Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
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Samstag den 30. Juli
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Der Schmied von Heuuefeld.
Erzählung von 8. Nell st ab.
(Fortsetzung.)
Neben der Tochter saß die Brautmutter. Sie schien auch nicht so vergnügt als man hätte denken sollen, bei dem Hochzeitfest ihres einzigen Kindes! Es mußte ihr wohl so nahe gehen, daß die Tochter gerade krank war an ihrem Ehrentage! Oder dachte sie an weit vergangene Zeiten? Oder ging ihr sonst etwas unruhig im Herzen und Kopf um? Wer weiß es! ? —
Auch der alte, ehrwürdige Pfarrer, dem man einen Lehnsessel neben der Mutter hingestellt hatte, schaute dem Tanz zu mit einem Antlitz, in dem die Liebe und der Frieden wohnten. Aber noch öfter richtete er seinen Blick auf die Braut und dann schien es, als wüchse die Liebe in seinen Zügen, aber der Friede war getrübt. Er sah nachdenklich, ja traurig aus. Er dachte bei sich: wie ähnlich sieht sie der Schwester, die ich mit demselben Manne getraut! Sollte ihr Schicksal ein ähnliches sein? So jung und schön, und so früh — —
Es war nicht bloß der Anblick und die Erinnerung, die den alten Pfarrer so ernst stimmte, er wußte wie es um diese Heirath stand! Marse war zur Beichte bei ihm gewesen. Sie hatte ihm bekannt, daß sie sich widerstrebenden Herzens dem Maune nahe, der sie jetzt heimgeführt hatte. Sie that es der Mutter zu Liebe, die die Heirath auch nicht gerne sah, aber dem Drängen des Schmieds nicht widerstreben sonnte, da er ihr, das Gerücht log nicht, eine ansehnliche Summe Geld vorgestreckt hatte, die sie nicht zurückzahlen konnte I Bon Haus und Hof konnte er sie bringen, und ihre Marie, ihr Herzblatt, war eine Bettlerin, mußte dienen gehen bei fremden Leuten, fort aus dem Hause, wo sie aufgewachsen war, wo die Mutter achtunddreißigJahre in Liebe, Züchten und Ehren bei dem Manne gewohnt hatte, das Haus, das er selbst ihr erbaut!
Das Alles hatte Marie dem Pfarrer auvertraut und er hatte ihre kindliche Liebe gelobt, und die gute Tochter geseg- , IIet, ihr den Trost gegeben daß der Herr sie schützen und be- *
hüten, ihre Zukunft zum Heil führen werde! Doch freudige Hoffnungen konnte er ihr, konnte er sich selbst nicht einflößen. Was Wunder also, daß er mit Trauer auf die Jungfrau blickte, welche mit dem Brautkranz im Haar so bleich ihm gegenübersaß! Was Wunder, daß er den fröhlichen Lärmen der Hochz»itgäste, die lustigen Tänze des Geigers, die alle Füße in Bewegung setzten, kaum hörte, ja den Tanz selbst, in dem sich die jugendlichen Paare lustig drehten, kaum sah? — denn die Dorfbewohner jubelten, wie auf jedem Hochzeit- schmauß; für sie war es nur ein Fest; was dachten sie viel an die Braut und Brautmutter!--
Der Spielmann nur zog doch öfter die Blicke des Pfar^ rers auf sich. Es war ein seltsamer Gesell! Er geigte, daß Alles nur so jauchzte. Hui pfiffen die Töne , so hell wie b« Lerchentrillcr, und die Füße der Tänzer zappelten ordentlich vor Lust, wenn er so recht einstrich! Aber er selbst sah au-, als hörte er seine Geige gar nicht; die braunen Wangen, die gerunzelte Stirne, der feste Mund blieben starr, ja finster, und zu dem eisgrauen Haar wollten die lustigen Schleifer und Hopser auch nicht passen Er stand fast mit dem Rücken gegen das Brautpaar, so daß auch der Pfarrer ihn nur von der Seite sah; meist schaute er in das Blaue hinaus, gar nicht auf die Tanzenden. Zufällig aber wandte er sich, sein Auge traf den Pfarrer und blieb lauge auf ihm haften; es war als ob der Anblick thu wehmüthig mache. All- mählig drehte er sich weiter zu ihm um, so daß er auch das Brautpaar ins Gesicht bekommen mußte. Da plötzlich riß er mit einem wilden Strich mitten im Takt ab, daß es kreischte, wie wenn alle Saiten, gesprungen wären, und mit starrem Blick blieb er an der Braut hangen, als ob er am Hellen Mittag ein Gespenst sehe. Der Tanz stockte, verwundert schauten sich die Leute an. Die jungen Burschen rüttelten den Geiger und riefen : „Vorwärts doch, Spielman»! Was soll das?" — Da war er, wie einer, der aus tiefem Schlaf gerüttelt wird, oder wie ein Mondsüchtiger, der auf einem Dach erwacht. Er taumelte ordentlich! Doch fetzte ; er seine Geige wieder an's Kinn und spielte weiter, erst »hilf, * kaum hörbar, dann immer stärker, endlich wie toll und wild
