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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Nr. 216. Mittwoch den 23. November zss».

Jer Mensch denkt's, Wott tenkt's.

Eine schwäbische Familiengeschichte.

(Fortsetzung.)

In seinem vierten Jahr aber nahm die Mutter Adolf einmal mit in die Kirche, was sie mit dem meist stillen und ruhigen Kinde wohl wagen konnte. Richtig stieg am Sonn­tag Nachmittag, den Herr Wezler wie immer im Schooß sei­ner Familie zubrachte, der kleine Bursche auf einen Schemel, streckte die Hände hinaus und fing an allerlei Unsinn pathe­tisch vorzutragen. „Was thust?" fragte der entzückte Papa. „Predigen," erwiderte das Kind ganz ernsthaft, und jetzt ging dem Vater das rechte Licht auf. „Hörst du's, Hanne?" rief er der still lächelnden Mama zu; „da hast's, was der wer­den soll!" — „Freilich," fing er bedenklich wieder an, „sind die Aussichten im geistlichen Stande äußerst gering; kann sechsunddreißig Jahre alt werden , bis er Pfarrer wird." — „Ja," stimmte die Mama bei, „wenn er keinen Patronats­dienst bekommt." — „Da hast d n recht!" siel der Vater ein. „Hier kommt alles auf vornehme Bekanntschaft an; er kann Hofmeister werden bei einem adeligen Herrn, macht Reisen, bekommt die Pfarrei auf dem Gut. Man.muß nur bei Zei- teu darauf denken. — Mein Vater selig hat einmal einem vornehmen Reisenden ein gebrochenes Bein eingerichtet," fuhr er nachdenklich fort; „aber das ist zu lange her; wir können ja sonst sehen."

Von Stunde an war er sichtlich erheitert, weil nun seine Fürsorge doch ein bestimmtes Ziel batte. Alle Spiele und Unterhaltungen, selbst die Kleidung des kleinen Buben sollten nun auf seinen ehrwürdigen Beruf bezogen werden. Trommeln und Trompeten, Peitschen und Säbel waren vcibannt, ein Schaukelpferd wurde mit Rücksicht auf einen etwaigen Filial­gaul endlich gestattet; von allen geschlachteten Schweinen des Hauses mußte von nun an die Haut abgezogen und gegerbt werden, um einen dauerhaften Einband für die Bücher des zukünftigen Studenten zn geben.

Aussicht auf die Patrouatspfarrei.

Ein Jahr darauf, als ein zweiter Sohn, Wilhelm, in der 1

Wiege lag, der vor der Hand zu nichts als höchstens zum Marktschreier Fähigkeit zeigte, schienen Herrn Wezlers Hoff, »nagen bereits eine Stütze zu gewinnen. Es kam aus Ver­anlassung eines Manövers Militär in's Städtchen, und nur wer es selbst erlebt hat, weiß, welchen Sturm solches Solda- tcnleben in eine friedliche kleine Stadt bringt, in der die Schulbuben schon einem einzigen Musketier nachgclaufcn sind. In allen Häusern wird Wochen lang vorher geputzt, gerüstet, gekocht, gebacken, geräuchert und eingesalzen, als ob jede ein­zelne Hausfrau das ganze Regiment zu versorgen hätte. Und wenn sie einrücken, die todesmuthigen Helden, welche Erwar­tung, wen man in's Quartier bekommt, welche Verwunderung, daß der Krieger auch ebenso ißt und trinkt wie ein ander Menschenkind! Dann das klirrende Leben und Treiben auf den Straßen; wie wichtig ist schon das simple Wasserhosen für die Mägde, wenn die Brunnen von den jungen Kriegs- göttern umlagert sind; die Wachen, die Patrouillen, die schö­nen Mlisikaufführungen vor den Häusern, wo hohe Offiziere wohnen — das alles ist eine Art Bezauberung, noch ehe der Schlachttag anbricht und die Krieger mit wallenden Büschen, die Sieger zum voraus sorgsam bezeichnet, in Sieg oder Tod abziehcu. Und welch reichen Gesprächsstoff gibt das noch nach­her in allen Visiten, wo jede Hausfrau sich rühmt, den artig­sten Quartiersmann gehabt zu haben!

Das war nun freilich in einer Zeit tiefsten Friedens, wo das Städtchen dergestalt heimgesncht wurde. Den Manövern, als einer Anstalt, die von Sorge für die Zukunft zeugt, war Herr Wezler besonders hold und er bat sich mit großem Eifer Quartier aus. Er wurde auch wirklich zum Lohne seiner Be- reuwilligkeit mit zwei Gemeinen und einem Lieutenant bedacht, der nicht bloß von simplem Adel, sondern ein rechter, leben­diger Graf, ein Graf von Schrcckeuhorst war. Das war eine Wichtigkeit. Am Tage, wo das Militär einrückte, unter­suchte Graf Wezler in eigener Person das Gastzimmer, ob es auch würdig hergestellt sei. Den alten Stiefelknecht überzog er eigenhändig mit braunem Glanzpapier, damit er polirt er scheine, und als die Frau bedauerte, kein Beltcouvert, sondern bloß Federdecken zu haben, da plünderte er sein Cholerama-