ging über seine stehend spöttischen Mienen. „Ich bin ein großer Sünder / sprach er im Tone der aufrichtigen Zerknirschung. — Ein starker Trunk macht manchen harten Burschen sentimental und manchen verstockten Frevler reumüthig — auf tret Minuten. — „Ich war noch nicht acht Jahre alt, da ist in mir der Keim zu diesem Luderleben gelegt worden," fuhr er fort. „Es ist eine alte Geschichte, und Ihr habt wohl davon gehört; denn" — dies sprach er mit einem gewissen Stolz — „sie hat ihrer Zeit in allen Zeitungen gestanden. Mein Vater war ein ehrlicher Mann, aber sein Vermögen wußte er nicht zu Rath zu halten, daß er ganz verarmte. Da faßte er mit zwei Andern einen verzweifelten Entschluß. Mit guten Flinten bewaffnet stellten 'sie sich Nachts in dem tiefen Thal drüben vor Reichenborn auf — man nennt's in der Hölle — und als der Postwagen, der gerade selbigen Tag eine schwere Geldsendung führen sollte, den Berg langsam hinanfuhr, schossen sie ein Pferd zusammen, jagten den Postillon in die Flucht, baten die Reisenden ganz höflich, zu Fuße weiter zu reisen und hoben ihren Schatz. Die Herren Juristen zerbrachen sich die Köpfe, daß es eine Lust war, und konnten doch die Thäter nicht herausklügeln; denn dieselben waren gut vermummt gewesen. — Da zieht eines Tages der Schulmeister, bei dem ich in die Schule ging, ein zerknittertes Stückchen Papier aus der Tasche — es war ein Stück aus einem Schreibhefte — und fragte uns, aus wessen Heft dieses Blatt gerissen sey? Das hab' ich geschrieben! rufe ich. Und wißt Ihr, was diese Antwort für Folge hatte? — Sie brachte meinen Vater an den Galgen! Das zerknitterte, geschwärzte Papierschnitzel war der Pfropf gewesen, den mein Vater auf den Schuß gesetzt hatte, welcher das Postpferd niederstreckte. Dieses elende Fetzchen Papier mit wenigen Buchstaben von einer Kinderhand beschrieben, war Alles, was man an dem Platz in der Hölle gefunden hatte — nun ich mich zu der Handschrift bekannte, fleckten sie sogleich meinen Vater ein. Es galt damals noch das französische Gesetz, und obgleich keinem Menschen ein Haar gekrümmt worden war, kam doch mein Vater, wie gesagt, an den Galgen. Ich kann's Euch nicht beschreiben, wie fürchterlich es mir durch meine Kindesseele schnitt, daß ich meinen Vater an den Galgen gebracht hatte! Meine Mutter verfluchte mich — und doch hatte ich ja keine Schuld! Aber das schauerliche Gespenst dieser Geschichte ließ mich von Stund' an nicht wieder los. Ich kam mir vor, wie der niederträchtigste Kerl, aber alle Anderen erschienen mir doch noch weit niederträchtiger --doch wir wollen trinken und von besseren Dingen sprechen. Wie wär'S, wenn wir einen Dreibätzner herauswürfelten ?" (Forts, folgt.)
General Friedrich v. Gagern (Schluß.)
Gerade in den ersten Tagen des, dem General von Ga- gern gewährten Urlaubs, nahm die Bewegung im südwestlichen
Deutschland und vorzüglich im badischen Seekreise einen aufrührerischen und so bedrohlichen Charakter an, daß nach der Ueberzeugung der bewährtesten Kenner der Landesverhältnisse die ganze Kraft eines erfahrenen und zugleich in politischen Dingen freiblickenden Militärs erforderlich schien. Die badische Regierung warf ihren Blick auf den vielfach empfohlenen General von Gagern. Derselbe konnte zwar mit seiner niederländischen Stellung eine hiesige bleibende Wirksamkeit nicht sofort vereinigen; aber auf die in Uebereinstimmung mit dem Rath der Siebenzehner ergangene Aufforderung der hohen Bundesversammlung glaubte der niederländische General, der ja auch in Rücksicht Luxemburgs dem Bunde nicht fremd war, auf die einsichtige Billigung seines Monarchen zählen zu dürfen, indem er durch einen kurzen aber entscheidenden Waffendienst die Ruhe uud Ordnung seiner Heimath herzustellen und die ganz Deutschland bedrohende, Anarchie zu. hemmen suchte. Als er die Ueberzeugung gewonnen, daß ein Entschluß sogleich gefaßt werden mußte, daß es nicht Zeit war, die Genehmigung aus Holland erst abzuholen, erhob er sich heftig mit den Worten des Ajax, der eben das LooS zum Zweikampf gezogen r „^iw xX>;po$ èuo$ ■ /a<p« äè zai arxoc." Dabei soll nicht verschwiegen werden, daß Alles, was seine Brüder in den jüngsten Tagen für Freiheit, Recht und Ordnung gethan hatten, und was er in Betreff des jüngeren noch in der letzten Stunde seines Daseins vor dem Schreiber dieser Zeilen mit der Freude eines Vaters rühmte, ein gleiches Wirken ihm selbst als die Schuld des alten Bruderbundes zu gebieten schien.
Wie er in den wenigen Tagen dieser ritterlichen Unternehmung theils durch seinen Namen, theils durch sein bloßes Auftreten den Geist der Empörung schwächte und den Geist der Zucht und Treue in dem Heere erhob, cingedrängf'ÄMrl fremde Offiziere, sofort von Allen geliebt und geehrt war, wir| er bei dem ersten Angriff auf die feindliche Rotte, um unter seinen mit mehr oder weniger Recht verdächtigten Truppen durch Vertrauen Treue zu erwecken, um unter den Empörern die Verführten und Gezwungenen von den Schuldigen zu trennen, sich an die Spitze der Kolonne stellte, ja sogar auf das Verlangen der Aufrührer ganz allein zur Besprechung zu ihnen herantrat und dadurch das Opfer einer mehr als meuterischen Verrâtherei geworden ist: diese Ereignisse sind allen Lesern so bekannt und in der Erinnerung neu daß eS ihrer näheren Darstellung hier nicht bedarf.
Der edle Held hat sein Leben nicht tollkühn preis gegeben Er war sich dessen bewußt, daß nach den Ereignissen unserer Tage in ganz Deutschland wie in Frankreich die Herstellung militärischer Ehre und Tapferkeit durch gewöhnliche Mittel nicht bewirkt werden konnte. Mit Recht erwog er, daß er nicht bloß eine Schaar von 3000 Kriegern führte, daß er de« Wesen und der Wirkung nach während dieses Kampfes alle« Soldaten Deutschlands den Weg zu Sieg und Ehre wieder eröffnen mußte. Die erste That zur Unterdrückung der Auer
