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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Nr. 237

Dienstag den 1. November

185.3.

Nur ein Schreiber.

Ein Provinzleben in vier Capiteln erzählt.

(Fortsetzung.)

War es die Leerheit, die in uns klaffend zurückbleibt, wenn eine liebe Person plötzlich unempfohlen von uns gegan­gen ist, war es ein längstverhaltener Wunsch, der jetzt seine Erfüllung möglich sah, Amalie nahm den großen Schlüssel- bund, den Herrn aller Schloßgcmâcher, und schlich unbemerkt, da alles Gesinde auf dem Felde war, an die Thür gegenüber der Canzlei und öffnete so ungestüm, daß sie den Schlüssel einmal wieder zurückdrehen mußte. Sie trat in bas Zimmer des Actuars. Sie sah's zum ersten mal. Erstaunen malte sich in ihren Zügen; man hatte von der Art, wie sich Sprin­ger zu kleiden pflegte, auf eine phantastische Dekoration seiner Wohnung geschloffen; aber da war Alles so rcgistrirt wie der Bücherkatalog des Kaufmanns Groß; die sechs Paar Glanzstiefeln zunächst der Thür standen aufmarschirt da wie Husaren ; im Ganzen Zimmer kein Spiegel. Die Sessel aus Nußbaumholz, ungepolstert. Sie waren vor das Bett und um das Tischchen paarweise gereiht und an dem Bücherschrank, dessen Scheibe ein Vorhang verhüllte, war ein Zettel ange­klebt, Ler nichts anders als eine Stundeneintheilung enthielt. Amalie sah sich ängstlich um und kam erst aus der Furcht, das rechte Zimmer verfehlt zu haben, heraus, als sie aus der geöffneten Schublade Springer's Schriftzüge erkannte. Ueber der Thür bemerkte sie zuletzt eine Schmctterlingsammlung, in deren Mitte ein ungewöhnlich großer Todtenkopf ihr einen Schauder erpreßte. ... Es ist doch merkwürdig, daß gerade der leichtsinnigste Vogel ein solch ernstes Wappen an sich trägt. . . . Amalie nahm rasch ein Heft aus der Schublade, als wollte sie der unheimlichen Gesellschaft der angespießten Flügler entgehen und machte große Augen, als hinter dem ersten Blatte, das mathematische Figuren enthielt, mit großen Lettern geschrieben stand: „Rückblicke auf mein Jugendle­ben." . . . Sie glaubte Tritte zu hören, eilte rasch der Thür zu, zog die Schlüssel ab und schloß von innen zu. Mit klop- . fendem Herzen ging sie daran, die Seele eines Menschen leib- <

hastig vor sich zu sehen, die Worte eines aus dem Schlafe Redenden zu belauschen; denn der Entfernte gleicht dem Schla­fenden. Ihre Liebe, beschwichtigte sie ihr Gewissen, gebe ihr das Recht, den Schlüssel zum geheimnißvollen Character Springer's zu benutzen, denn das Wohlwollen dürfe sich Das erlauben, was der Gleichgültigkeit oder dem Haffe zum Ver­brechen angerechnet werden müßte. Sie las nun mit glühen^ dem Antlitz und brennendem Blick.

Drittes Capitel.

Die Rückblicke.

Amalie las in Springer's Tagebuch: „Einem Menschen, der so in den Tag hineinlebt wie ich, ohne festen Plan, der die Zügel seines Geschicks dem spielenden Zufall überläßt und nur jene Mannhaftigkeit zu üben weiß, das Unabwend­bare, Selbstverschuldete mit Ruhe und Resignation zu tragen, ist es Pflicht, den andern Wanderern die Spuren seines Tritts, welche die Zeit verwischt, aufzudecken und zu bewahren; denn der Mann des Sieges deutet keck aus seine stets gegen­wärtige That, der geschlagene Feldherr aber zeigt, wie und warum er das Treffen verloren, nicht nur um sich zu ent­schuldigen, sondern seinen Nachfolgern zu nützen und dem Verstände der Menschheit zu genügen. Wer weiß, wie ich sterben werde, nur nicht siechen möchte ich, den Menschen nicht die Laune und Lebenslust verderben, wenn sie mich an­schauen! Dies war oft mein Fehler. Ich rechtete mit der Welt, daß sie kein Mitleid mit mir habe und und bedachte nicht genug, daß ich sie um die Freude betrogen, die sie an mir hätte haben sollen. Jeder Mensch ist schuldig, heiter wie ein Gott durch sein Sein zu ergötzen und dem Leben zu ver­söhnen; Mitleid heischen und Thränen — das heißt einen Bankrott machen, wobei die Menschheit Verlust erleidet."

„Meine Mutter war die Tochter eines Kirchendieners, Jonathan Springer, zu Hohenclbe. Meinen Vater kannte ich nicht, aber der Großvater nahm in meinem Bewußtsein dessen Stelle ein. Auch meine Mutter lebte mit ihm so, möcht" ich sagen, gattinhaft, daß die Familie einen lückenlosen Kreis schloß. Ich war ein kränkliches Kind, aus purem Zuckerteig;