noch froher stieß die allgemeine Verwunderung, als, gegen das Ende der Parade, der Kaiser, selbst ein Riese und auf einem riesenhaften Pferde sitzend, sich höflich dem schwarzgekleideten kleinen Civilisten näherte und, sich zu ihm bis an den Hals seines Rosses niederbcugeud, ein Gespräch mit ihm in englischer Sprache anknüpfte, wovon ich in den Stand gesetzt bin, Ihnen den Inhalt mitzutheilen. „Es freut mich, Sie zu sehen, Herr Douglas!" begann der Kaiser. „Sie kommen aus dem Süden, von Odessa, und haben ganz Rußland durchreist. Welches sind Ihre Eindrücke?" — „Sire", erwiderte der schwarze Mann , der ein ausgezeichnetes Mitglied des amerikanischen Senates war, „ich habe Ihre Staaten und auch den Westen Europas gesehen. Dort sah ich die Vergangenheit; in Rußland aber sehe ich die Zukunft." (Kein übl^s Kompliment für einen Republikaner!) — „Sie kommen aus Constantinopel", fuhr der Czar fort. „Mau ist dort schlecht auf mich zu sprechen. Was bringen Sie von dort, Krieg oder Frieden?" — „Beides ist in den Händen Ew. Majestät", war die Antwort. Der Kaiser entschuldigte sich in der liebenswürdigsten und zuvorkommendsten Weise, daß er den werthen Gast aus einem Lande, „welches er bewundere", nicht persönlich in St. Petersburg empfangen habe; er versicherte ihm jedoch zu wiedtiholten Malen, daß er sich glücklich schätzen werde, ihm in jeder Weise zu dienen, und daß er schon Befehl ertheilt habe, ihm alle Anstalten zu öffnen, die er in Augenschein zu nehmen wünsche. Die Unterhaltung dauerte zwanzig Minuten, und selten hat der Czar sich gnädiger gegen irgend ein Individuum, gleichviel von welchem Range, gezeigt. Wie ich nachher erfuhr, war diese Zusammenkunft durch den Grafen Nesselrode vermittelt worden, dèr auch Herrn Douglas die Erlaubniß auswirkte, dem Autokraten in dem einfachen Anzüge eines amerikanischen Bürgers seine Aufwartung zu machen. Weder der Minister noch sein Herr fanden hieran etwas auszusetzen, da es dasselbe Kostüm ist, in welchem die Amerikaner vor ihrem eigenen Präsidenten erscheinen. Auch hatte der Kaiser Befehl gegeben, eine eigene Wohnung für Herrn Douglas in Krasnoje-Selo einzurichten."
* Krater zu Wiesbaden
XV.
3st denn fein Dalberg da? Gibt es keine Censur, die im Namen des guten Geschmackes, des gesunden Verstandes und der Wohlanständigkeit ihren Ausspruch über die Zulässigkeit eines Stückes fälle und das Publicum, die Bühne und die Kunst vor solchen Affronten wahre, die gestern Abend durch die Herren „Schulze und Müller in der Klemme" diesen angethan wurden. Soll denn die Kritik nur der Engel mit dem Nacheschwert sein, der die Sünder aus dem Paradiese treibt, wenn die verbotene Frucht längst genoffen und verschluckt ist.
Arme Schlucker, die eine solche Kost genießbar finden! Die ! „Vergnügungsreise" ist das fadeste und albernste Machwerk, das ; je das Lampenlicht beschienen. Was der Handlung an Inhalt abgeht, ersetzt der Verfasser durch geistlose Bearbeitung. Zoten ; und Zötchen, Zweideutigkeiten mehr oder weniger verständlicher Art müssen die Stelle des Witzes vertreten, triviale, den Hans- wurstkâstcn abgeborgte Späße, der Abhub des Jahrmarkthumors Die Pointen der Posse bilden. Der Verfasser hat nicht einmal das Talent, geschickt zu topiren und weinend verhüllt der Kladderadatsch sein Haupt über die lächerliche Entstellung seiner stehenden Figuren. Es war eine Beneficevorstellung, die aber dem Theater nicht zum Vortheil gereicht. Herr Grobecker (Schulze junior) sang einige treffende Couplets, der Carnevals- i zug war durch einige neue Charaktermasken verhindert, Dem ; Maskenzug in der Ballnacht auf ein Haar zu gleichen. Den . Fröschen, welche eine Quadrille aufführten, hätten wir gerne einen König oder den Tanz geschenkt.
Kürzlich wurde auch das „Kätchen von Heilbronn" wieder aus seinem Winterschlaf geweckt. Entweder hat daS Kätchen gealtert oder wir find nicht mehr jung. Es kam uns vieles ; im Stück so alt vor; auch ist die unmenschliche Treue des Nürn : berget Kindes längst zur Mythe geworden.
Endlich wurde auch wieder Der „Tannhäuser" ins Leben gerufen. Neu waren Herr Thelen (LauvgrasZ und Frl. Köhler (Beuns). Herr Thelen wird bei genauerer Bekanntschaft mit seiner Partie finden, wie günstig Wagner für die Stimme zu schreiben versteht. Frl. Köhler hat durch ihre Leistung jene ihrer Vorgängerin in das wahre Licht gestellt. Frl. Meyer, die mit anerkennenswerther' Gefälligkeit die Partie des jungen Hirten übernommen hatte, wird sich dies zur Aufmunterung dienen lassen. Was die Aufführung überhaupt betrifft, so hat das Finale im zweiten Act durch Die Hinzufügung einer früher gestrichenen Stelle sehr gewonnen. Dagegen können wir und mit dem rapiden Tempo der Ouvertüre nicht einverstanden erklären. Die Violinfiguien traten nicht deutlich genug hervor; auch gewann das Tonwerk dadurch nichts an leidenschaftlichem Ausdruck; wenn das Feuer nicht in der Komposition steckt, durch das Jagen wird es nicht hineingebracht. Auch war zu bedauern, daß das Grave im Schluß des Finale im zweiten Act nicht in seiner majestätischen Bewegung erhalten werden konnte, und einen Geschwindschritt einschlug, der bei der lang» gezogenen Herzergießung Walthers von der Vogel weide (Hr. Röhr) besser ant Platz gemessen wäre. Der Chor ließ in Bezug auf Präcision und Reinheit manches zu wünschen übrig. Die schönen Tage von Aranjuez sind vorüber.
Zur EagesgeSchichtc
** Ein Jude, der sein Leben lang in anscheinend kümmerlichen Verhältnissen zu Dublin gelebt hat, ist am 9. Februar' gestorben und hat den Londoner israelitischen WohlthätigkeitsAnstalten 400,000 Thaler vermacht.
** Am 12. Februar Morgens ist ein mit Kaufmannsgütern befrachteter eiserner Schleppkahn Der Frankfurter Gesellschaft im Rheine bei Oberm in ter, indem er auf der Fahrt auf einen Felsen daselbst gerieth und einen bedeutenden Leck erhielt, gesunken.
Berantwoninver Redacteur: Dr. Ji. Voc^ek.
Schnellpressen-Druck und Ervedition von Wilhelm Friedrich in Wiesbaden.
