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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

xr. 169. Donnerstag den 21 L«li /m.

Der Provisor

Eine Erzählung auS dem schwäbischen Volksleben von Louise Pichler.

(Fortsetzung.)

Sie hatten das Haus erreicht und standen jetzt in der Stube; draußen schüttete der Regen, die Bäume trofen, je und je zuckte ein heller Blitz durch das Dunkel und der Don­ner übertönte das Geräusch des Regens; es war, als ob „Grund und Boden gehen wollten", wie man sagt, und un­willkürlich kam in Johannes ein Gefühl des Behagens auf, daß er im Trockenen war. Er sah sich in der Stube um, er war lange nicht hier gewesen; er wußte nicht, wie es ihm heut« so wohnlich und nett hier vorkam. Es war freilich kein Clavier da, nichts als Tisch und Bank sammt dem blau angestrichenen Kasten in der Ecke und des Aehnis altem, le» derbeschlagenen Lehnstuhl, den Kathrine jetzt für ihn herbei­rückte. Aber alles war so sauber, so hell, und die Nelken auf dem Fensterbrette blickten so freundlich in die Stube herein; man fühlte, daß ein paar junge, thätige Hände hier schalte­ten; seine Mutter drüben war so alt und verdrießlich.

Diese Betrachtungen waren Johannes durch den Kopf ge­gangen, während er schweigend den gebotenen Lehnstuhl an­nahm und bald in die Gewitterschauer hinaus, bald in der Stube umher schaute. Endlich erinuerte er sich doch Kathri­nens; da stand sie mit furchtsamem Blicke, blaß und merklich zitternd; sie fürchtete sich im Gewitter, wie sie überhaupt et­was schreckhaften, furchtsamen Wesens war.

„Fürcht'st dich, Narr?" sagte Johannes, indem, zum er­stenmal nach langer Zeit, sein Mund zu einem flüchtigen La­chen sich verzog. Eben fiel ein Schlag, der das Haus erzit­tern machte; Johannes sah das Mädchen zusammenschrecken ; er schlang den Arm um sie und zog sie an seine Seite. „Fürcht' dich nicht", sagte er ernsthaft „rück' an mich her, wenn dir bange ist!" Kathrine antwortete nicht, aber sie schmiegte sich wirklich an ihn an. Es ward ihm wohl dabei, nicht zwar, als ob seine Empfindung irgend mit jenem Feuer verwandt gewesen wäre, das sein ganzes Wesen verwandelte,

als er Rosinen zum erstenmal sah; nein, es war ein ruhiges, tief inniges Gefühl. Und diese Stimmung führte ihn zurück in seine lang vergessenen Kinderjahre. „Kathrine", sagte er plötzlich, „weißt' noch, wie wir mit einander in die Schule zum Dorf hinab gingen? Ich war bei den Großen, als du zu den Kleinen kamst; das dauerte noch ein paar Jahre bis zu meiner Einsegnung. Ich weiß nicht, wie ich jetzt grad' drauf komme — man ist doch glücklich, so lang man ein Kind ist! Weißt du noch, wie mich der alte Schulmeister alle Mon­tag eine Stunde über die Zeit dabehielt, weil ich meine Sprüche nicht konnte? Da bliebst du wahrhaftig während dessen vor der Thüre sitzen, du wolltest nicht ohne mich nach Haus gehen."

Kathrine antwortete nicht, aber Johannes hörte ihren Athem schneller gehen und fühlte ihre Hand zittern. Er wandte sich aus die Seite, um ihr in's Gesicht zu schauen, das sie verbergen wollte — sie weinte. Heftig rannen ihre Thränen, und jetzt hielt sie die Hände vor's Gesicht und schluchzte. „Kathrine, was hast du?" rief er bestürzt und er­staunt; sie antwortete nicht, aber sie schluchzte immer stärker, es war, als ob ein Schmerz, den sie lange gewaltsam im Herzen verborgen, endlich sich losgerissen hätte und sich nicht wieder bewältigen ließe. Es war sonst nicht ihre Art, so hef­tig zu thun.

Da tagte es allmählig in Johannes Herzen. Kathrine war für ihn bestimmt gewesen; daran, was auch sie leiden mochte, als ihn die Liebe zu einer andern fast von Sinnen brachte, hatte er nie auch nur einen Augenblick gedacht. Sie machte sich so wenig bemerklich, daß es kein Wunder war, wenn man sie vergaß. Wenn sie um ihn litt, was er um Rosinen! Jetzt erst erwachte in ihm ein herzliches, inniges Mitgefühl; er hatte sich so lange nicht mehr um andere be- kümmert, nun vergaß er seinen eigenen Groll über dem Schmerz des Mädcheits. Ihre Thränen brannten ihn in der Seele, und doch thaten sie ihm wieder sowohl. Er blickte sie un­verwandt an, halb bekümmert, halb freudig bewegt, er wußte nicht wodurch. Je länger er sie aber anschaute, um so wär­mer ward.S ihm um's Herz. Wie hatte er doch so lange