Der Wanderer
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
IX» 252.
Mittwoch den 26. Veto der
t8M.
Nur ein Schreiber.
Ein Provinzlebcn in vier Capiteln erzählt.
Erstes Capitel.
Seiner Gnaden kommen.
Ist denn heute Sonntag? Die Glocken der vorder» sowohl als der hinter» Kirche regen ihre melodischen Zungen zu einem feurigen Zwiegespräche. Wer sie von weitem belauschte, der glauble ihr offene« Geheimniß in den Worten: Zur Trauung! Zur Trauung! zu hören; aber die Kinder, die Hartan neben dem weißen Schulhause bis zum grünen Pfarrgarten eine „Aufwartung" machen, wisscn's besser; die Kinder stehen seit ihrer Taufe her ohnehin mit der Glocke auf gutem Fuße und ihnen ruft sie schon zwei Stunden laug : Seiner Gnaden kommen! Seiner Gnaden kommen! ins gläubige Ohr. Während des halben Winters war Manchem die Vorahnung dieses Rufs ein Sporn, den Gebirgsfrost auf dem oft stundenlangen Wege zur Schule muthig zu tragen und, was ihm ebenso viel ist, dem Katechismus geduldig zu folgen, den Predigten zu lauschen und Vater-Unser am Schnürchen zu beten. Denn der Herr Graf läßt jährlich den armen Kindern seiner ausgedehnten, fast fürstlichen Güter, Schuhe, den fleißigen und frommen Prämrenbücher zukommen; doch ich thäte den Kleinen Unrecht, wenn ich die unruhige Sorgfalt, mit der sie schon vor Tagesanbruch heute mit ihrem SonntagSauzugc beschäftigt waren, der bloßen Selbstsucht in die Schuhe schöbe — nein! es war ein edlerer Reiz — „Seiner Gnaden kommen!" Das ist nicht drüben der Kaufmann Groß, nicht der Herr Pfarrer, auch der Herr Ober- amtmann muß sich vor ihm verstecken. Daß ist die Erlaucht, die Excellenz, der Graf! Damit ist Alles gesagt und der „alte Gras", das ist noch mehr als Alles
Der Lehrer wandelte von einem Kinde zum andern und schärfte von Zeit zu Zeit auf den Pfarrberg spähend den Empfangsruf: „Willkommen! Willkommen, Eure Excellenz!" ein; der Schulgehülfe ging hinter ihm her und foderte Jedem '
wieder ab, was der Lehrer gegeben, bis plötzlich Böllerschüsse erdröhnten und auf dem Gipfel des gegenüberliegenden Berges erst eine, dann eine zweite Kutsche erschien. Ein elektrischer Schlag fuhr durch die Reihen der Wartenden und schien auch die beiden Wagen zu beflügeln, denn schon waren sie den Pfarrberg herab und nach einigen Secunden entdeckte der begierige Blick in der ersten von zwei gewöhnlichen Braunen gezogenen Chaise einen bejahrten Mann — es war nicht der Graf — das „Willkommen Excellenz" floh schnell hinter den „Zaun der Zähne" zurück, um mit einem desto stärkern An- lauf wieder hervorzubrechen, als sich in der zweiten, schimmel- bespannten , ein Silberhaupt zeigte, das keinem andern als dem alten Grafen gehören konnte. Während die Lehrer und Seelsorger Lehren und Seelen vergaßen, erscholl es frisch uud voll aus dem Herzen und Munde der Jugend: Willkommen! Willkommen, Eure Excellenz! Und der alte Graf neigte sich freundlichlächelnd nach hüben und nach drüben und fuhr langsam um die Ecke durch den „Ring" dem Schlöffe zu, an dessen Einfahrt zwei schwarzgekleidete Männer ehrerbietig den „Herrn" empfingen.
Im Absteigen wandte sich der Graf an die höhere der beiden Gestalten mit den Worten: „Also er ist der Ober- amtmann ?"
Im Ausdrucke des letzten Wortes lag ein Anflug von Spott.
Der Angeredete verbeugte sich leicht und präsentirte seinen Nachbar, einen schmächtigen, bleichen Mann von reifem Alter und sagte: „Bitte um Vergebung. Dies sind der Herr Ober- amtmann !"
Der Schmächtige verschluckte die eingelernte Bewillkommnungsrede aus Aerger über die Verkennung (die seltsame Betonung seines Titels war ihm entgangen); auch ließ ihn der Graf stehen und verlangte auf seine Zimmer geführt zu werden. Er dankte den Rosenthalern und wollte von Rosenthal jetzt nichts als Ruhe.
Rosenthal ist ein Gebirgsstädtchen an der preußisch - schlesischen Grenze Böhmens, von Tannenwäldern rings umkränzt, vom Rosenbache lieblich durchfloffen; halbmondförmig streckt
