Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Xr. 16S.
Mittwoch den 20. Juli
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Der Provisor.
Ellie Erzählung aus dem schwäbischen Volksleben von Louise Pichler.
(Fortsetzung.)
Iohannes durchzuckte es wie ein Blitzstrahl; Bitterkeit und Liebe, Hoffnung und Trotz regten sich in ihm zu gleicher Zeit; er wußte nicht, wie er die Besuchenden empfangen, wie er überhaupt diesen Besuch ansehen sollte, und ziemlich verwirrt begrüßte er die Eintretenden. — Gottfried hätte sich gerne entfernt, denn alle dergleichen Gesellschaft war ihm lästig; aber schon hatte man ihn gesehen. Die alte Base, augenblicklich den Provisor in ihm vermuthend, von dem seine Mutter so viel erzählt, kam auf ihn zu und siedete ihn mit esnem Schwall von höflichen Begrüßungen an. Rosine heftete das helle Auge mit achtungsvollster Neugier auf ihn. Er konnte sich nicht entziehen, er mußte die Gäste in's HauS hinauf begleiten. fIohannes folgte; niemand sah sich nach ihm um.
Geräuschvoll wurden die Gäste von der Fuchsbäuerin empfangen. Berwandtenbesuche sind unter Bauern selten; jedes hat zu viel auf dem eigenen Gut und Haus zu thun, um viel nach andern zu schauen. Um so mehr wollte die Fuchs- bäuerin jetzt sich „sehen lassen". Es wurde Most aus dem Keller geholt, trefflicher Trank von lauter Aepfeln; die Fremden konnten einen solchen kaum zu Hause haben. Dann wurde, alles Sträubens ungeachtet, sogar Kaffee gemacht; man mußte sehen, daß man auf dem Fuchshof stattlich eingerichtet war und nicht erst zum Krämer zu schicken brauchte, wenn man sich einen guten Tag machen wollte.
Während dessen aber lag's an den Söhnen, die Gäste zu unterhalten. Iohannes, der endlich einige Fassung erzwang, wechselte mit Rosine ein paar Worte. Sie antwortete in gleichgültigem Ton, ohne.Kälte, ohne Befangenheit; sie schien das Borgefallene als etwas Unwichtiges ganz vergessen zu haben. Ohne irgend einen Ausdruck ruhte das glänzende blaue Ange auf ihm, das ihm einst solche Flammen im Her- j zen entzündet hatte; ruhig wandte es sich dann ab, um mit ]
einer Aufmerksamkeit, wie sie Iohannes nie darin gesehen hatte, sich auf den Provisor zu heften. Dieser war in's Gespräch gezogen worden; Rosine las die Worte von seinen Lippen; endlich fielen ihre Blicke auf das Clavier, ein schönes Instrument, von Gottfrieds Provisorsgehalt angeschafft, da sein früheres zum Gebrauch eines andern Jucipicnten längst weggeschafft worden war. Sie bat den Provisor, etwas hören zu lassen; er weigerte sich, nicht aus Ziererei, sondern weil's ihm widerstrebte, die Musik, die seine liebste Beschäftigung war, und,vollends das ihm so theure Instrument der müssigen Neugierde unwissender Zuhörer preiszugeben. Aber das Mädchen wiederholte ihre Bitte^ und dieß in so bescheidener höflicher Weise, daß Gottfried unfreundlicheren Gemüths hätte sein müssen, als er in der That war, wenn er noch widerstrebt hätte. Er willfahrte demnach, öffnete das Clavier und spielte Webers letzten Gedanken.
Landleute, besonders Mädchen, lieben in der Musik wehmüthige Weisen; die meisten Volkslieder haben dergleichen ; sie regen das Gemüth mehr an, als solche von munterem Charakter. — Nun hatte Rosine vollends für nichts anderes mehr Sinn; mit einer Andacht, die eine ihr sonst fremde Weichheit über alle Züge ihres schönen Gesichtes verbreitete, hing ihr Auge unverwandt am Spielenden. Eine Zeitlang stand Johannes daneben; endlich ward's ihm zu viel, er verließ die Stube, schlug die Thüre hinter sich zu und eilte hin» unter auf die Wiese. Sein Herz war voll einer Flamme, die er wieder eingesogen aus Rosinens Augen; aber dießmal war es eine Flamme verzehrenden Hasses. Er liebte Rosine nicht mehr; jedes Gefühl für sie war erloschen in seinem Herzen, und so war cs nicht Eifersucht im gewöhnlichen Sinn, was er gegen den Bruder empfand. Es war eine Regung der Feindschaft gegen alle Welt, des Ueberdruffes an allen Dingen, die in diesem Gefühl gegen seinen Bruder sich jetzt concentrirte, ein wildes Verlangen, die Gluth zu kühlen, die ihn zu verzehren drohte, mochte auch daraus entstehen was da wollte.
Er trat aus dem Hause; der Himmel hatte sich mit Wolken überzogen, ein Gewitter war heranfgekommen, von der
