Geschichte eines Wunderkindes.
(Schluß.)
Im Märzmonat ward beschlossen, Christian endlich zu entwöhnen, indem man ihm verstellte, er könne bei der so kärglichen Nahrung unmöglich gedeihen. Er ließ es geschehen und gewöhnte sich an die neue Kost, die in reiner Kuhmilch bestand und mitunter aus einigen Löffeln versüßten war meu Niers und weißem Brod. Von nun an hielt der Knabe bei «einer kleinen Tasse voll wenigstens eine Stunde Tafel, ließ sich aber kein Löffelchen vor das Mündchen bringen, bevor nicht zu Tisch gebetet war. Seine Angeböligen thaten Alles, bei ihm ein Verlangen nach andern Speisen zu erwecken und suchten ihn ans Kauen zu gewöhnen., auch gab er sich selbst Mühe cs zu lernen — aber Alles war vergebens; dennoch erholte er sich bei der neuen Diät sichtbarlich, nur die Schwäche hielt an, sodaß er die ihn Besuchenden im Lehnstuhle empfangen mußte. Sobald er nicht mehr todlkrauk war, ging das Studiren wieder seinen Gang. Im Mai brachte Christian die Institutionen nach Hoppins zu Ende und konnte den lateinischen Text ins beste Deutsch übersäen. HoppiuS und Aesopi Fabeln bildeten auf einige Zeit das Gewürz seiner frugalen Tafel. Aber leider noch i» demselben Monat verging ihm anfs Neue die Eßlust 11116 zugleich der Schlaf. In fünf Wochen schlief der Knabe keine Nacht eine einzige Stunde!
Man benutzte die angenehme Jahreszeit und führte Christian in die freie Natur, aber jedes mal kam er ganz betrübt zur Stadt zurück, als wäre ihm ein großes Leid geschehen. Die lc^' * Ausfah t geschah am 16 Juni. Nach die' r sehnte er sich so sehr, daß man ihn nicht schnell genug anziehen und in den Wagen bringen konnte. Seine Mutter hatte ihm zu diesem letzten Blick auf die schöne Erde einen neuen Hut machen lassen, aber so wie er überhaupt auf Reinlichkeit Alles, auf Putz Nichts gab, so würdigte er ihn kaum eines Blickes, sondern sagte nur: „Der Sammethut ist wohl Heffer als des Landvogt seiner, den Wilhelm Test nicht grüßen wollte." Als er angekleidet war und seine Begleiterinnen noch nicht da waren, wollte er durchaus nicht länger warten und sein Lehrer sah sich gezwungen, mit ihm voraus zu fahren. Unterwegs war Christian ungemein aufgeräumt; im Garten ange- kommeu, ließ er sich eine Tasse frischer Mrlch wohl schmecken. Bald kamen auch die Damen, mit denen er in das Gartenhaus ging, wo seine hoben (Söhnerinnen eine Menge kleiner hölzerner Soldaten aufgestellt hatten. Das gab nun ein Fest sür ihn! Er stellte sie sogleich in Schlachtordnung, ließ die Feinde schlagen und sagte dabei die Capitel 139 —141 aus dem Orbis piclus Wort für Wort, lateinisch und deutsch, mit der größten Lebhaftigkeit her. Eben wollte er auf andere Dinge kommen, da erblaßte er, verlor die Sprache und lag
starr in den Armen seiner Schwester. Aber nur kurze Zeit währte die Ohnmacht. Man eilte nun mit ihm zurück und hüllte ibn in ein warmes Bett. Von diesem Tage an wurde ihm das Athmen immer schwerer, ohne daß man ihm helfen konnte. Bei jedem einzelnen und noch so kurzen Wort fehlte eS ihm an Lust. Um ihm eine Erquickung zu verschaffen, deckte man den Tisch und brachte ihm einige Milch. Aber jammernd rief er: „Ach, mich hungert nicht — ich habe auch keinen Durst!" — Gegen Mittag mußte man ihn wieder ins Bett bringen, zum letzten male hatte er in seinem lieben Lehnstuhle gesessen; nie kam er wieder daraus, denn sein Bett ward nach zehn Tagen sein Sterbelager. An einem der KrankheitStage besuchte ihn sein werther Freund, der Candidat Bebm, worüber der Knabe so aufgeräumt wurde, daß er dem Gaste unter mehreren geistlichen und weltlichen Geschichten auch das Leben der Königin Elisabeth von England in geordnetem Zusammenhänge erzählte. Diese Munterkeit, die nur Uebcrreizung M Geistes auf Kosten keS Körpers war, belebte seine Angehörige» mit einiger Hoffnung — aber die folgenden Tagen schlugen sie völlig nieder. Das Blut, das noch gestern so warm und leicht in seinen Adern rollte, erstarrte wieder und der Kleine wurde so matt und hinfällig, daß er an beiden Tagen kaum eine Silbe sprach. Am 25. Juni Mittags rief er plötzlich der Mutter zn: „Madame, kochen Sie mir doch Milch und Semmel!" Man denke sich die Freude seiner Angehörigen über diesen Wunsch. In höchster Eile ward daS bestellte Essen zuberestet und (taub auch bald aufgetragen vor dem währet der Zeit aufgest'.»denen Kleinen. „Seien Sie nun doch so gütig, Herr von Schöneich — schmeichelte er — und bleiben bei mir, bis ich gegessen habe und reden Sie iiubc- schweit mit mir, denn ich kann sonst nicht essen." — „Welche Materie wollen wir denn behandeln? fragte der willige, in der pädagogischen Verkehrtheit seiner Zeit befangene Lehrer. — „Die von dem Propheten Ionas" — entgegnete Christian schnell. Ter Lehrer stutzte über diese Wahl und versuchte, beu Knaben — wenigstens versichert er uns das — durch alle möglichen Vorstellungen auf eine — kürzere Materie zu bringen; allein Christian blieb nun einmal dabei, indem er meinte, man sollte doch endlich wieder die erstaun- liche Geschichte des Wnndermanncs vornehmen. Hub der schwache Lehrer gab nach! Diese „gelehrte" Unterhaltung war des Knaben Schwanengesang. Einmal noch flackerte die Rakete in verstärktem Feuer, um dann für immer zu verlöschen. Bis spät in die Nacht währte die Unterredung, alle Oerter in Palästina, welche mit Jonas Geschichte in Verbindung stehen, nannte der Kleine nicht nur, sondern erzählte auch, wie daS seine Manker war, alles bei denselben vorge. sallene Benin kenswcrthe. Er sing bei Gath an und endete
