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Beilage zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

M 54. Donnerstag den 25. Mai 1848.

Uebersicht.

Minister Stüve und die partikularen Bestrebungen. Deutschland. Wiesbaden (Die Ruhe in Posen wieder hergestellt). — Frankfurt (Abgeordnete des Reichstags nach Mainz). — Mainz (Die dortigen Vorgänge). — Von der Mosel (Weinsteuer). — Prag

(Einigung der Deutschen und Tschechen).

Frankreich. Paris (Verschiedene Nachrichten).

Griechenland. Athen (Trauriger Zustand Griechenlands).

Nachschrift. Wiesbaden (Landtag. Wahl des Präsidenten).

Minister Stüve und die partikularen Bestrebungen.

(Aus der Deutschen Zeitung.)

Vom Rhein, 21. Mai. In dem Augenblick, wo der baye­rische Entwurf eines Neichsgrundgesetzes sich dem Streben nach einer einigen und starken Bundesverfassung mit aller Offenher­zigkeit entgegenstcllt, tauchen auch auf einer andern Seite die­selben Neigungen des Partikularismus auf, nämlich in Hannover. Minister Stüve, der wegen seines ehrenwerthen Widerstandes gegen den Gewaltstreich von 1837 sich bisher eines populären Ansehens erfreute, ohne sonst oder auch neuerlich als Staatsmann durch ein besonders freisinniges Auftreten sich bemerklich gemacht zu haben, hat in der Hannover'schen Kammer sich ausführlich über das ausgelassen, was seit dem Zusammentreten des Vor­parlaments in der deutschen Verfassnngsangelegenheit geschehen ist oder noch zn erwarten steht. Wir wollen zwar nicht Alles vertreten, was der Fünfzigerausschuß gethan oder in offener Verkennung seiner wahren Stellung versucht hat, aber daß ein Staatsmann die öffentlichen Dinge in Deutschland so schief auf­fassen und in so übertriebener Weise schildern kann, das ist be­dauerlicher als alle Uebergriffe des Fünfzigcrausschnsses.

Stüve entwirft eine Schilderung unserer Zustande, wieman sie bisher nur von der radikalsten Seite als Alarmmittel ver­nommen hat; er wirft Vorparlament, Fünfzigerausschuß und den Aufruhr in Baden, Alles in einen Sack und spricht darüber ganz im Tone der Leute, die seit dreißig Jahren Refsrm, Re­volution und Anarchie über einen Kamm zu scheeren gewohnt waren. Doch das sind abgemachte Dinge, und wir wollen dem hannover'schen Minister sein eigenes Urtheil nicht mißgönnen über Verhältnisse, die bereits der Geschichte angehören. Viel be­denklicher ist das, was er über die Gegenwart und Zukunft der deutschen Verfassungsangelcgenheit ansspricht; gerade so schroff und eigensinnig, wie Bayern, will er hier die besondere Hanno« ver'sche Glückseligkeit gegenüber der neuen deutschen Einigung und Umgestaltung festhalten. Der Verfassungsentwurf der Ver­trauensmänner, lange die Zielscheibe der Angriffe von der äußer­sten Linken, wird jetzt auch von hoher und höchster Seite bitter- angefochten, und merkwürdiger Weise stimmt die alte Politik, der Republikanismus und die Anarchie gerade in dem Haupt­punkte — der Frage über die deutsche Zentralgewalt — ziemlich überein.

Auch Stüve meint: die Bestimmung über das Kaiserthum sey unausführbar, ein deutscher Regent mit dieser Macht werde nie von den Fürsten anerkannt werden, das alte Föderatiwer- Hältniß werde damit ganz vernichtet. Das Letzte ist unzweifel­haft richtig, nur ist cd zu wundern, daß der hannoversche Staatsmann erst jetzt auf diese Entdeckung kommt; ob das Erste richtig ist, müssen wir erst abwarten, und die nahe Zu­kunft wird entscheiden, was mehr in's Gewicht fällt, die Eini­gungsbestrebungen der deutschen Nation oder der Partikularis­mus einzelner Dynastien und ihrer Minister. Stüve scheint aber zu einem förmlichen Widerstand zu rüsten; stellt ja doch hinter ihm, wie er unverhÄen andeutet, das hannover­sche Interesse. Er prophezeit von einem einheitlichen System des Zollwesens den innern Krieg, er sieht schon bad' „muthige, tapfere Küstenvolk" sich den deutschen Reichszollbchörden wider­setzen, er erschrickt vor dem Gespenst einer Zentralisation, das allerdings in der bisherigen Misere unserer deutschen Zustande uns nicht Viel zu schaffen gemacht hat. Er sieht die National­versammlung von äußern Gefahren und Terrorismus bedroht,

er will ihre konstituirende Gewalt ansechten und appellirt schließ­lich an die „braven Hannoveraner, die ihren König noch nie verlassen hätten und ihn auch jetzt nicht verlassen würden."

