Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Nr. 27. Mittwoch den 1. Februar /8S^
Der stille Kapellmeister.
Erzählung in drei Capiteln von J. Metzler.
(Fortsetzung.)
Vereinzelt ging Kaspar nun den Weg des Lebens weiter. Vereinzelt, denn selbst die Verwandten und Freunde der Familie mochten es sich nicht lange in der Gesellschaft eines wortkargen Maunes gefallen lassen, der nie einen ausschließlichen Freund und Vertrauten sich gewonnen und auch jetzt keine Miene machte, in dem Schatze der Umgegend nur zu wählen. Aber fühlte der fast Geächtete seine Vereinzelung? Da hätte er sie früher, als er sich selbst nicht hatte empfinden können, wie er gewollt, fühlen müssen; aber jetzt, da die letzte Rücksicht gegen Andere in eine der wärmsten Erinnerungen seines Lebens aufgegangen, er ein unabsehbares Feld zu selbstständigem Handeln vor sich liegen sah, jetzt war es unmöglich.
Noch war die Hälfte des Sommers übrig. Wie ein heißer Lockruf drang die Erinnerung an seinen ersten Ausflug nach Ems ihm in die Seele; mit Verlangen gab er nach. Wie kam eö, daß das zweite Begegnen der Klänge in dem schönen Badethale ihn noch mächtiger fesselte wie früher? Die Erlebnisse seit jener Zeit hatten die letzte Falte seiner Seele gelöst, welche vor dem Empfinden einer ersten Trennung nu- entdeckt geschlummert; jetzt verlieh ihr Entfalten und Mitwirken der ganzen eine höhere Fähigkeit des Begriffs, des Verständnisses, wie solche sie seither nie erfüllt hatte. Er ließ nun keine Gelegenheit vorübergeben, sich an Dem zu laben, was in dem Bade fast ausschließlich ihn anzog. Immer mehr lebte er sich in diese, von ihm tiefer nicht kennen gelernte Fassung der Töne hinein. Er drang ein in die Masse, die von so mancherlei Instrumenten gefügt war, und Das, was er vereinzelt sich vorführte, war ihm doch auch ein eben so große: Genuß. Bald hatte er die Art fast eines jeden der vertretenen Instrumente inne, dann aber fing erst recht die Zeit des Genießens an. Festtag auf Festtag folgte. Der , Glückliche bemerkte nicht einmal, daß der Sommer zur Neige !
ging und dachte nicht daran, daß mit ihm das bunte Leben und die Klänge an den Quellen sterben würden. Wie hätte er es auch bemerke« können, da die Tage, welche zwischen den Ernteausflügen nach dem Bade lagen, fast eben so rasch angenehm ihm vergingen wie jene andern selbst? Lebte nicht auf dem Hinwege schon von einem solchen Erntezuge alles Das, was er am Tage gesammelt, in seinem Innern auf und weckte die eigene, unbewußt fortschreitende Schöpferkraft, der es nur an einem Auswege in das Aeußere und Bleibende gebrach, daß bald das Gehörte mit eigenem Fühlen und innerem Fassen harmonisch wirkte? Schlief er ja einmal auf dem spätgesuchten Lager ein, ohne dem Gedächtnisse die eine oder andere schwierige Stelle des Gehörten entnommen zu haben, hatte er da nicht den frohen Glauben, daß mit dem ersten Blicke in den kommenden, sonnigen Morgen Alles mit einem Male ihn überkommen würde? Selten ward er getäuscht, zeitweise nur hingehalten. Ganze Tage selbst mochte das Gedächtniß die Antwort schuldig bleiben, allein endlich mußte sie kommen. — Ein ununterbrochenes Fragen und Antworten klang in der Seele: wie war es dabei zu wundern, wenn unwillkührlich eine Aehnlichkeit des Gesuchten im Flusse der Empfindungen sie streifte und auf den rechten Weg führte? Oft war es auch eine Aeußerlichkeit, die ihn leicht und neckend dem Gesuchten näher brachte. Unverkümmert war die Lieb« zur Natur ihm geblieben. War es da nicht häufig eine Blume derselben Gattung, wie in den thauigen, heimlichen Kelch einer solchen er den andächtigen Blick vergraben, als er einst zu Ems die warme Göttermilch eines schönen Tonstücks getrunken, aus welcher nun in ätherischen Perlen die Erinnerung ihre Auferstehung hielt? . . .
Bald sank die Sonne in herbstliche Kreise. Zögernd legte die Natur den Schmuck der warmen Tage ab; aber noch ehe die letzten Blumen des Herbstes vergangen, erstarben das Leben und die Klänge in dem wärmefordernden Badethale und damit halten die heurigen Feste des Freundes aus der Nähe ein Ende. Aber einen wahren Schatz hatte Kaspar in dem während des Sommers Gehörten gesammelt. Es brauchte blos ein leiser Hauch die bergende Seele zu berühren und
