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Der Wanderer. -- «sua>—-- Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Är. 304

Dienstag den 27. December

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Versetzte Liebe.

(Fortsetzung.)

„Ich war um jene Zeit mit einer Anzahl türkischer Pferde in die Gegend gekommen und von dem Herrn des Dorfs zur Pflege dieser Thiere angestellt worden. Als ein ungläu­biger Muselmann, wofür ich fälschlicherweise galt, bei dem Fremdartigen meiner Kleidung und meines Aussehens, und weil ich nicht viel mit den Leuten zu reden wußte, erregte ich bei den Bewohnern des Orts ohne meine Schuld Furcht und Grauen. Man sagte mir allerhand Zauberkünste nach, sprach von wunderbaren Kräften, die ich besitzen sollte; ich mußte sogar einmal einen durchaus unbändigen Hengst todt­gezankt haben u. dgl. m. Philipp, mit dem mich mein Be­ruf wiederholt zusammenführte, schloß sich mehr als sonst an jemanden an mich an; er wollte sich meine Kenntnisse in meinem Fach zu Nutzen machen, und wie's so geht, Gleich und Gleich gesellt sich gern, wir waren ja beide große Lieb­haber des edeln Pferdegeschlechts. Das eben machte ihn aber den Leuten noch mehr unheimlich, das Grauen nor mir wurde auch auf ihn nbcrgetragen, wollte man Kinder fürchtig machen, so hieß eS: „Wart', ich sag's dem Achmet, ich sag's dem rothen Philipp." Neid wegen der Vorzüge Philipps in sei­nem Fach war freilich auch mit im Spiele; zudem weiß man ja, daß einfältige Leute es überhaupt nicht gerne sehen, wenn einer etwas Sonderliches an sich hat."

„Genug, als sich's darum handelte, den Pferdehüter des Orts auf zehn Jahre auf's neue zu wählen, wurde einem andern der Vorzug gegeben, Philipp sah sich beruf- und brod- los und war in seiner Ehre auf's Tiefste gekränkt. Zu allem Unstern mußte er auch Vorstellungen, die ihm Anna seit län­gerer Zeit gemacht hatte, um ihn umgänglicher zu stimmen, und eine Unterredung mit ihm wegen der Zukunft dahin miß­verstehen, daß er glaubte, die Geliebte sei gleichfalls an ihm irre geworden, ihre Neigung sei im Abnehmen begriffen. So mit der Welt zerfallen, in bedauernswürdiger Gemüthsstim- i mung kam er eines Abends zu mir und erklärte, er sei fest *

entschlossen, fortzugehen, recht weit fort, und ich solle ihm dazu behülflich sein. Davon ließ er sich auch durch nichts abbringen; er hatte wirklich einen pferdemäßigen Eigensinn. So mußte ich also seinen Wunsch erfüllen; ich schrieb ihm einen Brief an einen Verwandten in Constantinopel, worin ich den Freund auf's Angelegentlichste empfahl, und gab dem­selben noch in derselben Nacht das Geleite zu der traurigen Reise."

Die Wanderung war natürlich mühselig und es mochte auch für den weltunkundigen, schüchternen Menschen nichts Leich­tes sein, sich in der großen fremden Stadt zurechtzufinden. Das Heimweh nach seinem Ungarn mit den weiten Steppen und den Menschenleeren Oedungen plagte ihn anfangs gewal' tig, auch Annas Bild trat mitunter vor ihn mit dem leisen Vorwurf, ob er ihr nicht denn doch Unrecht gethan habe; er hätte nicht so ohne Abschied fortgehen sollen, sie könnte ihm jetzt erst abtrünnig gemacht werden, und so fort. Dessen un­geachtet ging es dem Flüchtling nach kurzer Zeit zum Ver­wundern gut und er fand sich selber wieder. Er kam durch meine Empfehlung an einen Platz, der wie für ihn gemacht war. Er wurde Aufseher in einer Stuterei, welche ein rei­cher Israelit in der Nähe der Hauptstadt angelegt hatte. Zwar hatte er eine Zeitlang manches von der Härte und dem Geiz seines Herrn zu leiden, bis dieser sich von der großen Berufstreue und deu sonstigen kostbaren Eigenschaften seines neuen Dieners überzeugte und einen bessern Ton gegen ihn annahm. Was ihn aber am meisten drückte, das waren die Wahrnehmungen von der Unredlichkeit seines Herrn im Pferde­handel, da er zu dem Lug und Trug, den er täglich mit ans sah, schweigen mußte. Der Gute wußte noch nicht, daß daS so in der Welt Brauch ist, und daß bei diesem Handel der zweibeinigen Herrn des Pferdegeschlechts, selbst der Bruder den Bruder, der Freund den Freund hintern's Licht $u füh­ren sich nicht schämen, und daß mau dabei noch für einen ganz honetten Menschen gelten kann.

Doch für alles bot meinem Freund reichen Ersatz der große Pferdemarkt, der ganz in der Nähe seines Gestüts y« den Monat gehalten wurde. Jeden freien Augenblick benutzte