Der WarZderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen TLllgemeiueu Zeitung.
Xr. 282 Mittwoch den 30. November /sm.
Der Mensch denkt's, Sott lenkt's.
Eine schwäbische Familiengeschichte.
(Schluß.)
Noch ein Eveigniß.
Die Aussteuer war fertig, das Hochzeitskleid bereit, nur die Mama wußte noch tausend unentbehrliche Diuge, an die man bis jetzt noch gar nicht gedacht hatte: Fruchtsäcke und Sameusäckchen, Abwischlappeu und Aderlaßbinden; es war wahrhaftig, als sei der fürsorgliche Geist des Papa in sie gefahren. Der Marie konnte nichts bescheiden und einfach genug sein; sic sagte niemals, wie bedrückt sie sich fühlte, so ganz die Nehmende zu sein, weil sie der Mama weh damit that, aber sie kämpfte lang im Stillen mit diesem bcschämen- den Gefühl, bis sic auch das versenkte in die Tiefe ihres de muthvollcn Herzens.
Nun konnte jeden Tag der Wilhelm kommen. Nicke fegte und putzte mit so verzweifelter Entschlossenheit, daß cs ein Wunder war, daß sie nickt die Balken durchfegte. Marie saß eines Abends, da Papa und Mama allein in den Garten gewandelt waren, in ihrem Stübchen, von all den bangen und frohen und wehmüthigen Gefühlen bewegt, die um solche Zeit in einem Mädchcnhcrzen einkehren. Da rief ih? Nicke in absonderlichem Ton: „Jungfer Marie, eine „^spaßige" Jungfer ist unten!" Marie eilte hinunter; da stand in der Dämmerung eine seltsame Gestalt, ein langes prächtiges Seidenkleid mit einer Schnur zum Gehen aufgeschürzt, die langen Enden einer eleganten Atlasvisite wie ein Halstuch nach hinten geknüpft, bestäubt und ziemlich erhitzt, mit allen Spuren eines weiten Marsches. Die schwarzen Augen, die zwischen dem verwirrten Rabenhaar hervorsahen, ließen sich nicht verkennen.
„Katharine! um Gottes Willen, wo kommst du her? Komm, schnell in mein Stübchen." Dort setzte sich die Er- schöpfte nieder und begann zu lachen wie toll, sobald sie zu Athem kam. — „Da bin ich! mit der Grafschaft ist's aus!" — „Aber wie, warum?" — „Das sollst du hören. Dazu i bin ich zu gut, daß der seine Schulden zahlt mit dem, was (
die Mutter zusammengekratzt hat, und mich dann in die Ecke stellt wie einen Sack, wenn er geteert ist. Ich hab' ihn gleich nickt wollen, obschon ich ein dummes Ding bin, was ich mein Lebtag bleibe, aber ich ließ mich überreden. Da schickten sie ein Dutzend Weibsbilder hinter mich, um mich zu putzen, und setzten mich in eine Kutsche und stellten noch extra eine alte Mamsell an, die mich Mores lehren sollte; keine Stunde war nur wohl. Und dazu sah ich mehr und mehr, daß sich der Herr Graf an mir schämte und nicht erwarten konnte, bis er mein Geld habe und mich bei Seite schieben könne. Da hab ich ihnen nun einen schönen Streich gespielt, und da bin ich!"
„Aber was willst du nun thun? ich bitte dich!" — „Zu Schulmeisters will ich und den Martin heirathen, des Schulmeisters Sobn. Das ist iirein heiliger Ernst, der hat mir gefallen, sonst keiner mein Lebenlang. Und wenn er mich auch nicht lieb hat, weißt du, so recht, wie man dich lièb haben muß, ich weiß doch, daß er mich nimmt, und daß er gut gegen mich sein wird, und ich und mein Geld sind am besten bei ihm aufgehoben."
Daß sie damit recht hatte, fühlte Marie in tiefster Seele, und es waren nur noch Scheinwaffen, mit denen sie ihren Entsckliiß bekämpfte.- Wäre auch umsonst gewesen; kaum ließ sie zu, daß M^rie sie incognito mit einer Tasse Thee bewirthete, dann schlug sie ihr Seidenkleid über den Arm und wanderte im Eilschritt davon.
Das Erstaunen der Schulmeistersfamilie, deS Vormunds Hub des Grafen, alle Stürme und Kämpfe, inmitten deren „die Alte dieses unheilvollen Kriegs" die allerunbekümmcrtste Person blieb, lassen sich leichter denken als beschreiben. Am Ende ließ sich nichts macken, der junge Lehrer war ein geschickter, tadelloser Mann , der Vormund war am Ende froh, den Kobold von Mündel los zu werden, der Herr Graf ließ, wie man sich zuflüstcrte, sein beleidigtes Ehrgefühl mit einer anständigen Summe versöhnen, und Katharine kam als freudestrahlende junge Frau zu Wilhelm und Marie, die vor ihr ; in den Hafen eingelanfen waren, und Wilhelm versöhnte sich vollständig mit der lange gefürchteten Krebsiu.
