wie reich sie ist, sie selbst soll's gar nicht wissen, obschon sie Tag und Nacht Geld zählt." (Fortsetzung folgt.)
O Aus dem bairische» Hochgebirge.
Von W. B. Scholz.
Und Himmel und Erde grüßen Den frischen Gesellen gern: Er ist ja auf der Wand'rung, Er sucht ja heim den Herrn.
Die erste Hälfte des Sommers war schon vorübergegan' gen; München, das neue Athen, das bei einem etwaigen Wettstreite mit der classisch-hellenischen Hauptstadt, gewiß nicht sein unclassisches Clima wird in die Schranken führen dürfen, hatte mit seinen ungeheuren Staubwolken und im Gewühle seines hauptstädtischen Treibens, schon manchmal den Wunsch erweckt, hinausziehen in die freie Gotteswelt And wieder einmal ein vertrautes Wort mit dem Herrn der Schöpfung allein zu reden, unter den Laubkronen seiner Wälder und auf den Gipfeln seiner freien, sonnigen Berge.
Starnberg und die Ufer des majestätisch-reizenden Starn- bergersee's waren im Laufe des Sommers schon besucht worden und jetzt stand ein kleiner Kreis von Freunden zusammen, um zuerst an jenen See und von dort aus in das bairiscbe Hochgebirg zu wallfahren, um auf den hohen Gnadenorten der Gebirgsnatur frisches Lebensalück zu schöpfen, und eine heitere, sonnige Erinnerung zurückzutragen in das stille, gemessene Wandeln der bald hereinbrechenden herbstlich kühlen Tage. Wie oft hatte man nicht, wenn man an Sommerabenden in das heitere Volkstheater der Vorstadt Au geschritten ist, auf der Jsaarbrücke Halt gemacht und in die Ferne geschaut, wo die blaue Gebirgskette sich emporhob und hinter ihnen die Tyroler Schneekuppen in die Wolken ragten! Ein damals schon oft ausgesprochener Wunsch sollte endlich erfüllt werden: reisefertig standen wir da und harrten nur auf die Abfahrt des Wagens nach Starnberg. Wir hatten Alles, was zur Reise nöthig war: heiteres Herz, festgearbeitete Schuhe, Gebirgsstöcke und mäßiges Geld; es fehlten uns zur vollständigen Glückseligkeit nichts als — Pässe nach Tyro l. Ein unglückseliges Mißgeschick hatte es vereitelt, daß auch nur einer von uns einen solchen Paß bekam. Dcr war mit dem seinigen unvisirt nach München gekommen und die österreichische Gesandtschaft hatte daher auch ihr Visa verweigert; dem fiel es erst um 2 Uhr ein, daß er nach Tyrol einen Paß nöthig habe und um 3 Uhr sollte abgereiSt werden; der dritte war in demselben Unglückfall wie der erste; der vierte versicherte in einem fort, daß wir alle keine Pässe nöthig hätten, da er vor ungefähr 10 Jahren die Bekanntschaft eines Landrichters von der Grenze gemacht hätte, den wir aufsuchen und
so einen Ausweis auf einige Tage erhalten wollten; — kurz keiner war besser bestellt als der andere, aber fröhlich und Wohlgemuth stiegen wir in den Wagen und ließen uns aus den Thoren Münchens hinaus kutschiren. Der Weg steigt außerhalb der Stadt empor und führt durch das nahegelegene Dorf Sendling, berühmt durch jene denkwürdige Schlacht des bairischen Landvolks, in welcher der in ganz Baiern bekannte „Schmid von Sendling, über der Leiche seines erschlagenen Sohnes stehend, der letzte von Allen, ein schrecklicher Würgengel, furchtbar die Schlacht zu Ende ficht und dann, aus unzähligen Wunden blutend, zusammensinkt über dem gerächten Todten und den Feind zu Athem kommen läßt. Bald hinter Sendling mündet die Straße in den königlichen Park und führt durch die herrlichen Waldungen desselben, die mit duftigen Wiesenflächen begrenzt sind, eine lange Strecke dahin. Schaaren von Rehen, die hier gehegt werden, auch Hirsche kommen furchtlos bis zu dem Wege heran; kaum daß sie bei dem Vorüberrollen eines Wagens aufblicken und sich stören lassen. Mitten durch den Park schneidet jene alte Römerstraße, die einst von Augsburg nach Salzburg geführt haben soll. Nach einer Stunde verlassen wir den Park; über freie Höhen führt jetzt die Straße dahin, und bald erblickt man die weite, stille Wasserfläche des Starnbcrgersee's, der sich zwischen waldgekrönten, anmuthigen Hügeln, breit und majestätisch hinzuziehen scheint bis an das ferne Hochgebirge.
Es ist schon Abend geworden; die letzten Sonnenfunken blitzen um die Gipfel der Ostseite, während die Westseite schon ihre tiefen, mächtigen Waldschatten über die dunkle Wassermasse wirft. Starnberg, der größte, aber am wenigsten an- muthige Ort an den Ufern des See's, nimmt die Reisenden auf. Alle Räumlichkeiten in den Gasthöfen sind hier schon in Anspruch genommen und obgleich es mittlerweile schon stark zu dunkeln begonnen hat, entschließen wir uns noch, die Seefahrt nach dem stillen, reizenden Leoni auf der andern Seite vorzunehmen. Wir stiegen ein, und langsam über die dunkel und lautlos ruhende Wasserfläche rudert der Kahn dahin. Ein dämmerndes Zwielicht liegt über dem ganzen See, daS bei den weit in die Wasserfläche vorspringenden tiefen Landschatten, die Ufer nicht mehr unterscheiden läßt; nur weit in der Ferne/ da wo man das Ende des See's kaum mehr erspähen kann, wird die Luft heller und lichter und das Leuchten der Nacht steigt von Dort aus empor bis zu den Gipfeln des Gebirges, die es im blauen, duftigen Glanze zeigt. Wie anders ist der Eindruck einer solchen ruhigen Seefahrt; bei der das Auge mit stillem Genuß immer auf denselben Bildern, denselben Gegenständen weilt, als der einer Rheinfahrt z. B. wo Berg und Thal, Burgen und Städte vorüberfliegen an den entzückten, trunkenen Blicken und immer neue Bilder den Eindruck der vorherigen verdrängen, und vergessen machen!
