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Der Wanderer

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Kr. 54, Samstag den 4. März in/.

Herr Walli und seine Kinder.

Skizze aus dem bayerische« Alltagsleben von J. S.

(Fortsetzung.)

In einem der ersten Gasthöfe der Stadt wurde das Hochs zeitmabl angerichlet. Die Braut fuhr nochmals nach Hause, um sich anders anzukleiden; indeß wurden noch die übrigen zum Mahl geladenen Gäste herbeigeholt. Es war ein Fah« ren durch die Straßen, als ob ein großer öffentlicher Ball wäre.

In dem weiten spiegelreichen Saale des Gasthofes stand ju hufeisenförmiger Gestalt die zierlich gedeckte Tafel. Hphe Aufsätze mit gemachten Blumen und Süßigkeiten standen in symmetrischen Entfernungen auf den mit blendend weißem Tuch gedeckten Tischen; zahlreiche Kerzen in silbernen und vergol­deten Leuchtern spendeten reichliches Licht In den mannig­faltigsten Formen waren die Servietten zusammengebogen und wohl an die hundert Gedecke mit silbernen Bestecken versehen. Die Kellner mit dem gesalbten, glattgestrichenen, rund um den Kopf gelockten Haaren, dem > enganliegenden Frack, den straff gespannten Beinkleidern und den leichten Schuhen, die Ser­viette unter dem Arm, harrten der Gäste. Die Musiker stimmten schon auf der Tribüne ihre Instrumente, als endlich die Erwarteten eintraten. Sogleich empfing die Getrauten eine Fanfare; der Gastwirth, die Honneurs machend, wies die Plätze an, und als Alles sich gesetzt, begann man nun die dampfenden, wohldufteude« Schüsseln aufzutragen. Biel wurde während des Essens gelacht ; nach jedem Gange folgte Tanz und eifrig benutzten die jungen Leute diese Gelegenheit; ja, selbst der alte O. versuchte mit der Frau Wastl eine Tour und ebenso Herr Wastl mit der Frau O. Am ausgelassen­sten war (wie sonst nie der Fall war) Hr. L., der ganz in der Nähe der Eltern der Brautleute placirt wurde. Er war unerschöpflich in Witze« und Anecdoten, und man vermißte nicht im Geringsten die Abwesenheit der Schwester und des Schwagers des Bräutigams, von denen man vorschützte, daß

sie diesem Feste beizuwobnen verhindert wären. Mitunter war der Ausbruch des Humors des Hrn. L. nicht immer ganz reiner Natur; aber desto lauter wurde gelacht, und je näher feine Erzählungen au's Unziemliche grenzten, desto mehr gefiel eS Peppi und den Gästen. Nur Urschi konnte sich nicht freuen. Peppi hatte sie während deS Mables deßhalb barsch angerrdet, und nannte sie eine abgeschmackte Person. Für sie waren diese Walzerklänge nur die Grabgesänge ihre» GlückeS; der Gedanke, auf ewig an Peppi gebunden zu sein, trübte ihre Seele, und jedes Wort, jede Bewegung ihre- Bräutigams kam ihr so widerlich, so fade, so unausstehlich vor; — was sollte erst das werden, wenn Jahre hindurch sie miteinander leben mußten, da schon die ersten Stunden ihre- BeijammenseinS ihr qualvoll waren?

Gegen Mitternacht wuide eine Pause gemacht, und wäh­rend dem unterbiet! man sich mit Gesprächen jeglicher Art. Die Freundinnen Urschl's sammelten sich um sie und priesen; ihr Glück;—ast', sie wußten ja nicht, was die Urschi fühlte k Die zwei Väter und Herr L. conoersirtcu au 'S eifrigste mit einander; die drei Geldmänner spannen wieder weitausseheude Plane. Endlich knallten wieder die Champagnerflasche«, die Toaste häuften sich und die Lustigkeit der Gesellschaft wurde stürmischer. Herr Wastl befand sich in einem ganz ezaltirten Zustande; er machte mit L. und O. Bruderschaft, stürzte ein Glaö Champagner nach dem andern ganz wemselig hinab und umhalste öfters seine neue Schwiegertochter. Die ganze übrige Tischgesellschaft spendete nach seinem Beispiele eben so reichliche FreundschastS- und BrüberschaflSbezeugungea heraus, wie sie Wein hineinspendete. Schon waren eS nur wenige der Anwesenden, die noch gehörig beim Tanze Takt halten konnten, als man endlich sich trennte. Halb bewußtlos vor Trunkenheit wurde Herr Wastl in die Kutsche gebracht, und er fuhr mit seiner Frau nach Hause, währenddem die Braut- laute zum erstenmale in dem neuer bauten Hause Peppi'S übernachteten.

Des andern Morgens, als die Uhr schon späte Zeit an- kündete, frühstückte Herr P. ppj als neuer Ehegemahl mit seiner Frau. Er empfing im Schlafrock sein dienendes Personal