Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Massa ui scheu Allgemeinen Zeitung.
Mr. 221
Dienstag den 20. September
18S3.
Scherumal.
Erzählung von der Küste Malabar. Aus dem Französischen des Th. Pavin.
(Fortsetzung.)
„Rechnet man Alles zusammen." sagte Tirupatty zu sei' nem Bruder, als sie ans Land stiegen, „so ist der Tag nicht schlecht gewesen; die zwanzig Rupien werden unS weil reichen."
„Ja," erwiederte Tiruvalla; „aber sie müssen uns noch den Streich zahlen, den sie uns gespielt haben!" Darauf antwortete Tirupatty mit einem auS der Kehle hervorgcstoße- nen Tone, der in der stummen Sprache der Fischer von Malabar heißt: „Wir wollen sehen."
2.
Mallika.
Wohl scchszig Jahre sSon befuhr der Baggcrow Fatah- er-rohman, oftmals ausgebeffert, den indischen Ocean. Diese Fahrzeuge sind solid ans Holz vom Thrkabaum gebaut und dauern fast eben so lang, als das Leben der Walisische. Seit zehn Jahren war der Rakodah Ausuff der Patron desselben und führte es von Mascat nach Alepo und von Alepo nach Maècat. Er vertauschte die Producte seines Landes, Salz, Kaffee, Wolle und lud an der Küste von Travancore Bauholz, Mastbäume, Taue, welche aus den langen Fasern der äußern Schale der Kokosnuß gemacht waren, mit einem Worte, alle Artikel, welche zur Schifffahrt gehören, Arabien aber fast ganz mangeln.
Als das Fahrzeug sicher vor Anker gelegt war, ließ sich Ausuff an's Land setzen. Es konnte Mittag sein; einige indische Kaufleute, nackt bis an die Hüften, die unter ihren flachen, runden Sonnenschirmen saßen, welche wie Schilde aussahen, zeigten sich noch am Landungsplätze, wo jetzt nicht mehr der Lärm der Arbeit, durch die Hitze des Tages unterbrochen werden konnte. Ausuff ging die lange Allee von schönen Bäumen entlang, durch welche man sich vom Ufer in die Stadt begibt; er ging dann über die Bazare, setzte seinen Weg fort,,
ohne zu halten, bis an den äußersten Theil der Vorstadt und kam so vor ei mm schönen Baumgarten an, in dessen Mitte eine mit Palmblättern bedeckte Hütte stand. Auf der einen Seite erhob sich eine Parthie hoher KokoSbäume; auf der an» deren trugen mit ungeheueren Früchten geschmückte Brodbäume auf ihren Aesten die biegsamen Stengel der Staude, die den Pfeffer gibt. Der Rakodah schlich sich verstohlen das Gehege entlang, welches das Gütchen von der Straße trennte. Bald blickte er um sich, um sich zu versichern, ob »Niemand ihn beobachtete, bald stellte er sich aus die Fußspitzen und suchte über das Gebüsch hineinzufchauen. Plötzlich entflammte sich sehr feuriges Auge. Hinter dem Gehege entdeckte er ein Mädchen, das am Rande eines Ziehbrunnens saß im Schatten einer Bambushecke. Es war Mallika, die Tochter deS Gärtners; sie schlief sanft, den Kopf auf die Hand gestützt, in der graziösen und natürlichen Haltung, welche ein Maler gewählt haben würde, um den Schlaf in der Gestalt einet Weibes darzustcllcu.
„Da ist sie," sprach Ausuff zu sich selbst, „in ihrem ganzen Glanze, die reizende Blume, deren Aufblühen ich seit drei Jahren erwartete! Ich will des Todes sein, wenn ein anderer, als ich, die Hand rührt, sie zu pflücken!"
Als er so zu sich selbst sprach, bemerkte er an der entgegengesetzten Seite des Gartens, wo Mallika ruhte, einen Hindu, der sich langsam näherte und auf dem Rücken eines Elephanten sitzend, durch die Baume streifte. Als der Hindu dem Mädchen gegenüber war, gab er mit dem eisernen Haken dem Thier einen kleinen Stoß auf den Hals. Das schwerfällige Thier verlängerte seinen Rüssel, packte am Ende einet Zweiges eine rothe Acazienblüthe, schwang sie mehrmals In der Luft und ließ sie gerade auf Malika's Stirne fallen.
Diese erwachte, aus ihrem Schlafe auffahrend, dann schloß sie die Augen wieder mit einem Lächeln.
„Du bist's, mein guter Subala," sagte sie halblaut; „Dank für Dein Geschenk. Da, nimm das für Deine Mühe." Sie warf dem Elephanten eine große goldgelbe Banane zu, welche das Thier im Wurfe auffing und mit sichtlichem Vergnügen in. seinen großen Mund steckte.
