Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Nr. 305. Mittwoch den 28. December /»»».
Versetzte Liebe.
(Fortsetzung.)
. „WaS Kohlani, Stammbaum und Ebenbürtigkeit! Das find alte Geschichten, die in den Augen der Vernünftigen nichts mehr gelten: fraget nur nach im Lande der Franken!" mit diesen Worten unterbrach den Sprecher ein vorlauter Franzose, den die ernste und begeisterte Rede des Arabers verdroß. Er hätte aber gerne sein Wort wieder znrückgenom- men, als der Araber halb zornig, halb vornehm verächtlich ihn anblickte und mit strafendem Ernste also fortfuhr: „Was schwatzt mir da einer von Frankistan? So gehts, wenn man eine schlechte Erziehung genossen und nichts gelernt hat. Je« der Gebildete unter unS weiß ja, daß nirgends in der Welt das Pferdegeschlecht so schnöde behandelt wird, als bei den unbärtigen Weißgesichtern jenes Landes. Nicht genug, daß man dort dessen guten Vetter, den Esel, um allen angebornen Adel gebracht hat, also daß er jetzt trägen und knechtischen Geistes, gesenkten HanpteS und zusammengcschrumpft zu trauriger Mißgestalt einher geht; auch das edle Roß hätten sich längst, wenn es möglich wäre, in gleicher Weise um seinen Adel gebracht. Sie entstellen seine Gestalt, stumpfenden stolzen Schweis ab, als wäre er ein Hundeschwanz, den man kürzen dürfe nach den Launen der Tagesmode. Thiere, die in der Jugend der Slolz ihrer Besitzer waren und diesen wahrlich mehr Ehre einbrachten, als der Herrlein eigenes Verdienst, was sage ich, selbst deren Lebens- und Liebesglück begründeten, lassen sie den Rest ihrer Tage in Noth und Elend beschließen; sie quälen das edle Thier mit Kameels« lasten, mit Schlägen und Mangel, mit Scheltworten und Flüchen, und lassen es einen hundertfachen Tod sterben. Vor alten Zeiten haben sie jdort das Sprüchwort gehabt: des Herrn Auge macht die Pferde fett; aber wie ist eS jetzt?' Man verspeist nunmehr in diesen Ländern der Franken das Thier, das der Liebling ist jvon Männern und Frauen, das mit dem Krieger die Gefahr in Schlachten theilt; das Thier, mit dem der Mensch wie billig auf Du und Du steht, verspeist man wie Schöpse und Schweine und anderes gemeines
Vieh. Deßhalb ist auch dort 'beim Pferde — und das ist das Traurigste — erloschen das Feuer des großen AugeS, das ihm ja doch als Auszeichnung verliehen ist vor aller Creatur, erstorben die edle Denkart, der ausdauernde, fich aufopfernde Muth und Ehrgeiz der ächten Söhne des Stammes; ein feiger knechtischer Sinn, ein störrisches und scheue- Wesen, Sorgen der Nahrung, windige Eitelkeit — das ist in diesem Frankistan an die Stelle der edelsten Eigenschaften des trefflichsten Thieres getreten. Wer ein Mittel wüßte, diesem jammervollen Schicksal des dortigen PferdegeschlechtS abzuhelfeu und der Menschen Herrschaft darüber, die zur grausamsten Tyrannei und Quälerei geworden ist, so daß ich das Aergste nicht einmal neunen mag, in die gebührenden Schranken zu weisen!"
Es gehörte die ganze Pferdeliebyaberei eine- Mannes wie unseres Doctors, dazu, um diese langen Erörterungen über Dinge, die ihn über sein Anliegen nicht im Geringsten ; klüger machten, ruhig anzuhören. Doch jetzt riß der Faden seiner Geduld und er benützte die Pause, welche der Erzähler in seiner Berichterstattung machte, um ihn nochmals zu unterbrechen und zu fragen, ob denn das alles zur Sache gehöre? „Freilich gehörts zur Sache," erwiederte 'Johann wiederum mit derselbe» Trockenheit, wie vorhin; „werden's gleich hören, was Sie wissen möchten, Herr Doctor." Er nahm einen kräftigen Schluck und fuhr dann nochmals in seiner Erzählung fort.
Unser Philipp war ganz Auge und Ohr; was er hier sah und hörte, war für ihn mehr, als was für einen andern die lieblichste Musik oder das entzückendste Gemälde gewesen wäre; er mußte nicht, sollte er mehr über die herrlichen Thiere, mit allen Vorzügen der Pferdenatur ausgestattet, oder über die belehrenden und erhebenden Gespräche staunen, die in dieser Gesellschaft geführt wurden. Mit ganz besonderer Theilnahme hatte er das mit angehört, was er über die Leiden und Demüthigungen vernahm, denen seine Lieblinge, wie er selber nur zu gut wußte, jm Abendland anheim gegeben seien. DaS war ihm Alles aus der Seele gesprochen; hatte ' es ja ihm oftmals schon fast das Herz abgedrückt, zu sehen,
