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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

X»-. 212 Freilag den 9. September /ss».

Der Vicar.

Aus dem englischen Leben.

(Schluß.)

Mit jedem Tag erholte sich der junge Geistliche mehr und mehr und bald sah man seiner völligen Genesung ent­gegen. Schon durfte er im warmen Sonnenschein hinter der Mauer seines Gartens aus und ab gehen und die stärkende Luft einathmen, und kamen dann die Leute vom Felde, so hemmten sie ihre Schritte und nickten ihm freundlich zu, oder kamen auch herbei und fragten gutmüthig nach seinem Er» gehen. Er war erstaunt über die Beweise von Freundlichkeit, die ihm von allen Seiten entgegengebracht wurden. Man mußte während seiner Krankheit seiner lahmen Glieder ganz vergessen haben und sich nur der Güte erinnern, mit der er stets für Alt und Jung mit Rath, Trost und thätiger Hilfe zur Hand gewesen. Jeder hatte bei der Gefahr seines Ver­lustes getrauert und sich selbst beklagt, indem man ihn be­klagte; um so froher war man jetzt, ihn dem Leben erhalten zu sehen, und die theilnehmenden Worte, mit denen man ihm zusprach, fanden einen Boden, wo sie in reicher Saat wucher­ten. Mit erneuertem Muth blickte er nun in's Leben und auf seinen Wirkungskreis, der ihm jetzt in so freundlichem Lichte erschien.

Auch auf dem Pachthof war man theilnehmend den Wechselfällen seiner Krankheit gefolgt, und was Küche und Keller nur ausbieten konnten, wurde zu seiner Pflege gesandt. Der Pächter sprach jetzt manchen Abend beim Geistlichen ein, erzählte ihm von den Arbeiten auf dem Felde und versicherte ihn wiederholt, daß seine Tochter nicht eher vor den Altar treten solle, als bis er die Traurede halten könne. Williams hörte solche Versicherungen mit gemischten Empfindungen an und wäre dieser Aufgabe gerne überhoben gewesen. So wie aber seine Kräfte zunahmen, wuchs auch sein Muth ipib der Dorn in seinem Herzen schmerzte von Tag zu Tag weniger, wenn der Namen Ellen genannt wurde.

So kam den» wieder das fröhliche Pfingstfest herbei, und ; damit der Tag, wo er zum erstenmal die Kanzel wieder be- s

steigen und nach gehaltener Rede das junge Paar segnen sollte. Wie damals prangte der Maibaum vor allen Thüren und tie Dorfbewohner standen in ihren Festkleidern auf der Straße, um der doppelten Feier beizuwohnen. Die schöne Brant in glänzendem Schmuck, von Eltern und Bräutigam begleitet, hatte bereits, den Kirchgang angetreten und der junge Geistliche schickte sich an, ihnen zu folgen. „Bist du auch stark genug für die heutige Aufgabe, Ivor?" fragte seine Pflegerin mit besorgtem Blick; denn, seine Fieberträume hatten sie ja in seinem Innern lesen lassen: „Sei unbesorgt, Auguste," erwiderte er heiter, „ich habe überwunden und besser einsehen gelernt, was mir zu meinem Frieden frommt. Möge Ellen glücklich werden mit der Liebe, die sie heute entgegen bringt. Ich begehre solche Liebe nicht."

Mit frohem Muthe trat er seinen Weg zur Kirche an, und ohne Wanken der Stimme verrichtete er hier sein Amt. Nach beendigter Ceremonie wünschte er Brautpaar und Eltern herzlich Glück und lehnte dankend die Einladung zum festli­chen Mahle ab, an welchem Theil zu nehmen seine Gesund­heit ihm noch nicht gestatte. Zufrieden kehrte er dann in seine kleine Behausung zurück, wo sein Tisch bereits gedeckt stand, und so festlich geschmückt, wie die große Tafel im Pächter­hause; denn feine Pflegerin wünschte ^den Tag seiner Gene­sung durch eine kleine Feier zu begehen. Heiter nahm sie ihm gegenüber ihren Platz ein und legte ihm von den wohl­schmeckenden Schüsseln vor, die ihre Hand selbst bereitet. Zum Schluffe kam ein duftender Maitrank, mit dem sie die Gläser füllte, und das ihrige au die Lippen führend auf seine Gene­sung und ein fröhliches Wiedersehen trank. „Wiedersehen, Auguste?" wiederholte er fragend und maß sie mit einem großen Blicke; „dem Wiedersehen müßte ja eine Trennung vorhergehen, und du kannst mich doch nicht verlassen wollen?" — „Du bist genesen, Ivor, somit ist meine Aufgabe hier er­füllt, und ich kehre in die Einsamkeit meiner Berge zurück," sprach sie sanft und bot ihm freundlich die Hand. — „Also nur in kranken Tagen willst du bei mir weilen, Auguste? Gut denn, so werde ich nie mehr gesund, und die liebe Hand, die mich so treu gepflegt, sie halte ich fest bis in den Tod."