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Eine Werbergeschichte *) (Aus der guten alten Zeit.)

Von

C. Spindler.

Die Sitzung eines edeln Rathes war schon wieder einmal um eine Viertelstunde zu früh aufgehoben worden. Die Herren hatten keine Entscheidung zum Besten gemeiner Stadt finden können, und waren jetzo doch so klug, wie vorher. Vor allen Meister Jakob, der Schornsteinfeger. Weiser Gedanken voll ging er gemessenen Schrittes seiner Behausung zu, ehrwürdig anzuschauen im schwarzen Mântlein, den friedfertigen Degen an der linken Hüfte, in der rechten Hand das minder fried­fertige Meerrohr. Alle Leute grüßten ihn, wenn schon nicht ein Jeder um seiner Weisheit willen; Meister Jakob war der Vater einer hübschen Tochter, der hübschesten Jungfer vielleicht in der freien Reichsstadt. Die Junker liefen, ritten und fuhren Nischens halber manchen Schritt, die jungen Gewerke nannten sie den Granatstein ihrer Stadt, und keiner wollte sie dem andern gönnen. Für diese Jugend war Jakob der Zaun, den sie um des Gartens willen ansprachen; aber der Zaun war nicht von Holz, sondern gab leutselig Red' und Antwort, und blieb keinen Gruß schuldig, Vornehmen wie Geringen, Alten und Jungen.

Ein runzliches Mütterlein vertrat in enger Quergasse ihm den Weg. — „Was wâr' der Frau Trine lieb?" fragte Jakob.

„Wenn der, ganze Rath auf's Raspelhaus müßte," ant­wortete die Greisin herb und stachelich. Der Rathsherr zuckte die Achseln. „Dazn kann ich der Frau nicht helfen," meinte er und wollte vorübergehen. Sie gab's nicht zu.

„Wenn der Herr das nicht mag," sagte sie, „so muß Er wenigstens etwas thun, um den Fluch der Wittwe in Segen zu verkehren. Und vor Gottes Thron, merk' Er sich das, fallen die Thränen der Armen und Gedrückten gar schwer ins Gewicht, und ihre Fürbitten auch."

„Versteht sich," fügte Jakob erläuternd hinzu: „wenn die Thränen verschuldet, die Fürbitten verdient sind. Und das Regiment unserer freien des Reiches Stadt ist darauf einge­richtet, die Armen und Verlassenen zu schützen, seit die Zünfte den Rath besetzen."

„Schöne Worte, Hofbescheid," spottete die Alte: „Regen am Charfreitag, Bohnen, die Ihr im Zeichen der Jungfrau stopft; kommt nichts heraus dabei. Wenn Ihr dem Hand­werker das schwarze Mäntlein umhängt, wird er hochmüthiger als der erste Geschlechter. Um das Lächeln eines vornehmen Herrn ist euch alles feil, wohlgemerkt, alles, was nicht aus eurem Säckel geht. Ist es nicht ein Schimpf und eine Schande, daß ein edler Rath dem Herzog Clemens gestattet, sein Werb-

*) Alls dem „Erzähler" Stuttgart bei Franckh 1848.

zelt in unserer Stadt aufzuschlagen? Wir sind gut kaiserlich und noch besser katholisch; er ist ein Calvinist und dem Reichs­feind zugethan. Die Spatzen pfeifen's von den Dächern, daß der Herzog für den Franzosen wirbt, und jeder Hund bellt dagegen, daß wir unsere Söhne und Enkel zu solchem Frevel und Verrath hergeben. Das unvernünftige Vieh hat mehr Herz und Verstand, als ein edler Rath."

(Fortsetzung folgt.)

Ein Roman ans der neuesten Pariser TageSgefchichte.

Paris hat in der letzten Woche die abenteuerliche Ge­schichte eines Herrn Lucien de la Hodde beschäftiget, welche noch immer von geheimnißvollem Dunkel umgeben ist. Dieser junge Mann, einer der galantesten Helden aller Pariser Sa­lons, der für einen Künstler ersten Ranges, für einen leidlichen Dichter und hauptsächlich für einen wohlhabenden Mann galt, befand sich unter den ersten, welche die neue provisorische Re­gierung um ein Amt angingen. Sein Freund Eausfidière, der sich bereits selbst zum Polizeiminister ernannt hatte, verschaffte ihm eine hübsche Stelle im Stadthause und er verwaltete sie auch zu allgemeiner Zufriedenheit, bis in voriger Woche, als er eben sein Bürcau verließ, ein Mann in einer Blouse und in Holzpantoffeln ihn als alten Freund und Kameraden anre­dete und ihm wegen seiner offenbar günstigen Verhältnisse Glück wünschte.

Obgleich der junge Herr die Farbe wechselte, läugnete er doch sofort den ihn anredenden Freund zu kennen, sprang in sein Kabriolet, das vor dem Stadthause auf ihn wartete und fuhr in ein Eafè, wo er mit mehrern fashionablen Freunden speisen wollte. Er bemühete sich ernstlich, den Vorfall zu vergessen, als ein Bote von Caussidière erschien, der ihn so­gleich in der Polizeipräfektur zu sprechen wünschte. Die Auf­forderung kam dem jungen Herrn sehr ungelegen, aber sie lautete zu bestimmt, als daß er ihr hätte ausweichen können und so bestieg er von neuem sein braunes orange ausgeschla- gencs Kabriolet, das so lange für eines der schönsten in Paris gegolten hatte. Sein „Freund," Causfidière empfing ihn um­geben von seinen zahlreichen Dienern und hatte, wie immer, seit er sein Amt bekleidet, zwei gewaltige Pistolen vor sich.

Dies würde den Herrn nicht erschreckt haben, denn er kannte den „Freund," als er aber neben demselben den andern Freund bemerkte, der ihn kurz vorher am Stadthause ange­redet hatte, wäre er lieber sofort entschlüpft, wenn dies mög­lich gewesen wäre. Er erkannte, daß er verloren sey, fiel auf seine Kniee nieder und bat um Gnade, Caussidière aber don­nerte ihn an: „Anfangs wollte ich Dich mit eigner Hand niederschießen, Elender, aber ich verachte Dich rind überlasse Dich andern Händen."