Der Wanderer.
----—«■e»e»3<gw--
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
sir. 268 Montag den 14. November iss»
Der Sohn des Paria.
Ein Sittengemälde auS Ostindien.
(Fortsetzung.)
Jrrady eilte nach dem Thore des Tschauvady, wo die wandelnden Garküchen sich schon mit ihren gewaltigen dampfenden Töpfen eingefunden hatten, und brachte ihrem Sohne eine Schüssel voll gekochten ReiS, den sie ihn aufzuessen bat, damit er wieder zü Kräften komme. Auch gab sie ihm etwas Toddy oder gegohreneu Palmwein zu trinken, welcher dcu Parias die Stelle des Arak vertritt. Gegen Mittag endlich, als Tollar sich hinreichend erholt zu haben schien, belud sie sich mit dem leichten Gepäcke , das ihre ganze Habe bildete, und Beide schlossen sich an eine Karawane an, welche nach (Melitta aus brach.
Die Truppe, mit welcher der junge Paria und seine Mutter reisten, bestand aus Hindu's von den untersten Kasten, die sämmtlich arm waren und, mit einer großen Anzahl von Weibern belastet, zu Fuße wanderten. Der erste Tagmarsch war daher auch kein großer, sie konnten nicht einmal daS Tfchauvady erreichen, sondern mußten am Rande eines mit Schilf und Gebüsch bewachsenen Sumpfes unter freiem Himmel übernachten. .
So langsam auch die Karawane vorgerückt war, so hatte doch Tollar, dessen Kräfte das Fieber sehr stark mitgenommen batte, ihr doch nur mit größter Mühe folgen können. Als der Zug anhielt, sank er ganz erschöpft auf die dünne Matte, die ihm die Mutter auf den Boden hingebreitet hatte, und bat sie mit fast tonloser Stimme um einen Trunk Wasser. Jrrady hatte ihren Wasservorrath jedoch schon unterwegs aufgebracht und sah sich vergeblich nach einer Lache mit Wasser um; sie eilte daher nach den wenigen Mangobäumen, die am Rande des Sumpfes wuchsen, um daselbst einige von ihren Fruchten zu pflücken. Aber leider waren die zunächst stehenden schon von den vorangegangenen Pilgern rein abgeplündert und sie mußte sich daher tiefer in ein entfernter lie- gendeS Gehölze wagen. Kaum war sie jedoch in demselben verschwunden, so ertönte daraus ein dumpfes Gebrüll durch '
den ganzen Sumpf. Das Schilf bewegte sich, ein gewaltiger Tiger brach daraus hervor, stürzte nach dem Mangogehölz und erschien alsbald wieder, mit der schreienden Jrrady zwischen seinen Zähnen.
Auf den Schreckensruf Tollar's kamen alle Pilger herzugeeilt, standen aber wie angewurzelt, als sie den großen Tiger gewahr wurden.
„Meine Mettler! rettet doch meine Mutter!" schrie der Jüngling wie aberwitzig, sprang erschrocken auf und suchte um sich her nach einer Waffe.
Die Hindu blieben gelassen stehen und sagten: „der Tiger hat nun seine Mahlzeit; er wird uns heute Nacht ruhig schlafen lassen*)!"
Tollar war ganz außer sich mit. ansgestreckteu Händen und vcrzwciflungsvollem Jammergeschrei dem Tiger nachgestürzt, und hatte ihn beinahe schon aus den Augen verloren, als das reißende Thier plötzlich im Laufe auhielt und seine Deute fallen ließ. Eine Truppe Europäer auf Elephanten bog nämlich gerade um die Ecke des Sumpfes, und die Elephanten ließen beim Anblicke ihres natürlichen Feindes jenes helltö- ucnde Wichern hören, das ihrem Angriffe stets vorangeht; dann stürzten sie alle ans einmal auf den Tiger zu, der sich zusammenduckte, nach Katzenart davon zu schleichen suchte, und, als er sich allenthalben eiugeschlvffen sah, mit einem feigen Trotze, aber mit blutunterlaufenen funkelnden Augen und drohend geöffnetem Rachen den Angriff der Gegner gewärtigte. Der Kampf war kurz, aber blutig. Einige Schliffe warfen den Tiger nieder, der dann unter den Tritten del Elephanten rasch vollends verendete, so daß Tollar, als er zur Stelle kam, nur noch eine formlose, blutende Masse antraf. Der junge Hindu eilte auf seine Mutter zu, die wenige Steinwürfe davon entfernt, bewußtlos in ihrem Blute lag. Er kniete neben ihr nieder, hob sie in seinen Armen auf und rief sie mit Jammergeschrei bei ihrem Namen. Diese Stimme und die Lobpreisungen des Jünglings brachten daS arme
*) Die Indier versuchen nämlich niemals, sich der größern Randthiere zu erwehren.
