wußtsein, aber sie lehren auch, wie man ihn und bis zu welcher Grenze man ihn erdulden müsse. Manches Mädchen, das heut sich kindischen Launen einer Herrschaft und den herrischen Launen der Kinder fügen, das heut alle Sorge und Pflichten einer Mutter ohne nur eines ihrer Rechte übernehmen muß, das den schwersten Beruf erwählte, weil er seiner Geistesrichtung zusagte, weil es keine Ahnung hatte, wie sauer das Brod bei fremden Leuten schmeckt, — gar manches Mädchen hat einst in glänzenden Verhältnissen gelebt, umgeben von freundlichen Gestalten und geliebt von Eltern, vor denen sich die Untergebenen in Ehrfurcht bückten!
Der Tröster im Leid ist für die Gouvernante der Abend, wenn sie die Kinder zu Bett gebracht, die Hefte corrigirt, an den Handarbeiten nachgeholfen, ihr Strickzeug fortgelegt hat und sich endlich wieder ihren Lieblingsdichter aus der Kiste hervorholen, oder die Feder eintauchen darf, um erst einen Brief in die Heimath fortzusetzen, den sie hundertmal begonnen und ebenso oft aus Furcht, beobachtet zu werden, weglegte, um dann an ihr traurigstes aber liebstes Werk zu gehen — an ihr Tagebuch!
Keine Gouvernante ohne Tagebuch! Kein Tagebuch eines Mädchens — und wäre auch schon sein dreißigster Jahrgang vollendet — ohne Gedichte, ohne Sehnsucht, ohne heimliche Liebe, ohne Verzweiflung, ohne wiedererwachte Hoffnung, ohne all den Schmerz, den erinnernd burchzuempfinden, doch noch Wonne ist.
Hier ein verdorrtes Blatt, dort ein vertrocknetes Vergißmeinnicht, dort eine Seite, bereu Schrift von Thränen verwischt ist — welch buntes Bild der Vergangenheit ist solch ein Tagebuch!
Sorgfältig in geheimer Schublade wird es verschlossen, ehe sie sich zur Ruhe begibt. Träume von Ihm, arme weiße Sklavin!
** Das Jndustrie-Ausstellungs-Gebäude in New-York , welches in dem Jahr 1852 begonnen und 1853 erbaut wurde, war aus geringere Ausdehnung berechnet als die deutsche Industrie- Halle in München, wie man sich nach folgenden numerischen Angaben überzeugen möge. Das New-Yorker Gebäude hatte die Form eines griechischen Kreuzes, in dessen Mittel eine Kuppel sich wölbte. Die beiden Schiffe zusammen hatten eine Länge von 606 bayerischen (581 engl.) Fuß. Die Münchener Halle wird aber 800 Fuß lang werden. Die Breiten betrugen 155 bayerische (149 englische) Fuß, die Münchener dagegen 160 Fuß. Der innere Flächenraum berechnete sich in New-York auf 121,056 Ouadratfuß (111,000 engl. Maß), in München auf 134,400 Quadratfuß, mit Einrechnung der Gallerien aber auf 188,637 Quadratfuß gegen 202,400 Quadratfuß in Mün- chen. Die Seitenschiffe hatten in New-York 69 bayerische (67
engl.) Fuß, die Münchener nur 34 Fuß Höhe, die Hauptschiffe aber in New-York 74 r.sp. 71 Fuß, die Münchener 60 Fuß, die Kuppel in New-York 123 (118 engl.) Fuß, der Münchener Transept 80 Fuß. Zum Bau der Acw-Yorker Halle waren 25,000 Centner, zum Bau der Münchener 30,000 Cent- ner Eisen, zu jenem 42,533 Ouadratfuß Glas in 9027 Tafeln, zu diesem 215,794 Quadratfuß Glas in 78,000 Tafeln erforderlich. Der große Unterschied in den numerischen Werthen der beiden Glasflächen rührt daher, daß das New-Yorker Gebäude größtentheils mit Metall, das Münchener wegen der bessern Beleuchtung nur mit Glas bedacht wird. Beiden Bauten wurden eine Frist von sieben Monaten zur Vollendung gegönnt aber in die Bauzeit des Münchener fallen mehr als drei harte Wintermonate.
** Ein in der Nähe von B a st i a wohnender Arzt will ein unfehlbares Mittel gegen die Traubenkrankheit entdeckt haben. Als er im verflossenen Octobcr seinen Weinberg besuchte, bemerkte er, daß die Trauben an einigen Weinstöcken, in deren Nähe Rauten und Wehrmuthspflanzen wuchsen, vollkommen gesund waren, während die Weinstöcke an anderen Theilen des Weinberges im höchsten Grade angesteckt waren. Er empfiehlt daher, noch aus mehrere Versuche gestützt, den Anbau der oben genannten Pflanzen in Weinbergen und ist der Ansicht, daß die starken Ausdünstungen dieser Pflanzen wahrscheinlich als Präventivmittel gegen die verheerende Krankheit wirken dürste.
** Man schreibt aus Paris unterm 2. März: Gestern wurde Meyerbeer's neue Oper zum dritten Male aufgesührt. Der Effect dieser Aufführung läßt sich nicht beschreiben. Das Entzücken steigerte sich bis zur Tollheit und der Enthusiasmus bis zu einer Theateremeute. Alle Biliete für die nächsten zwanzig Aufführungen sind schon verkauft. Der Verleger Beale aus London hat für England die Partitur zu einem außerordentlich hohen Preise erstanden, und Hr. Gye, Director des italienischen Theaters in London, befindet sich hier, um mit dem Komponisten über das Aufführungsrecht in London zu unterhandeln.
** Sir Charles Napier, der zum Oberbefehlshaber des nach der Ostsee bestimmten englischen Geschwaders ernannt ist, focht schon im Jahre 1806 als Lieutenant des „Courageur" und nahm von da an bis zum Jahre 1813 an verschiedenen Seetreffen Theil. Er hat seine Erfahrungen aus vielen Meeren gemacht und sich stets als ein sehr tüchtiger und unerschrockener Offizier gezeigt. Seine letzten Kriegsthaten waren die bei der Erstürmung von Sidon und bei dem Bombardement von St. Jean d'Acre int Jahre 1840.
** In Prag geht zum ersten Male in böhmischer Sprache Shakespeares „Richard III." in Scene; die Uebersetzung ist von Fr. Doucha, welcher bereits „Romeo und Julia," »Julius Cäsar« übersetzte.
** Bei der zum Beginn der Fastenzeit, am 1. d. in Berlin abgehaltenen liturgischen Andacht führte der gesammte königliche Dom-Chor die Gesänge aus, welche nur in Compositionen von Palestrina bestanden.
** Wie es heißt, will der ehemalige Präsident der Berliner National-Versammlung v. Unruh jetzt ebenfalls nach America auswandern.
** Gutzkow'è „Ritter vom Geiste" erscheinen in einer neuen, billigeren Ausgabe, der Halbband â 10 Neugr._______________
Verantwortlicher Revacleur: Dr. H. Ioc^ck.
Schnellpreffen-Druck und Expedition von Wilhelm Friedrich in Wiesbaden.
