seine Gemahlin, eine Tochter Lord William Grandison's, die Jedermann für die schönste und tugendhafteste Frau in ganz England hielt.
Am andern Morgen sah die muthige Dame von den Zinnen ihrer Bürg die Schotten sorglos und mit der Beute von Durham schwer beladen dahinziehen und sie gedachte, daß viel brave Soldaten in ihrem Schlosse lägen und wie es eine Schmach für England wäre, die Feinde triumphireiid entkommen zu lassen. In solchen Gedanken ging sie zu ihrem Verwandten, einem jungen Ritter, Messtre Guillaume de Moir- tagu, und forderte ihn auf, für ihre und des Landes Ehre einen Ausfall zu wagen. Sie hatte eine beredte Zunge, einen bezaubernden Blick; mit vierzig Gefährten eilte der Ritter den Feinden nach, erreichte die Letzten, tödtete und verwundete Viele und kehrte mit 26 erbeuteten Lastthieren heim. Das Geschrei der Flüchtigen und der Waffcnlärm drang bis um Grafen William Douglas, der den Nachtrab befehligte. Sogleich hieß er Alle umkehren und das Schloß stürmen» Wohl gab es einen harten Kampf, mit Steinem und Pfeilen, Mann gegen Mann , allein die Besatzung wehrte sich brav, denn die Gräfin selbst erschien auf den Mauern, so schön, so freundlich und munter wie immer; da mußte sich ein Jeder so wacker wie Zwei schlagen und die Schotten zogen in der Abenddämmerung ab.
König David aber ließ am nächsten Tag Sturmmaschinen gegen die Mauern richten, die Gräben ausfüllen und zum neuen Angriff blasen. Viel zerbrochene Schilde, geknickte Fe. derbüsche gab es hüben und drüben, mancher Reiter verlor sein Roß, manch Braver starb unter den Augen der edlen Dame. In dieser Noth sprach Messire Guillaume zur Besatzung: „Lange können wir den Schotten nicht mehr wider, stehen, sind ihrer noch Hundert gegen Einen von uns; darum will ich zum König reiten und ihm unsere Bedrängniß erzählen; bis dahin haltet aus zu eurer und eurer Dame Ehre." Das schwuren sie ihm Alle und in der mondlosen, stürmischen Nacht, als der Regen die Schotten in ihren Zelten festhielt, ritt Messire Guillaume davon und kam glücklich zum König nach Berwick, wo dieser sein Heer versammelte. Als Eduard von der Noth der schönen Gräfin hörte, brach er sogleich auf, 6000 Ritter in prächtigen Harnischen, mit den wehenden Federbüschen waren um ihn. Bei seinem Nahen zogen die Schotten davon. Zur Mittagszeit war Eduard an derselben Stelle, wo das Zelt des schottischen Königs gestanden und zornig, weil er seine Feinde nicht mehr fand, sprang er vom Pferde und ging mit wenigen Begleitern auf das Schloß zu, AM zü' sehen, wo die Schotten gestürmt und wie die Engländer sich vertheidigt. Da ließ die Gräfin alle Pforten der Burg öffnen und kam im schönsten Schmucke ihrem Gebieter entgegen, dankte ihm für die Hülse, die er ihr gebracht, in
wohlgesetzten Worten. Und alle Ritter schauten sie verwundert an und glaubten, es wäre eine liebliche Erscheinung, so schön und herrlich war Frau Alice.
König Eduard aber ward wie bezaubert von ihrem Anblick. Er sah, ohne ein Wort zu sagen, nur immer in ihr erröthendeS Antlitz, so daß die edle Dame endlich in große Bestürzung gerieth; er dachte bei sich, solch' ein Weib hätte er nie erblickt und es gäbe auch kein zweites auf Erdew, sv reizend und adelig, „und Cupido, der Gott der Liebe, verwundete sein Herz auf lange". So gab er ihr sprachlos seine Hand und sie führte ihn in ein prachtvoll geschmücktes Zimmer. Zwar hingen Tapeten mit lieblichen Malereien an den Wänden und Silbergefäße von kunstvoller Arbeit schmückten die Tische, doch dem König entlockte» sie keinen Ausruf deS Vergnügens, keinen Blick, sondern tiefsinneUd trat er in eint Fensternische, stützte die Hand auf das Gesimse und verlor sich in wunderliche Gedanken. Inzwischen bewillkommte die Gräfin ihre andern Gäste, obgleich ihr Herz wegen der Blicke des Königs und seiner Traurigkeit sorgenvoll war. Endlich faßte sie Muth und ging zu ihm. „Sire, wollet mir verzeiheiff aber cs ziemt Eurer Hoheit nicht, trüben Gedanken nachzu- hängen, jetzt wo Ihr gesiegt und Eure Feinde nicht einmal Euren Anblick zu ertragen wagen." „Werthe Dame" — er* widerte der König — „als ich Euch in's Schloß trat, ist'S wie ein Traum über mich gekommen, so seltsam und wunderbar, daß ich schon darüber nachsinnen muß. Weiß ich doch nicht, was er mir bringe« wird." Frau Alice wollte ihn nicht verstehen : „Laßt die Sorgen und die Seufzer, edler Herr. Ihr seid der berühmteste Ritter in der Christenheit und wenn auch der Schotte Eure gute Stadt Durham verbrannt, so seid deßhalb nicht zu sehr bekümmert, Ihr werdet es ihm bald vergelten. Kommt zu Euern Rittern und seid fröhlich bei meinem Fest." — „Wahrlich!" rief da der König —- „das Alles liegt mir nicht im Sinn, aber Eure Schönheit, Euer Adel, Eure liebliche Anmuth — wißt, theure Dame, daß ich Euch liebe." (Schluß folgt.)
* Eheater zu Wiesbaden. XII.
Das Theater hat, abgesehen von der Blüthe oder von dem Verfall der dramatischen Literatur und Kunst, seine goldene und seine eherne Zeit. Die jeunesse dorée der Bühne fällt iw den Advent, wo sonstige Vergnügungen verboten find und in die Fastenzeit, wo die Menschheit nach Uebergaugsstadien vom Taumel des CarnevalS zu den nüchternen Bestrebungen deß All- taglebens lechzt, wo sie von den rauschenden Vergnügungen ermüdet und übernächtig im Theater schlafen oder die kopfhängerischen Lebensgeister wieder aufstacheln will und die Zahl der Besucher wächst. Die eherne Zeit für die Bühne ist hier der Sommer, da gilt eS mit ehernem Fleiß zu wirken, um den
