Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Xr. 163
Donnerstag den 15. Juli
1853.
Geistige Liebe.
Von Emil Souvestre.
(Fortsetzung.)
Nach einigem Zögern vertraute sie mir, mit der Offenherzigkeit der Unschuld, die sonderbaren, ihr selbst unerklärlichen Empfindungen, welche ihre Gedanken so fortwährend beschäftigten; wie ihr in allen ihren Träumen, auch wachend, in Visionen unablässig die Gestalt eines jungen Mannes vor- schwebe, welche sie mir mit einer schaudererregenden Genauigkeit beschrieb, wie ein schnell vorübergehendes, undeutliches Geräusch, wie aus weiter Ferne, ihr den Namen des jungen Mannes verkünde, daß sie aber im völlig wachen Zustande sich wohl noch deutlich seiner Gestalt, aber nicht seines Namens erinnere. Als ich sie fragte, welchen Eindruck diese männliche Erscheinung auf sie mache, antwortete sie mir, ^hne ein Gefühl von Verschämtheit zu verrathen, mit der Unbefangenheit kindlicher Unschuld, daß sie sich auf eine unaussprechliche Weise von ihr angezogen fühle, daß sie jedesmal beim Erscheinen dieser Gestalt ein hohes geistiges und körperliches Wonnegefühl, dagegen beim Verschwinden, einen tiefen, brennenden Schmerz empfinde — Da ich einfach und treu berichte, was zu meiner Kenntniß kam und keinen Theatereffcct beabsichtige, so sage ich Ihnen hier gleich, ohne ihre Spannung zu vergrößern, daß die Gestalt, welche Anna auf eine so geheimnißvolle Weise beschäftigte, die Ihrige war."
Bei diesen Worten öffnete der Arzt ein Gefach seines Schreibtisches, nahm daraus ein Papierblatt und überreichte es Stanley, indem er ihn frug:
„Finden Sie dies ähnlich?"
, Stanley ergriff und betrachtete es mit Blicken, in welchen sich alle Gefühle, seiner Seele aussprachen. — Ja! eS war sein Bild, unverkennbar ähnlich, wenn auch vielleicht etwas von der Liebe geschmeichelt — Alles, was er jetzt erfahren hatte, war in einem so hohen Grade wunderbar, daß er sich in einem Zustande von Betäubung befand, vor welcher i die^ Wirklichkeit seiner Umgebung gänzlich verschwand. Mit '
der Bewegung eines Menschen, der den seine Brust bedrückenden Alp abzuschütteln sucht, stöhnte er kaum hörbar:
„Fahren Sie fort!"
Der Arzt begann von Neuem:
„Ich war in Nachdenken versunken über das, wa- mir Anna vertraut hatte, als sie meinen Gedanken, mit einem Blicke, worin Hoffnung und Sehnsucht strahlte, entgegenkam und sagte: — Lieber Hr. Varelle! es scheint mir, als könnten Sie mich aus diesem peinlichen, meine Kräfte verzehrenden Zustande von Ungewißheit ziehen, aus einem Zustande, der meinen lieben Eltern so viel Kummer verursacht und mich dem Grabe zuführen wird. Sie können mich so leicht ia magnetischen Schlaf versetzen; warum befragen Sie mich nicht in demselben? Sie können mir eine jede Frage vorlegen, die Sie für angemessen halten.
Augenscheinlich hatte sie den richtigen Weg aufgefunden, den ich einzuschlagen hatte, um zu einer Entdeckung zu gelangen. Ihn zu verfolgen, erheischte sowohl meine Pflicht als Arzt, wie mein Mitgefühl als Freund, um die Wüitsche eines liebenden Herzen zu erfüllen, wenn sie, wie ich zu hoffen stand, auf einen würdigen Gegenstand gerichtet waren. Vor allen Dingen mußte ich ergründen, wer der junge Mann sei, den eine übernatürliche Macht, auf eine so wunderbare Weise, mit Anna in Beziehung gebracht hatte, und alsdann meinen ganzen Einfluß aufbieten, um eine wünschenswerthe und heilsame Verbindung herbei zu führen.
„Um dahin zu gelangen, hatte ich dem jungen Mädchen eine Reihe von Fragen vorzulegcn, die ich lange bei mir erwog. Die von Anna bezeichnete Person schien, nach den Gesichtszügen, zu einem nördlichen Volksstamme zu gehören und von englischer Abkunft zu sein. Als ich Anna zum erstenmale in magnetischen Schlaf versetzt hatte, beschloß ich, sie über eine Menge britischer Namen zu befragen, um zu erfahren, ob sie den wieder erkennen werde, der ihr im Traume zugerufen wurde. Ich war genöthigt diesen Umweg einzuschlagen, da sie nicht im Stande war, eine directe Frage zu beantworten. —. Der Zufall oder vielmehr die Macht, welche uns Sterbliche mit Voraussicht und Weisheit leitet,
