Der Wanderer
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Kr. 2«
Dienstag den 24. Januar
1844.
Q Die Lerstörung der Zrdenburg
Erzählung aus dem Gebiet der Sage von K. S.
(Fortsetzung.)
Am Krankenbette ihrer Mutter saß die bleiche Agnese, schwer hatte die Schreckenskunde die Jungfrau getroffen, stumm saß sie, kein Laut verrieth die Leiden ihrer Seele, keine Re- gung zeigte wie tödtlich die Wunde sei, die der spitze Pfeil zerrissen hatte; seit jenem Trauertage, als der Mönch den Ardenburger enthüllt hatte, lag eine kalte Ruhe auf jenem Gesichtchen, das sonst stets Lächeln und Heiterkeit umspielte, eine Ruhe, die schrecklich war; niemand konnte ihr Schweigen verstehen; niemand konnte es begreifen, wie das zarte Töch- terchen, dem nie noch etwas Trauriges begegnet war, so Schwere- mit so viel Starkmuth tragen könne; — doch je ruhiger ihr Aeußercs war, desto mehr litt ihr Gemüth, desto unheilbarer war ihr Seelenleben geknickt.
Es war der erste Schlag, den Agnese aus heitrem reinen Himmel traf; es war ein Schlag, der ihren ganzen schönen Traum zernichtete, die freundliche Illusion grausam zerstörte. — Das schöne Bild, das ihr die Zukunft entrollte, sank in Nacht und eine dunkle schwarze Hülle umzog ihren Geist; kein Sternlein winkte der Armen freundlich zu, zeigte ihr Pfad auS dieser traurigen Oede.
Auch Frau Bozzes Lebensfaden war zerrissen und nur lose hielt der Knoten, den die Kunst eines alten Arztes (eines Mönches) geschürzt hatte; nur der Gedanke an die Zukunft ihrer Tochter hielt den Geist der Mutter in dem matten Körper zurück. Die stille Ruhe Nesens schreckte sie und ließ für ihr Kind das Schlimmste ahnen; Mutter und Tochter wagten nicht aus gegenseitiger zarter Schonung des schrecklichen Borfalls zu erwähnen.
Nese, sagte jetzt Frau Bozze und setzte sich in die Höhe, Nese mein liebes Kind, gieb endlich meiner Bitte nach und mache einen Gang ins Freie; schon wochenlang stehst Du an meinem Lager und gönnst Dir weder bei Tag noch bei Nacht Ruhe, gehe hinaus in die freie Natnr und hole Dir
neue Kraft und neuen Lebensmuth; ich glaube cs ist hoch in der Sommerzeit, sage mir wie weit sind wir im Jahre?
Es ist Dreifaltigkeit vorüber erwiderte Nese, Mutter, fuhr sie fort, laß mich hier bei Dir, was soll mir Luft und Sonne? — sieh das Dämmerlicht, das hier im Zimmer herrscht, paßt gerade zu meiner Seelenstimmung, der Sonnen- schein wird mich verletzen, die Tageshelle wird mir wehe thun! — Nese, wenn Du mich lieb hast, sagte wieder Frau Bozze, so folge mir und gehe hinaus in das Freie ; die jetzige Jahreszeit erlaubt ja auch einen Spaziergang am Abend. — Endlich nach vielem Gegenreden gab Nese den Bitten ihrer Mutter nach in die frische Luft zu gehen und sie ließ Base Brigitta bitten gegen Abend ihre Stelle bei der kranken Frau Bozze zu vertreten; und Annchen und Traut- chen, Gespielinnen von Nese, waren eingeladen worden die bleiche Jungfrau auf ihrem Spaziergang zu begleiten.
Als die Sonne niedergegangen war und die Dämmerung ihren grauen Flor über die Landschaft breitete, schritt Jung, frau Nese mit ihren beiden Freundinnen über ihre Schwelle, eilig gingen sie über den Markt hinunter und hatten bald das Frei gewonnen. — Es war das erstemal seit jenem Un. glückstage, daß sie die Straße betrat und doppelt fühlte sie den wohlthätigen Einfluß, den die Kühle des Abends nach einem heißen Tage immer übt und wundersame Ruhe goß der abendliche Frieden in ihr Herz. — Noch viele der Bekannten Nesens lustwandelten in der Kühle und freundlich grüßend schritten sie an den Mädcheu vorüber. Den stummen Schmerz Agnesens ehrend, wagte niemand sie anzureden. — Eben war wieder eine lange Reihe ihrer Jugendgespielen an der Jungfrau vorbei gewandelt, als sich die sinnend dahin- schreitende Nese von starkem Männerarm umschlungen und aus der Reihe ihrer Begleiterinnen fortgetragen fühlt; ein Wehescyrei füllt die Luft und die harmlosen Spaziergänger hören mit Erstaunen und Entsetzen die Kunde von dem frechen Raube, vergebens strengten sie sich an den Räuber zu ereilen, doch dieser hatte an der Straße ein schnelles Roß bestiegen und sauste im Galopp mit seiner Beute davon. Agnese lag bewußtlos in des Ardenburgerö Arm. — Als der Arden-
