Diese imb ähnliche Gedanken bestürmten unsern Helden, der seiner Phantasie so sehr den Zügel schießen ließ, daß sie mit ihm durchging. Pfeffer sah sich schon als Gatte an der Seite seiner Marie; er sah sich schon als Vater in der Mitte einer Schar blondlockiger Kinder, von denen jedes mindestens ein großes Talent, wenn nicht gar ein großes Genie verrieth. Er sah diese Kinder schon angewachsen zu kräftigen Jünglingen, zu herrlichen Jungfrauen; und seine Phantasie war eben im Begriff, ihn zum Großvater zu machen, als er endlich einschlief.
Am andern Morgen stand Pfeffer viel, sehr viel länger vor dem Spiegel, als gewöhnlich. Er rasirte sich so sorgfältig, daß er mit dem Messer nach jeder kleinen Stoppel in den Furchen seiner Wangen fuhr, während cs ihm doch sonst auf ein halbes Stoppelfeld gar nicht ankam; dann frisirte er sich noch sorgfältiger, als er sich rafirt hatte. Er riß sich die grauen Haare aus dem Kopfe, die sich allzu frech hervor drängten; daun bedeckte er den Mangel auf seiner Scheitel mit dem Ueberflusse von seinen Schläfen. Er constituirte sich so zu sagen als VcrschZnerungs Commission und gehorchte blindlings deren Geschmacke. Er zog einen veilchenblauen Frack mit gelben Knöpfen aus dem Ranzen, sodann ein weißes Hals- * tuch, sodann ein paar weiße leinene Handschuhe, sodann eine j geblümte Weste, und übergoß sämmtliche Garderobestücke mit ; kölnischem Wasser. Nach einer Stunde war Pfeffer endlich । angezogeu; aber er war noch nicht ganz mit sich zufrieden. ? Der gordische Knoten an seinem HalStuche war ihm noch nicht gordisch genug; er machte ihn also noch viel gordischer. Dann schien ihm der Frack allzu sehr die Blumen der Weste zu verdecken; er schlug also die Klappen des Fracks weiter zurück, damit die Gaben der holden Flora auf besagter Weste mehr an den Tag kämen. Hierauf arbeitete er mit unglaublicher Geduld, daß der Fall der gestreiften Beinkleider auf die Schuhe malerischer werde, was ihm auch — Dank seiner Beharrlichkeit! — endlich gelang. Nach einer Stunde saurer Arbeit hielt er sich für unverschönerlich und verließ das Zimmer.
Daß er den Weg nach dem Hause Dietrich's einschlug, versteht sich von selbst. Als er dort angelangt war, kam ihm Marie, die im Hofe die Hühner fütterte, freundlich entgegen und sagte ihm, daß ihr Vater bereits im Schulzimmer sei und ihn dort erwarte. Marie war noch im Morgenanzuge, was unserm Pfeffer sehr wohl gefiel. Besonders fand er das weiße Häubchen auf ihrem Engelsköpfchen allerliebst. Er hätte das Häubchen küssen mögen wegen des Köpfchens, das darunter saß. Viel Aerger empfand er, daß er ihr nicht gleich bei dem ersten Morgengruße die Hand gereicht. Er fand sie jetzt noch schöner, noch anmutiger als gestern, und es wurde ihm schwer, sich von ihr zu trennen. Sein Schick- Lichkeitsgesühl sagte ihm jedoch, daß es durchaus nicht an
gemessen, länger hier zu weilen. Er ließ sich also von Marie ins Echulzimmer führen und dankte ihr dann, so herzlich er konnte; ihr aber die Hand zu geben, hatte er nicht den Muth.
Dietrich gab sich die löblichste Mühe, dem zerstreuten Pfeffer die verschiedensten Unterrichts-Methoden aus einander zu setzen. Pfeffer stimmte ihm in Allem bei, ohne ihm die geringste Aufmerksamkeit zu schenken; während er im Schulzimmer sich befand, war seine Phantasie bei des Schulmeisters Tochter.
Mittags speiste Pfeffer bei Dietrich, der seinen Gast immer lieber gewann. Pfeffer mußte ihm versprechen, während seines Aufenthaltes in KleimGoldbach sein beständiger Gast zu sein. Nach Tische ließ Pfeffer seine Mappe holen und hatte die Freude, daß nicht nur Dietrich, sondern auch Marie sein schönes Talent anerkannte. Da Dietrich durch seine Pflicht ins Schulzimmer gerufen ward, so hatte Pfeffer die unbeschreibliche Freude, sich mit Marien ungestört unterhalten zu können. Je mehr er mit ihr sprach, desto reizender und liebenswürdiger fand er sie; und die Zeit ging ihm in ihrer Nähe so schnell vorüber, daß er den bereits aus der Schule zurückkehrenden Dietrich fragte, ob die Schule noch nicht begonnen. (Forts. folgt)
U 0 Mi L r a u n s c e.
(Fortsetzung.)
„Während ich die Hände in die Tasche steckte, um sie zu erwärmen, läuft mir vom Gesicht der Schweiß herunter und die Haare und der Bart sind vom Nebel und Schweiß wie mit einem furchtbaren Reife belegt. Doch tröste ich mich: Jetzt ist doch gewiß das Schlimmste vorüber!
„Plötzlich erschallt von fern ein starkes Glockengeläute.
„Heiland der Welt! rufe ich, da haben wir's! So fahr ich schon vier Stunden! Jetzt ist's sechs Uhr Abends, man läutet zum englischen Gruß!
„Hollah! denke ich darauf, jetzt mußt du nach dem Geläute doch erfahren, wo du bist. Ich kenne doch die Glocken rings herum — aber die von Traunkirchen waren es nicht.
„Wäre ich so fehl gefahren und befände mich in Gmunden? Aber die Glocken von den Kapuzinern oder der Pfarrkirche schienen es mir auch nicht.
„Dann könnten es nur die von Ebensee sein.
„Aber die sind nicht so groß!
„Aber was liegt daran! Eine Ewigkeit fahr' ich, und gehörig dunkel ist cs auch. Man läutet den englischen Gruß. Mein Weib wird toben!"
„Ich werde zaghaft wie ein Kind, und bleibe auf der Ruderbank sitzen, ohne zu rudern, und kann mich gar nicht entscheiden, wohin ich soll.
