Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur 9t aff «mischen Allgemeinen Zeitung.
Kr. 42
SnmNaiz den 18. /ebenar
/S.5*
Herr Wallt und leine Kinder.
Skizze a uS dem bayerischen Alltagsleben von J. S.
(Fortsetzung.)
Der Wcihnacktstag war nun angebrochen; dumpf im Kopfe, von der durchschwâ'Mten Nacht, erhob sich in Wastl'ö Haufe die Familie. Tie Glocken halten schon lange zur Predigt und zum Hochamt gerufen; aber die noch Schlaflrunke- mn fanden die Ruhe im wannen, weichen B.tle zu fuß, um sie dem Gebete zu opfern. Uebe,dies mußten eist die Meit- wüiste geg'ssen werden, und bei der M.-lt.r und Tochter forderte auch die Toilette noch viel Zeit.
Angenehm war die Manänmsse bei den Jesuiten; überdies geböne es zum gnl.n Ton, dieser Messe bnzuwohnen, wegen der Annehmlichkeit, j desmal hübsche Musik aus neuen Opern zu hören.
„Wie nobel ist nicht da Alles," sagte oft Cenci, wenn sie m t der Mutter auS der Mffe wieder nach Hause kam. [ „Man si hl doch nicht so viele Bauern mit ihren übelriechenden Kleidern, sondern schmucke Lieulenauls und elegant gekleidete Damul."
Die rüste Stunde Vormittags war nun gekommen. Mit dem ncmn Kleide u. d dem schönen Pariser Hule ging Ceuei in die Michaelskirche; ihr Blick fiel oft, öfters als wie fiir her, über das Gebetbuch hinaus, und wenn sie hineinfab und im Texte das Wort „Liebe" laS, so bekamen diese Worte ein Leben, ein sinnliches Leben, von dem sie früher nie eine Ahnung hatte. Eine heimliche Freude durchzuckte sie, als sie am Ende ihres Betstuhles, in Dun sie sich öfters befand, den jungen Herrn wieder erblickte, mit dem sie gestern Abend so viel gesprochen. Die Buchstaben im Buche fingen vor ihren Augen an zu tanzen und «eckend sich zur Adonisgestalt dieses Mannes zu bilden. Sie sah nur ihn, und neben ihm dachte sie an das neue seidene Kleid und den schönen Pariser Hut. Vorne an den Treppen deS Hochaltars spielten die Musiker eine Arie aus „Romeo und Julie". Sie dachte wiederum
an den Schäfer und die Sstäferin im Gedicht; und bald hätte sie dabei vergessen, an die Brust zu klopfen, als der Priester in der Wandlung den b. Leib und das Blut unseres Erlösers in die Höhe hob, so sehr waren ihre Gedanken mit andern Dingen, nur nicht mit Gebet, beschäftigt. Die Dritte Messe war beendet; der Priester hatte sein „Ile missa esl“ gesprochen; Die Soldaten traten wieder in Ruh und Glied zusammen und maisch,, len zur Kirche hinaus. Vor dem Kir- cheulhore stand eine Truppe Neugieriger, theils Offiziere, theils junge Herrchen, mit der Lorgnette, und li. ßen die Mädchen die Reihe passiven. Unter diesen befand sich der junge M un mit dem Adonisgesichte; als Bekannter nahm er sich heute znm ersten Male die Freiheit, die Mutter mit der Tochter nach Hau e zu geleiten , und unter dem HauSthore verabschiedete man sich nach vielfältiger Einladung zum baldigen B.such
Der Vater war so eben nach Hause gekommen; Peppi fehlte aber noch. Er war in Die Theatinerkirche zur sogenannten galanten MZse gegangen, mußte dann noch die Musik der Wachparade vor der Residenz anhören und kehrte erst nach 12 Uhr heim. Cenci hatte sich neu angekleidel; sie er- waitete für den Nachmittag B.such von guten Freundinnen, und der Vater hatte für den Abend wieder eine Spielpartie bestellt.
Ebe die Essenszeit, gewöhnlich um 2 Ubr, Hera »rückte, unterhielt sich das Mädchen am Clavier; Der Vater berechnete indss.ii seine Capitalien und Die Zinsen ertrâgnifse, eine seiner LiehlingSbeset ättigungen in den freien Stunden, deren er so viele hatte; Peppi laS in Den „Mysterien von Paris", welche er sich von einem Freunde entlehnt hatte. Nun wurde der Tisch gedeckt und aufgetragen, und da eben kein Gast zugegen war, so D niste, Ehren halber, der alte Großvater mit- essen. Der Speisen waren viele und g suchte, der Appetit jedoch nicht mehr groß, Denn Herr Wastl war, gewohnter- maßen, nach der Kirche in ein Weinbaus gegangen, trank einen „Spitz" und genoß etwas P-quanteS, um sich den durch Punsch verdo,denen Magen einzurichten. Desto mehr wurde aber geplaudert. Cenci erzählte von jungen Herren,
