Einzelbild herunterladen
 

zugleich das letztemal in meinem Leben, daß ich die Ehre hatte, ihn zu sprechen.

Ich habe der Redaktion der Revue Retrospektive die Be­weise geliefert, welche die Wahrheit der obigen Erläuterungen beurkunden, und aus den authentischen Quellen, die ihr'znqäng- lich sind, mag sic jetzt, wie es französischer Loyaute ziemt, sich über tie Bedeutung und den Ursprung der in Rede stehenden Pensionen aussprechen. . .

Paris, den 15. Mai 1848. Heinrich Heine.

Auf Helgoland.

(Schluß.)

Ich weiß mich noch zu erinnern, daß ich mich über unse­ren reichen Fang ungemein ärgerte, und nur darin einigen Trost fand, daß Freund Kühl und eine junge liebenswürdige Dame unserer Gesellschaft noch weit mehr krank wurden, als ich. Dann freute ich mich recht boshaft, daß ein gefangener Hay einige bereits verschlungene Dorsche wieder von sich geben mußte. Bei den Fischen brachte der trockene Boden dieselbe Wirkung hervor, welche das nasse Element bei ihren Peini­gern erregte.

Sonderbar, schon der bloße Anblick des noch weit ablie­genden Landes bannte das geheimnißvolle Ucbelbefinden wie mit Zauberkraft und ich befand mich im Augenblicke so frisch und munter, als ich nur je gewesen.

Einer unserer heutigen Fährleute, der Schiffer Martins, hat vor vierzehn Tagen einen Bruder verloren, der bei einer ähnlichen Partie ertrank. Der Unglückliche stürzte durch Zu­fall aus der Schaluppe. Ein vortrefflicher Schwimmer, hielt er sich neben derselben zwei Stunden lang über dem Wasser, ohne daß ihm die Wuth des Sturmes erlaubte, an Bord zu kommen. Die ungeheueren Wogen, welche das Schiff fort­während wegschleuderten, verhinderten, daß ihm ein rettendes Seil zugeworfen werden konnte, und fo mußte der bedauerns- werthe Martins den eigenen Bruder vor seinen Augen ver­sinken sehen, ohne ihm helfen zu können. Er erzählte uns, der Arme habe nach zwei Stunden nutzloser und verzweiflungs­voller Anstrengung ihm zugerufen:Lebe wohl, ich sehe, Du kannst mich nicht retten, so will ich meinen Leiden ein Ende machen. Lebe wohl, Bruder, und bete für mich!" Nach die­sen Worten tauchte er unter, in wenig Sekunden waren nur noch die schweren Wasserstiefeln sichtbar, undauf diese Art," schloß Martins seine Erzählung,ist wieder ein braver See­mann in seinem Berufe gestorben." Nicht einmal die Leiche des Unglücklichen wurde mehr gefunden.

Helgoland hat in der Person des ehemaligen Schiffs­kapitäns Heikens einen Nationaldichter, auf welchen es stolz seyn kann. Dieser einfache Seemann, welcher ganz ohne alle Schulbildung aufgewachsen, faßt mit feuriger Phantasie und

vom poetischen Drange getrieben, alle die reichen Naturwun­der seines Heimathlandes auf und schildert sie mit großer Lebenswahrheit in seinen Dichtungen. Eine Sammlung der­selben gäbe eine Reihe Genrebilder von Helgoland, welche für die Freunde dieses Eilandes und deren hat es so viele als Besucher von größtem Interesse seyn müßten. So las er mir ein längeres erzählendes Gedicht:Der Sturm" vor, welches bei aller Unbeholfenheit der Form durch die lebendige Kraft des Ausdruckes und die erschütternde Wahrheit der Schilderung dieses großartigen Momentes im höchsten Grade anzieht. Diese Wahrheit finden wir auch in einem von dem­selben Heikens geschriebenen Büchelchen :Helgoland und die Helgoländer," welches A. Stahr in Oldenburg vor kurzer Zeit der Lesewelt übergab.

Das Dampfboot ruft mit Kanonendonner die Säumigen an Bord. Ich bin einer der letzten, die den flüchtigen Fuß von dem lieb gewonnenen Wunderlande wenden, um sich im rauschenden Fluge zurückbringen zu lassen in den betäubenden Strudel des Alltagslebens.

Lebe wohl, friedliche Insel! Gott schütze dich vor bösen Stürmen und den verderbendrohenden Wellen, die grimmig an deinen Grundvesten wühlen und die nassen Arme gierig nach deinem Besitz auöstrecken! Gott schütze dich!

Miszellen.

Frankfurt, 23. Mai. Gestern Abend feierte das MontagsfrüEch^ den Geburtstag Börne's. Es wurde beschlossen, an dessen Haus in der Judengasse eine Denktafel anzuheften.

Berlin. (Allgem. Ztg.) Eine eigene Noth bereiten dem hiesigen Magistrat gegenwärtig die Arbeiter am Plötzen-See und am Kanal bei Moabit. Diese Herren denn das sind sie im vollen Sinne deS Worts haben die Abschaffung der Accordarbeit und die Einführung der Tagarbeit durchgesetzt und leben dabei herrlich und in Freuden. Jeder erhält täglich einen halben Thaler, den sie im eigentlichen Verstand spielend verdienen; sie bringen nämlich den größten Theil deS Tages mit Hazardspielen und son­stigen angenehmen Beschäftigungen zu. Ihren Körper pflegen sie aufs bess; das bloße Weißbier genügt ihnen nicht, sie trinken es mit Rum und cing!- rührten Eiern; AbendS fahren sie 'mit Droschken nach HauS. Der iMagl- strat scheint ihnen nichts abschlagen zu können. Am stillen Freitag wurde« sie ermahnt nicht zu arbeiten. Sie befolgten dieß auf ihre Weise: sie be­gaben sich an den Plötzen-Scc, arbeiteten nichts, sondern spielten, verlangte» aber ihren Taglohn. Und der Magistrat gab ihnen denselben. An «Sonn' und Feiertagen stolziren diese glücklichen Leute vom Berliner Witz Ma­gi st ra t S p e n si o n ä r e genannt in einer eigenen Art von Strohhut, der mit bunten Flaumfedern besteckt ist, in den Straßen umher und bethei- ligen sich an Volksversammlungen, wo sie zu den Kühnsten und Uebermüthig- sten gehören. Gestern Abend in einer Zeltenversammlung ereilte aber auch sie die Volksjustiz. Berliner Bürger, ihres Unwesens müde, hatten sich zahl­reich und mit tüchtigen Stöcken bewaffnet eingefunden ; Veranlassung zu einem Streit war bald gegeben und die Plötzen-Seer wurden von ihren Gegnern sehr übel heimgeschickt.

Verantwortlicher Redakteur: W. H. Riehl. Druck und Verlag der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung in Wiesbaden.