtete sich eben so vor dem Anblick . seines Abbildes int Spiegel, wie ich mich vor dem Anschauen des vollen Mondes fürchte. Sie kennen die Geschichte, Gutzkow hat eine tragische Komödie daraus gemacht. Es übte einen unbeschreiblichen Eindruck auf mich, als ich das Stück auf dem Theater sah; ich glaubte mich selber auf den Brettern W umherwandeln zu sehen. Und wie Sie wissen, endet das Schau- ' spiel tragisch; — eö schließt mit einem Pistolenschuß."
„Und Ihre Frau--" begann ich fragend, er aber fiel mir in's Wort.
„Sie wollen wissen, wie meine Frau diese schwache Seite hinnimmt? Sie erträgt mich, wie das nur Frauen können. Eine Frau ist in solchen Dingen ganz so wie unsere großen Politiker; was einmal da ist, das nehmen sic als eine vollendete Thatsache hin und kritisiren nicht weiter daran. Und freilich ist solche Politik recht eigentlich eine Weiberpolitik. Meine Frau betrachtet jenen Zustand als etwas Gegebenes, Nothwendiges, sie weiß es nicht anders. Darum aber ist es mir auch unmöglich, mich ihr gegenüber auszusprechen. Sie würde sich eben durchaus nicht auf einen freien, außerhalb der Sache liegenden Standpunkt zu setzen vermögen. Versuchen Sie das einmal. Ich werde Ihnen dieser Tage ein paar Bogen Denkwürdigkeiten aus meinem Leben übersenden, lesen Sie und prüfen Sie dieselben. Und dann sagen Sie mir Ihre aufrichtige Herzensmeinung, ich werde sie vielleicht in meiner Weise nur als eine Kuriosität betrachten können und zu meinen andern Kuriositäten legen müssen. Aber anziehend wird es mir immerhin seyn. Sie sehen, ich bin eine streng analytische Natur, ein Chemiker, der an dem eigenen Gemüthsleben beständig seine Scheidekünste versucht."
VI.
Er hatte mir die Bruchstücke aus seinen Denkwürdigkeiten versiegelt übersandt. Ich erhielt das Päckchen am frühen Morgen, da ich mich eben zu einer einsamen Fußpartie in die Berge anschicken wollte, und steckte die Papiere zu mir. Es ist bei mir eine alte Liebhaberei, im Freien zu lesen. Als ich noch in die Schule ging und der Rektor uns in sehr einladender Weise von den lustigen Gärten und Hainen erzählte, in welchen Horaz gedichtet, Cicero studirt, und Plato philo- sophirt habe, ergriff mich auch die heiße Begier, ein Gleiches zu thun. Und da mir in der Nähe weder ein Orangen-Garten noch ein Oelbaumhain, ja nicht einmal irgend ein ganz gewöhnlicher deutscher Buchenwald zur Verfügung war, so lagerte ich mich im Mittagssonnenbrand hinter eine Weißdornhecke, die an dem staubigsten Feldwege stand.