Unzweideutiger kann die Sonderbündelei nicht reden; dieses Vorschieben partikularer Interessen, dieser Angst­ruf gegen die Tyrannei einer Zentralgewalt, diese Berufung an die Unterthanenloyalität gegen die Dynastie — das Alles haben wir in Deutschland oft und viel erlebt — es ist die Politik, durch die wir zu den berühmten Verträgen von Münster und Osna­brück, von Lüneville, Preßburg und Tilsit gelangt sind. Sie hat nur in Wenigem den technischen Ausdruck gewechselt, sie träumt auch heute noch von einer bayerischen oder hannoverschen, einer wittelsbachschen oder guelfischen Herrlichkeit und sieht gar nicht ein, daß die ungeheure Mehrheit der Nation endlich begrif­fen hat, daß auch die kostbarsten inneren Freiheiten schutzlos und kraftlos find, ohne eine starke äußere Einheit. Die innern Freiheiten sind uns jetzt zugesagt oder verbürgt, es gilt nur, sie zu erhalten; die äußere Einheit haben wir erst zu errin­gen, und wer sich dem widersetzt, stellt sich ganz auf den Stand­punkt der alten Reaktion, über die die Weltgeschichte jetzt gerich­tet hat. Wir fürchten jetzt die Reaktion nicht, die uns etwa die freie Presse oder das Vereinsrecht oder die Volksbewaffnung eines schönen Morgens wieder nehmen wollte; wir begreifen es auch nicht, wie man Sturm läuten mag durch die deutschen Gauen, wenn ein hessischer Bundestagsgesandter ein Promemoria vor­legt, aber die Reaktion ist ernster Art, die gleich am ersten Tage, wo die Nationalversammlung zusammentritt, ihre Antipathie gegen ein deutsches Verfassungswerk mit so trau­riger Offenherzigkeit an den Tag legt. Diese Reak­tion, die sich dem lautesten Rufe der Zeit störrig verschließt und statt einer harmonischen deutschen Konstitution "die alte deutsche Konfusion verewigen möchte, diese Reaktion, wie sie an der Isar und an der Leine, und wohl auch anderwärts bereits ihr Haupt mächtig emporhebt, wird hoffentlich in der Nationalversammlung wie im Volke die rechte Antwort finden.

Die Herren, die uns da ein neues politisches Monstrum, halb Bundesstaat, halb Staatenbund zurecht machen möchten, haben aus dem Ausgang des Aufruhrs in Baden ohne allen Grund größere Hoffnungen geschöpft; wollte man dort kei­nen Sonderbund, so will man auch anderwärts das nationale Gebäude nicht durch partikularistische und dynastische Interessen untergraben sehen. —

Deutschland.

* Wiesbaden, 24. Mai. Hier eingetroffene Privatbriefe aus Posen vom 19. Mai melden, daß nun, nachdem Tausende von Insurgenten ihr Beginnen mit dem Leben bezahlt, voll­kommene Ruhe im Lande eingetreten sey und die im entgegen­gesetzten Sinne leitenden Zeitungsartikel durchaus auf Uebertrei­bung und Entstellung beruhten.

Die Frage über die Richtung der Demarkationslinie wird allerdings bei einigen Grenzdistrikten von sehr gemischter Bevöl­kerung noch mancherlei Schwierigkeiten veranlassen, doch nicht von der Art, daß es nochmals einen offenen Kampf hervorrufen könnte.

Frankfurt, 23. Mai. (F. I.) In Folge einer, durch einen Antrag des Hrn. Z i tz veranlaßten längeren Debatte hat die Nationalversammlung heute die Niedersetzung eines Ausschusses beschlossen, welcher über die neuesten Vorgänge in Mainz Bericht erstatten und zum Zweck der Ermittelung des Thatbestandes eine Deputation an Ort und Stelle absenden soll. Die Deputation ist bereits nach Mainz abgereist, wo heute neue Unruhen ausgebrochen seyn sollen.

Ueber die Mainzer Vorgänge schreibt die D. Z.: Mainz, 22. Mai. Tiefe Bestürzung herrscht in Mainz, wegen einer gestern Abend hcreingebrochcncn Katastrophe. Mainz war gestern Abend zwischen 7 und 12 Uhr ein Schlachtfeld, wo Bürger dem preußischen Militär gegenüberstanden, wo viel Blut floß, wo cs Todte von beiden Seiten und viele Verwundungen setzte. Die Veranlassungen bestanden in Wirthshaus-Skandal und Rei­bungen, die sich schon seit einigen Tagen bloß auf dw Wirths-