Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauische» Allgemeine» Zeitung.
»>. 213. Dienstag den
13. September' iss».
Das VosLeman-Lammanda.
(Fortsetzung.)
Clas, der Leibjunge, mit einem Stück fetten, schwarzge« rauchten Fleisch in der Hand, von welchem er nach Art der Thiere mit den Zähnen so viel abbiß, als er mit seinem schönen weißen Gebiß vermochte, erschien, bestieg den Rücken des Boors, welcher sich seinen ganzen Länge nach auf dem Bauche ausgestreckt hatte, und begann diesen mit den Füßen zu bearbeiten, sowie man noch hier und da zu keltern pflegt, während der Boor von Zeit zu Zeit ein behagliches Ach und Oh ausstieß. Clas, endlich fertig mit dem Fleische, welches er während dieser Operation gemächlich verzehrt hatte, stieg nun herab und begann den Boor mit den Fäusten zu bearbeiten und zu knete», als ob er beabsichtige, den Boor in einen Klumpen Teig zu verwandeln. Endlich erhob sich der Boor, schüttelte sich und erklärte, die Naarheid sei afgezakt— das Uebelbefinden sei verschwunden.
ClaS erhielt hierauf Befehl, aus das Feld zu eilen und einige Reitpferde nach Hause zu bringen.
Ohne weitere Unterbrechung vergingen die Morgenstunden: die Hausfrau saß am Fenster und nâhte; bisweilen < entsank ihren Händen die Arbeit und ihre Blicke hingen gedankenvoll an jener blauen Hügelkette, welche den Horizont säumte. Ein krampfartiges Zucken an den Augen- und Mundwinkeln bewies jedoch, daß ihr gewöhnliches Phlegma jetzt sehr gestört sei. Und in der That litt sie die peinlichste Besorgniß um ihr einziges Kind, ihren Sohn, welcher der Heerde und den Die- den allein gefolgt war.
Mit affectirter Ruhe saß auch der Boor auf einem altväterlichen Lehnstuhle, in der Hand die Pfeife, woher er emsiger als je dicke Rauchwolken sog. Auch er konnte jedoch eine sichtbare Unruhe nicht ganz verbergen; er erhob sich von Zeit zu Zeit, öffnete die Hausthür und überschaute die weite Ebene, welche sich vor dem Gute ausbreitete. Zuweilen ergriff er ein kleines Teleskop, das über der Thür auf einigen Holzpflöcken lag, und überflog den Gesichtskreis mit sorgsamer Prüfung. Dann setzte er sich wieder.
Stunde auf Stunde verlief und nichts unterbrach die Monotonie. Das Mittagsmahl kam zur Tafel, aber der Boor gab vor, er habe Magendrücken.
„Lys!" rief die Hausfrau, und ein nacktes Buschmädchen trat ein, „Lys, nimm hinweg." Und Lys trug die Speisen hinaus. Alles blieb still wie zuvor; nur das einförmige Ticken einer Schwarzwälder Uhr, welche ihren Weg selbst in diese ferne Oede gefunden hatte, unterbrach die Stille.
„Jan noch nicht zurück?" wagte endlich die Hausfrau fra» gend zu bemerken, deren innere Unruhe so zunahm, daß sie nicht länger mehr ihre Arbeit fortzusetzen vermochte. Auch wußte sie sehr wohl, daß Jan nicht zurück war.
„Hum!" intonirte der Boor, „sein Pferd wird müde sein," obwohl es unverkennbar war, daß er weder seine eigne Ueberzeugung aussprach, noch in solchem Vorwande die Unruhe seiner Frau beschwichtigt hatte.
Oesterer nahm er das Teleskop und prüfte den Horizont. Eine leichte Staubwolke fesselte seine Aufmerksamkeit: es war nur eine Sandhose, die tanzend über die Ebene irrte. Unruhe trieb ihn aus dem Hause. Er ging nach den Kraalen und schaute in die Bontocke: einige nackte kleine Kinder kro» chen umher und auf schmutzigen Fellen saßen zwei alte, runz- lichte, blödsinnige Weiber, die aus hohlen Knochen Tacha rauchten, mit „Tap Baas, Tap Baas" grüßten und in stumpfsinniger Theilnahmlosigkeit weiter rauchten. Hinter dem Kraale erhoben sich ein paar felsige hohe Trümmer, die den jungen Lämmern als Schutz gegen den schneidenden Nachtwind dienten ; diese erstieg der Boor und richtete das Teleskop nach den verschiedensten Richtungen mit langer, ernster Prüfung. Allein auch diesmal, wie es schien, ohne ein befriedigendes Resultat.
So. vergingen die Stunden des Nachmittags und schon neigte die Sonne sich gegen den Horizont, als die Monotonie dieser Grenzwohnung durch Pferdegalopp unterbrochen wurde: es waren jedoch nur die Pferde, welche Clas auf dem Felde geholt hatte.
„Clas" sagte der Boor, als der Hottentot zu ihm hcran- jagte, „ClaS, bringe einen Haufen Holz vom Kraale und mache einen großen Ranch."
