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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Maffanischen Allgemeinen Zeitung.

Xr. 200. Freitag den 20. August /sm.

Erfüllte Wunsche.

Eine Erzählung.

(Fortsetzung.)

Gaston traf Sarah nicht zu Hause, sic war zu einer Freundin gefahren, nur Frau Waldner und die kleine Ellen befanden sich im Wohnzimmer. — Die Aufregung, in welcher er sich befand, entging seiner Landsmännin nicht und - sic fragte mit plötzlichem Schrecken, als er zum drittenmal es beklagte, daß Mrs. Wilkin so lange verweile: „Sie kommen doch nicht, um Abschied zu nehmen?"

Gaston, welcher doch an die Möglichkeit eines Korbs von Sarah dachte, sagte lächelnd: „Wer weiß?" — Frau Wald­ner erhob sich, ging auf ihn zu, und seine Hand er­greifend, sagte sie mit bebender Stimme: „Dann muß ich mein Mrs. Wilkins gegebenes Wort brechen und einen Ge­genstand berühren, von dem sie mir verboten zu sprechen, weil cs Sie offenbar schmerzlich bewegte ■— von Ihrer Mutter." — Von meiner Mutter!" sagte Gaston mit wehmüthigem Lächeln. — Die Waldner war viel zu aufgeregt, um den Ausdruck seiner Züge zu beachten. Sie fuhr fort: „Ja, von Ihrer Mutter. Wann sahen Sie zuletzt die edle Frau?" — „Zwei Jahre vor ihrem Tode." — „War damals — verzeihen Sie meine unbescheidene Frage, aber von deren Be­antwortung hängt das Wohl und Weh meines Lebens ab — war damals ein junges Mädchen im Hause, das Marie hieß?" — „Marie! — wissen Sie von ihr? Meine Mutter hielt, so lang sie am Leben war, diese Marie wie ihre Tochter." — „Lebt sie — lebt sie noch?" — „Ich habe bei meiner Abreise von Europa Marie gesund im Schlosse Cronbcrg ver­lassen." — Da stürzten aus den Augen des armen Weibes zwei Thränenströme, und die Hände faltend sagte sie: „Ge­lobt sei Gott! Gelobt sei Gott!" —Gaston stand eine Weile staunend vor ihr; da fuhr eS wie ein Blitzstrahl durch seine Seele, und die Hand der Landsmännin ergreifend, rief er athemlos: „Wissen Sie etwas von Marien? von ihrer Her« kunft, ihren Eltern?" — Frau Waldner wischte die Thränen aus den Augen, und Gaston groß ansehend, sagte sie: „Und '

wenn ich etwas wüßte? — waâ dann?" — „O dann wäre alles gut! Der Geist meiner Mutter geht klagend durch unser ödes Schloß —Marie leidet —-- ich gehe zu Grunde!" •- „Da sei Gott vor! Dann will ich reden! Ja, ich kenne Mariens Heikunft, ich kenne ihre Eltern." — „Wenn Sie mir sagen, wer sie sind, so schwöre ich beim Andenken meiner Mutter — obgleich ich selbst nicht ahne, wer dieß ist--" „Sie ahnen nicht, wer Ihre Mutter ist? Sind Sie nicht Graf Gaston, Gräfin Violantcns Sohn?" — „Ja doch, ja doch! das alles später; aber wer sind Mariens Eltern?,, — „Sie schwören mir, daß Sie es nie verrathen wollen?" — „Bei meinem Leben, bei meiner Ehre!" — Nun wohl, ich bin Mariens Mutter, ich habe sie vor neunzehn Jahren durch einer Bäuerin zur Gräfin Violante bringen lasten." — „Aber wie kamen Sie dazu? — Verzeihen Sie, aber wenn Sie wüßten, weßhalb sch diese Frage mache—" — „Wie ich dazu kam? Weil ich Violante als die edelste Frau kannte; während eines jahre­langen Aufenthaltes in ihrem Hause hatte ich ihre schöne Seele kennen lernen. — „Und wie hießen Sie damals?" fragte Gaston noch immer athemlos. — „Damals hieß ich — wer weiß, ob Sie je den Namen des unwürdigen, aber unglücklichen Flüchtlings vernommen? — damals hieß ich Felicitas von Werther."

X.

Lösung.

Gaston schrie laut auf, er umarmte in stürmischer Freude die Frau, die ihn nicht begriff. Nun war alles aufgehellt, die dunkeln Reden seiner Mutter und Georginens, die Liebe der Gräfin zu dem Kinde, da sie dessen Herkunft wohl ge­ahnt, Mariens Erscheinen auf dem Schlosse. Nur eiues blieb unaufgeklärt: ihre sprechende Aehnlichkeit mit seiner schönen Großmutter. Freilich konnte das auch ein Zufall sein, aber dieser Gedanke erinnerte ihn daran, zu fragen, wer denn Ma­riens Vater sei?

Frau Waldner verhüllte ihr Antlitz und trat zum Fenster. „Seinen Namen darf ich nicht nennen", sagte sie bestimmt» „ich habe ihm geschworen, daß, jo lange ich lebe, sein Name