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große Anzahl von einander getrennter Nationalitäten hervor­gerufen, wie sie kein anderer Weltthcil aufzuweisen vermag; denn die Völker tragen einmal, wie Alexander von Humboldt sich ausdrückt, den Charakter oder gar die Livree der Gegen-- den, welche sie bewohnen. Die europäischen Völker sind, durch die Beschaffenheit des Bodens, alle mehr oder weniger auf die Arbeit hingewiesen; durch Arbeit sind sie zur Zivilisation gelangt, und diese Zivilisation ist noch eine christliche geworden. Sollte das Christenthum auf natürliche Weife Universalreligion werden, so mußte es erst durch Europa hindurchgehen, die einzelnen Völker desselben mußten es je nach ihrer Individua­lität auffassen, um es wieder zu den verschiedensten, aber geographisch verwandten Völkern der Erde zu bringen. Ein Mittel dazu ist der Ozean, dessen sich die Europäer nach und nach bemächtigt haben. Dazu war aber auch kein Welttheil in gleichem Maße eingeladen. Seine durch das Meer vielfach zerrissenen Küsten, seine vielen Inseln und Halbinseln geben ihm schon mehr einen ozeanischen Charakter. Was die Halb­inseln Griechenland und Italien für das Mittelmeer und für die Bewohner des Mittelmeers in der alten Zeit, das soll die große Halbinsel Europa für die neuere Zeit, für die ganze Erde, für die ganze Menschheit werden. Freilich mußte der Ozean lange an seine Küsten schlagen, lange durch sein ewiges Gehen und Kommen in der Ebbe und Fluth, zum Gehen und Kommen einladen, ehe dieser Einladung Folge geleistet wurde. Der Ozean scheint seine großen Binnenmeere, im Süden das mittelländische Meer, im Norden die Ostsee, als Glieder seines ungeheuern Leibes vorgeschoben zu haben, damit sich die Küsten- bewohner erst mit diesen Gliedern befreunden, an diesen Gliedern mit dem Wasser versuchen sollten. Und diesen Zweck konnten die Binnenmeere ihrer Natur nach erfüllen. Sie sind kleiner als der Ozean und darum schon weniger furchtbar; sie sind weniger salzig*, und stehen darum noch den Flüssen, mit denen sich der Mensch, wie wi^gcseheu, eher befreundet, näher ; sie haben eine Menge Inseln, die schon oben als Krücken der Seefahrer bezeichnet wurden. Was ein Binnenmeer für die Verbindung der Menschen zu lei­sten vermag, das haben das mittelländische Meer und die Ost­see geleistet, jenes freilich in höherem Grade. Alle Bewohner des östlichen Beckens des Mittelmeeres sind einmal durch grie­chische Bildung vereinigt gewesen; sämmtliche Küstenbewohner des ganzen Mittelmeeres bildeten das große römische Reich, und noch jetzt umlagern romanische Nationen dieses Meer, die, wenn auch nicht mehr politisch, doch durch natürliche Ver­wandtschaft und die gemeinsame Religion vereinigt sind: die Lücke auf der afrikanischen Küste haben die Franzosen auszu­füllen angefangen. Aehnliche Verhältnisse begegnen uns bei der Ostsee. Politisch sind die Umwohner der Ostsee durch die Calmar'sche Union (1397) vereinigt gewesen; verkehrsweise durch die Hansa, welche alle bedeutende Orte an den Küsten

* Ein Pfund Wasser aus der Ostsee liefert 7, Loth Salz, aus dem Großen Ozean (zwischen den Wendekreisen) 2 Loth. A. d. V.

der Ostsee in sich begriff, und wie um das mittelländische Meer Katholicismus, so um die Ostsee Protestantismus, nur mit dem Unterschiede, daß, wie im mittelländischen Meere die Fran­zosen auf der Nordküste Aftika's eine Lücke der Nationalität und der Religion auszufüllen suchen, so um die Küsten der Ostsee eine neue Lücke in dem Kreise durch Rußlands * Einfluß zu entstehen scheint.

Die Ausgabe, die ganze Menschheit durch den Ozean zu verbinden, wie früher einzelne Glieder durch die Binnenmeere verbunden worden sind, ist nun hauptsächlich den romanischen und germanischen Nationen gestellt. Durch die Binnenmeere sind sic dazu vorbereitet worden, und diese allmählige Vorbe­reitung erscheint gleichsam individualisirt in Kolumbus. Er war ein Genueser; Genua hatte aber zu jener Zeit die Hege­monie im Mittelmeer ; seine Marine war die Schule, in wel­cher das Genie des Kolumbus seine Kultur erhielt. Im Mit­telmeere hatte er sich zum kühnen und besonnenen Seemanne ausgebildet, versuchte sich dann in kleineren Fahrten auf dem atlantischen Ozean, bis er diesen endlich zu durchschiffen wagte, ohne sicher zu wissen, wohin fein Schiff ihn tragen würde. Mit der Entdeckung Amerika's tritt erst der Ozean in seine volle Bedeutung, und damit beginnt zugleich eine neue Zeit. Bezeichnend ist, daß die großen Entdeckungen auf dem Ozean von Portugal und Spanien ausgehen, die ihrer Lage nach mehr ozeanisch sind, als irgend ein Festland Europa's; von der pyrenäischen Halbinsel geht die Herrschaft zur See an ähnlich gelegene Staaten, Holland und Frankreich, über; zur vollen Herrschaft über den Ozean schien aber erst ein ganz ozeanisches Volk, die Engländer, berufen, denen der Ozean, gleichsam zum Danke dafür, daß sie sich ihm zuerst in größeren Schaaren anvertrauten man denke nur an die Einwanderung der Angeln und Sachsen sich gänzlich unterworfen zu haben scheint. Die Hindernisse, die er den Seefahrern seiner Natur nach bereitet, sind schon zum Theil beseitigt, zum Theil steht ihre Beseitigung zu erwarten. Als Wegweiser ist der Kom­paß erfunden; Wind und Wellen werden durch Dampfschiffe besiegt, und die Verwandlung des Meerwassers in trinkbares ist schon ermöglicht, wenn auch die Schwierigkeit deö Versah- rens bis jetzt wenigstens noch der allgemeinen Anwendung im Wege steht. An die Durchstechung deS Isthmus zwischen Nord- und Südamerika ist schon öfter gedacht worden, der Plan eines Kanals durch die Landenge von Suez dürfte recht bald zur Ausführung kommen; vielleicht aber, daß diese Wasserverbin­dungen durch andere Umstände mit der Zeit weniger nöthig werden.

Entdeckungen von großen Ländern haben wir nicht mehr zu erwarten; der Ozean soll jetzt die bekannten verbinden, und diese Bedeutung wird er immer mehr und mehr erfüllen. Was er in dieser Beziehung schon geleistet, braucht nur an-

* Vielleicht ist die Zeit nicht mehr ferne, daß auch die unter russischer Herrschaft lebenden Deutschen wieder mit uns vereinigt werden. D. V.