Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Massauischen Allgemeinen Zeitung.
Xr. 225 Samstag den 21. September /«»r
Schern mal.
Erzählung von der Küste Malabar. Aus dem Französischen des Th. Pavin.
(Fortsetzung.)
All' dieses Geplauder belästigte den Mahnt und erregte seine Eigenliebe; er schickte sich wieder an, seinen Elephanten zu treiben, der anfing, die Geduld zu verlieren. Das erste Zeichen böser Laune, das dem Thiere entfuhr, war ein heftiger Tritt mit dem Fuße in den Kanal; die Zuschauer, die nur mehr als zwanzig Schritte ringsum mit Wasser und Schlamm bedeckt wurden, merkten nun, daß cs klug wäre, sich zu entfernen.
„Subala, Subala," sagte der Mahut Scherumal vor Zorn und Scham zitternd, „willst mir eine solche Schande vor aller Welt machen? Mir, der Dich aufgezogen hat, der Dich abgerichtet hat seit dem Tag, wo Du noch so jung von den Zeigern des Radja gefangen worden bist? Subala, noch einmal angestrengt und ich führe Dich morgen hin, daß Du die schöne Mallika grüßen kannst! . . . ."
Diese letzten Worte, die er mit leiser Stimme dem Elephanten in's Ohr gesagt hatte, schienen auf das edle Thier wie ein Talisman zu wirken. Er gab dem Balken einen solchen Stoß, daß er ihn mitten aus dem Schlamme losriß; aber sogleich fiel er wieder zurück, es war also entschieden, der Versuch war über die Kräfte des Thieres. Wüthend über daS Mißlingen erhob der Elephant seinen Rüssel, wie ein Atblete die Faust, die zum Schlage bereit ist, erheben wurde. Eine heisere Stimme ertönte aus seinem Halse und die Menge fürchtete sich. Die Wuth bemächtigte sich des wilden Thieres, es kehrte in den wilden Zustand zurück und drohte, den ersten Anfall seiner Wuth an dem Mahut auszulassen, dec dem Jnstincte des Thieres als das Sinnbild des Zwanges und der Sclaverci sich darbot. Scherumal berechnete die ganze Größe der Gefahr; seine Ehre, — es gibt eine solche für alle Arten von Geschäften — seine Ehre als Elephantenführer zwang ihn, alles zu versuchen, was einem Menschen mög- . lich war, um das gefährliche Thier, daS seiner Sorge anver- '
traut war, zu bemeistern. In dem Augenblick, als der arme Hindu, der beinahe nichts mehr von seinen Bemühungen hoffte, durch Rufenund Stoßen Gehorsam und Furcht einzuflößen suchte, schien Subala sich zu beruhigen. Seine Bewegungen wurden weniger auffahrend, er schüttelte weniger grob den Führer, der sich auf seinem Halse auklammerte; endlich schwang sich sein Rüssel nicht mehr in den Lüften, wie eine furchtbare Keule. Eine sanfte Stimme, welche furchtsam zu seinen Ohren tönte, brachte ihn vollends zur Ruhe, es war die Stimme der Mallika. Augezogen durch die Menge, die sich um den Kanal bängte, hatte das Mädchen ganz schnell das mehr weiße Gesicht des Arabers in Mitte der schwarzen Hind« unterschieden.;
„Ah, mein armer Scherumal," sagte sie zum Mahut, indem sie sich ihm näherte, „Du hattest gewiß Subala sehr mißhandelt, daß er gm^ in Zorn war?"
„Jst's meine Schuld," entgegnete Scherumal, der vor Furcht, Freude und Verwirrung stammelte, „ist's meine Schuld, wenn dieser Nakohah sich in den Kopf setzt, aus dem Wasser Balken ziehen zu wollen, die schon fünfzig Jahre darin liegen, weil man sie nie hat herausziehen könnep?"
„Er hat das Recht zu wählen, was er zahlen kann," erwiderte Mallika. „Schau', willst Du weinen, wie ein Weib, im Angesichte aller Einwohner von Alcpo? Es fehlt nur noch das, um Dich ganz mit Schande zu bedecken nach der Schlappe, die Dn eben erfahren hast, von der man schon im Bazar- spricht."
„Wenn ich weine, so isi's vor Wuth," sagte lebhaft der Mahnt; dann trieb er von Neuem den Elephant in den Kanal. Das starke Thier hob nicht ohne Mühe den jBalken auf, den es schon aus dem Schlamme losgerissen hatte. Langsam und mit Vorsicht rückwärts gehend, zog er ihn bis an die Hälfte auf das Ufer, faßte ihn noch einmal, zog ihn Schritt für Schritt und legte ihn endlich in seiner ganze» Länge an den verlangten Platz. Alle diese Bewegungen, die eben so viel Pünktlichkeit als Verstand erforderten, führte er
I so zu sagen im Tempo aus, unter der Leitung Scherumals, ' dessen spitziger Stock auf ihn wirkte, wie das Steuerruder
