Studium der Theologie — ein anderes kennt man gar nicht — versteigt sich ein protestantischer Bauer für seine Söhne nicht. Nun war er versorgt. Er konnte in Ruhe warten, bis der Schullehrer sich vollends pensioniren ließ, dann konnte ihm die Schulmcistcrstelle nicht entgehen. Er blieb in der Heimatb, die Familie ward nicht getrennt und man hatte für die gebrachten Opfer doch auch die Ehre und Freude bei der Hand.
So dachte der Vater, aber nicht der Sohn. In der Hei- math sei in alleweg gut sein — nur nicht für einen Bauern, der zum Herrn geworden, meinte Gottfried. Jedermann kannte ihn noch als den schwächlichen Knaben des Fuchsbaners; die alten Leute kam cs sauer an, ihn „Sie" zu nennen und die Kappe vor ihm zu lüpfen; sie wichen ihm daher lieber ganz aus dem Wege; die jungen Bursche grüßten ihn gar förmlich als den „Herrn Provisor" , wo sie mit ihm znsammentrafen, aber je höflicher der Ton war, um so augenfälliger die spöttische Miene.
Waren sie alle doch mit dem Gottfried aufgewachsen, und hatten auf deS schüchternen Knaben Kosten sich tausendmal er- lustigt. Wie mit ihres gleichen mit ihm umzugchen, ging nun nicht mehr an, und eine andere Weise dänchte ihnen doch erzwungen und lächerlich. Gottfried konnte durchaus keinerlei Art Stellung unter ihnen gewinnen, und hätte ein Sängerkrauz oder Lescvercin bestanden, er hätte in dieser Spannung sich auflösen müssen.
Nur bei der weiblichen Jugend stand Gottfried in entschiedener Achtung und Anerkennung. Das Kleid und der Raug gilt bei den Mädchen im Dorfe so gut als in der Stadt mehr als der Mann selbst und als jeglicher Werth, selbst den des Vermögens nicht .ausgenommen. Was der Provisor that, sprach, wie er ging und stand, war ein steter Gegenstand der Bewunderung, denn er war der einzige seines Standes im Dorfe. Aber auch diese sichtliche Begünstigung vermochte ihn wenig über seine sonstige Vernachlässigung zn trösten; er hatte Schiller gelesen, und Goethes Werther, Fou- ques Zauberring und anderes. Auch die erregteste Phantasie hätte nimmermehr ein Bauermädchen von B. den idealen Gestalten einer Bertha und Lotte oder Thekla annähernd umbil- den können; in Gottfrieds Herzen konnte ein solches deßhalb niemals Aufnahme finden. (Forts. f.))
Vertiner Sommerwohnungen Von Ernst Kossak.
(Fortsetzung.)
Am Sonntage wird stets in deS Banquiers Sommerwohnung ein angenehmes kleines Diner gegeben. Dann stellen sich die ärmeren Verwandten, einige liebcsieche neu
backene Assessoren .'und Lieutenants in weißen PantalonS ein und entwickeln ungeachtet der Hitze einen kolossalen Appetit. An solchen Tagen steht bei den Schultern der jungen Damen im Kalender Vollmond und bei den Kehlen der jungen Esser Sturmfluth. Der Hausherr tuschelt in kurzen Intervallen, mit dem ersten Buchhalter des Geschäftes, der einzelne Sonn- tagsstnessen der Geldwelt hinausgebracht hat, und versenkt sich, aber nicht so weit, in den Ernst der Staatspapiere, um nicht den CourS der Flaschen zu beobachten und durch Winke den Bedienten zu bedeuten, wohin „die kleinere Sorte" gesetzt werden soll, gleichwie er auch jede hinausspaziercnde Bartneige wie eine scheidende Geliebte bis unter die Thür mit den Angen verfolgt. Nach ^Tlsch folgt der ländliche Kaffee mit aufgeknöpften Uniformen und weißglänzenden Westen, die noch vom Kadettenhause herstammen. Die Unterhaltung wird jetzt so geistreich, daß Bello der Wachtelhund, Caro der gastlich aufgenommene Hühnerhund und Jack der Affenpintscher sich für befugt halten, durch eingestreute blaffende und kläffende Bemerkungen etwas zur allgemeinen Heiterkeit beizutragen, was ihnen ungestraft hingeht, da alle Damen zu gleicher Zeit sprechen und alle Herren im Chorus lachen. Die älteren Herren ziehen sich alsbald in einen Pavillon des hinteren Garte »'S zurück und fröhnen dem Kartenspiele zu hohen Einsätzen; die jüngere Welt wirft sich auf die Vergnügungen, welche allein lebenslustigen Volk, wie Fohlen, Kälbern und Ferkelcin die liebsten sind; sie springt umher, oder tanzt zu dem gemietheten Klapperkasten. Die Nacht bricht herein, die Alten spielen noch, die Jungen tanzen noch und leise steigt der Mond heraus und wundert sich, waS die Menschen aus seiner Sommernacht machen!
II. Die Mauerritzen vor dem Thore.
Eine Sommerwohnung um jeden Preis! Das ist das Ultimatum der meisten Frauen am Anfänge des Mai's. Eine Sommerwohnung um jeden Preis — der vierzig Thaler nicht übersteigen darf. Diese vierzig Thaler stehen an der Polar- grenze der'Sommerwohnungen mit den Gesichtern nach den Wendekreisen der anständig gemäßigten Zone; man kann sie unter eine Kategorie — der Mauerritzen vor dem Thore zu- sammenfassen.
Um deutlich zu machen, welche Excesse in diesem Gebiete begangen werden können, muß man mit der untersten Klasse der Sommerwohnungen anfangen. Leute aus der Stadt, die sich nie so weit herabgelassen haben, an einem dieser Orte ihren Sommer zuzubringen, Leute, die Abends nach gemachtem Spaziergange ihr Abendessen in einem eleganten öffentlichen Garten verzehren, wissen gar nicht, an waS für Orten der mit der Sommerwohnungsmanie behaftete unglückliche Mensch hausen kann. An solchen Orten gebehrdet sich selbst
